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Minenjagdboot „Minden“ : Der versenkte Stolz von Poti

Im Hafen von Poti: Das georgische Küstenwachboot Ayety - früher Minenjagdboot Minden - ist bei den russischen Angriffen beinahe versenkt worden Bild: Helmut Fricke, F.A.Z.

Das einstige deutsche Minensuchboot „Minden“ erlebte im Dienst der georgischen Küstenwache einen zweiten Frühling - bis die russische Armee kam. Die schürte Angst durch Willkür und hatte keinen Sinn für seemännische Sentimentalitäten.

          Kapitänleutnant Juri Tschanturia kommandiert ein sinkendes Schiff. Es war einmal der Stolz der georgischen Küstenwache, die Männer sagen, sie hätten es sehr geliebt. Jetzt sieht die „Ayety“ aus wie ein Ertrinkender, halb versunken dümpelt sie im Hafenbecken von Poti. Kapitänleutnant Tschanturia war das letzte Mal vor etwa zwei Monaten auf Patrouillenfahrt. „Es ist wirklich ein sehr schönes Boot“, sagt er. Er streicht sachte mit dem Finger über die Ränder eines vergilbten Fotos aus besseren Tagen. Da steht er im Sonnenschein an Deck, an die Rehling gelehnt, die „Ayety“ ist auf Manöver mit den imposanten Kriegsschiffen aus den befreundeten Nato-Staaten. Der Kapitänleutnant schaut auf und sagt: „Dieses Boot war wie meine Familie, wie mein Haus.“

          Christoph  Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Die russische Armee, die den militärischen Teil des Hafens von Poti gründlich verwüstet hat, hatte keinen Sinn für seemännische Sentimentalitäten. Es tat offenbar auch nichts zu Sache, dass die „Ayety“ allenfalls im Kampf gegen Schwarzfischerei, illegale Verklappungen und Schmuggler in See gestochen ist. Niemals hätten Tschanturia und seine 28 Mann Besatzung mit dem 40-Milimeter-Geschütz am Bug die mächtige russische Schwarzmeerflotte herausgefordert. Viele Männer der Küstenwache schauten ohnmächtig zu, als eine von russischen Soldaten ausgelöste Explosion den Holzrumpf aufbrach und der hintere Teil des Boots im trüben Wasser versank. „Das Hafenbecken ist dort nicht so tief, dass das Boot ganz untergehen konnte“, sagt der Kommandant. Es ist etwa siebenundvierzig Meter lang und gut acht Meter breit.

          „Es wird euch nicht im Stich lassen“

          Tschanturia glaubt, die „Ayety“ wäre vielleicht noch zu retten, aber die Zeit drängt. Wasser dringt in den Maschinenraum ein. Wegen der überfallartigen Plünderungszüge russischer Soldaten auf dem Hafengelände schrecken die Georgier jedoch bisher davor zurück, die „Ayety“ zu bergen. Sie betreten das Areal nur äußerst ungern, solange es in Reichweite der russischen Armee ist, die nur wenige Kilometer entfernt an den Ufern des Rioni-Flusses Stellungen errichtet hat. Nur wenige haben sich bisher ganz kurz an Bord getraut. Das Gelände und das Boot könnten inzwischen vermint sein, sagen sie. Aber was, wenn wir das Boot retten, und die Russen jagen es dieses Mal gründlicher in die Luft?, fragen die Männer. So stehen Wut und Trauer der Besatzung der „Ayeti“ über den Untergang ihres Schiffs für das, was die Truppen des Kremls seit Tagen in Georgien praktizieren: Sie schüren Angst durch Willkür, sie demütigen die georgische Regierung und ihre Sicherheitskräfte.

          ...das ehemalige Minenjagdboot „Minden” überstand lediglich den ersten Angriff
          ...das ehemalige Minenjagdboot „Minden” überstand lediglich den ersten Angriff : Bild: Helmut Fricke, F.A.Z.

          Die „Ayety“ hatte ein erstes Leben, bevor sie nach Georgien kam: Das Boot fuhr 228.000 Seemeilen lang als Minensucher und Minenjäger M-1805 der Lindau-Klasse unter deutscher Flagge. Damals hieß sie noch „Minden“. „Deutsche Marinesoldaten haben uns früher gesagt, sie freuten sich dass das Boot weiter zur See fährt“, berichtet Kapitänleutnant Tschanturia. „Sie haben uns gesagt: ,Es wird euch nicht im Stich lassen'. Es hat uns nicht im Stich gelassen, wir haben keine Misserfolge mit dem Boot erlebt.“

          Die Georgier tauften ihr neues Küstenwachboot auf den Namen „Ayety“

          Im Januar 1960 lief die „Minden“ vom Stapel, zwischen 1975 und 1978 wurde sie vom Minensuchboot zum Minenjagdboot umgerüstet. 1997 wurde die Minden außer Dienst gestellt. Im Bundesverteidigungsministerium ist vermerkt, die „Minden“ sei im Mai 1998 „in Rekordzeit“, vom Minenjagdboot zum Küstenwachboot umgebaut worden. Das Marinegrau wurde durch ein strahlendes Weiß ersetzt, und schon im Oktober jenes Jahres wurde die „Minden“, wie es aus dem Ministerium heißt, an die Georgier „abgegeben“. Das sei nach dem Rüstungskontrollgesetz an befreundete Staaten auch möglich gewesen. Der Heimathafen der „Minden“ war fortan nicht mehr das niedersächsische Wilhelmshaven sondern das westgeorgische Poti.

          Die Georgier tauften ihr neues Küstenwachboot auf den Namen „Ayety“ - nach dem König Aietes aus der griechischen Mythologie, der einst auf georgischem Boden über das goldreiche Kolchis geherrscht haben soll. Aietes verlor, so heißt es in der Sage, seine Tochter Medea und das goldene Vlies an die Argonauten. Die Männer der georgischen Küstenwache verloren ihr Herz an die „Ayety“. Sie können viel über ihr Flaggschiff erzählen: Wie Waisenkinder bei einem Schulausflug glücklich an Deck herumtollten, wie die „Ayety“ einmal ein havariertes unbemanntes Fischerboot in den Hafen von Poti schleppte. Stolz erzählen sie von der Ausbildungsfahrt ins türkische Trabzon, und dass die „Ayety“ Windstärken und schwerem Seegang trotzte, während die anderen Boote im Hafen bleiben mussten; dass der Holzrumpf hart wie Stahl sei. „Wir haben uns an Bord immer sicher gefühlt“, sagt Kapitänleutnant Tschanturia.

          „Ich war schockiert und fassungslos“

          Dann kam der Krieg nach Poti. Es muss kurz vor Mitternacht in der Nacht vom achten auf den neunten August gewesen sein. Russische Kampfflugzeuge tauchten am Himmel über Poti auf, bombardierten den Hafen und trafen dabei den zivilen Sektor. Alan Middleton, der Chef der Hafenverwaltung, lag zu dieser Zeit im etwa achtzig Kilometer entfernten Batumi im Bett. Er wurde durch das Telefon geweckt. „Ein Mitarbeiter rief mich an und berichtete, was passiert ist“, sagt er. „Ich war schockiert und fassungslos.“ Die Spuren des Beschusses sind deutlich an Gebäuden und Fahrzeugen zu sehen, der Treibsatz einer russischen Rakete hat einen Geländewagen der Hafenverwaltung zerquetscht. Drei seiner Leute seien getötet worden, sagt Middleton. Es sei im Angesicht der Schäden und der Angst nicht einfach gewesen, den Betrieb wiederaufzunehmen. Einen Tag regte sich nichts im wichtigsten Ölhafen des Landes. Inzwischen trägt der Wind wieder den Lärm der schweren Lastkräne über den Hafen.

          Middleton sitzt am Ende eines langen Konferenztischs und erläutert auf eine sehr britische Art die Kriegsschäden. Mit den Fingerkuppen richtet er immer wieder zwei Karten des Hafens akkurat zueinander aus. „Das Problem ist nicht, die Schiffe im Hafen zu löschen“, sagt er. „Die Schwierigkeit besteht eher darin, die Ladung in den Rest des Landes zu bringen.“

          Am Sonntag brachte die USS McFaul Betten und Lebensmittel nach Batumi. Bald sollen mehr und mehr Hilfsgüterlieferungen in Poti eintreffen, und noch immer ist die wichtige Bahnverbindung von der Küste in den Osten des Landes gekappt - vor einer Woche wurde dort eine Brücke gesprengt, am Sonntag explodierte auf der Strecke nahe Gori ein Zug. Über die wichtige Ost-West-Magistrale nach Tiflis rollen zwar wieder Lastwagen, aber viele Georgier und auch westliche Diplomaten in der Hauptstadt trauen dem Frieden nicht.

          „Die Russen wollten die Boote im Hafen sprengen und versenken“

          Am 11. August gegen elf Uhr am Abend wurden die ersten russischen Soldaten im militärischen Teil des Hafens von Poti gesichtet. Aufklärer, vermuten die örtlichen Sicherheitsbehörden. Die Soldaten seien nicht in die Stadt gekommen, sie hätten sich wieder nach Patara Poti, in das „kleine Poti“ nördlich der Stadt zurückgezogen, was Moskau am nächsten Tag bestätigte. In den Tagen darauf machte sich die russische Armee dann daran, die neue Heimat der „Minden“ zu zerstören. Ein paar Tage nach den Bombardements, berichtet der Hafendirektor, seien russische Soldaten im Hafen aufgetaucht. Sie wollten ein Patrouillenboot der Küstenwache versenken, das an einem Kai im zivilen Sektor des Hafen vertäut worden war. Middleton rückte mit ein paar Mitarbeitern aus und bat die Soldaten, das Boot zu diesem Zweck bitte in den militärischen Teil des Hafens abzuschleppen, damit es nicht die zu einem Hindernis für die einlaufenden zivilen Schiffe werde. Man verabschiedete sich per Handschlag. Die Russen schleppten das Boot in den militärischen Sektor und versenkten es dort. Es sei eine „recht professionelle“ Begegnung gewesen, sagt Middleton.

          Roin Gigiberia hatte offenbar weniger Glück mit einem solchen Gentlemen-Agreement. Er ist der Chef der Stadtverwaltung von Poti. Am 12. August nahm die russische Armee Kontakt zu den Offiziellen in Poti auf. Um fünf Uhr nachmittags wurde Gigiberia zum Kommandeur der russischen Einheiten geladen. „Er war höflich“, sagt er. Das Treffen soll sich folgendermaßen abgespielt haben: Der russische Offizier erläutert, er habe den Befehl, militärische Einrichtungen in Poti zu zerstören. Er sei gekommen, um eine Vereinbarung auszuhandeln. Wenn seine Soldaten ungestört ihrer Arbeit nachgehen könnten, werde es keinen Ärger geben. Dann verleiht der Offizier seiner höflichen Anfrage mit den Worten Nachdruck: „Die Flugzeuge sind in der Luft.“ Gigiberia willigt ein. „Die Russen wollten die Boote im Hafen sprengen und versenken, wir baten sie das nicht zu tun“, sagt er. Man habe sich dann darauf verständigt, dass lediglich die Geschütze mit Sprengladungen zerstört werden sollten.

          Sie trauen den russischen Soldaten nicht

          Nur einen Tag später war die russische Höflichkeit verflogen. „Panzer riegelten das Hafengelände ab“, sagt Verwaltungschef Gigiberia. An diesem Tag gab es keine Gespräche mehr. In einer Stunde versenken russische Soldaten fünf Boote. Auch das Schnellboot „Tbilisi“ und die „Dioskuria“, ein von den Franzosen gebautes Schnellboot werden im Hafen zerstört. Die „Dioskuria“ war die schlagkräftigste Einheit der georgischen Marine, ausgestattet mit modernen Flugkörpern. Aus dem Hafenbecken ragt jetzt nur noch die Spitze des Mastes, an der ein ausgeblichener Fahnenfetzen im Wind weht.

          Mehrmals streiften russische Soldaten plündernd durch den Militärhafen. Was sie nicht brauchten, warfen sie ins Wasser. Georgische Uniformen und Schutzwesten amerikanischer Herkunft kleiden russische Soldaten, die durch Poti fahren. Georgische Sicherheitskräfte, die am 19. August die Plünderungen auf dem Hafengelände unterbinden wollen, werden festgesetzt und mit verbundenen Augen abtransportiert. Den Menschen in Poti ist es daher egal, ob die Stellungen am Rande ihrer Stadt von Einheiten besetzt sind, die die Symbole der Friedenstruppen tragen. Sie trauen den russischen Soldaten nicht. Wütend gehen sie gegen die Besatzung auf die Straße. Am Samstag zogen sie mit georgischen Fahnen an den Stadtrand, dorthin, wo die russischen Panzer sich eingegraben haben.

          Die „Ayety“ überlebte die erste Explosion

          Die Männer der Küstenwache sagen, für sie sei die Sprengung der „Ayety“ unter den Zerstörungen die „größte Tragödie“ gewesen. Am frühen Nachmittag des 13. Augusts geht ein Trupp russischer Soldaten an Bord der „Ayety“. Sie befestigen einen Sprengsatz an der 23-Milimeter-Kanone auf dem Achterdeck. Die Georgier hatten das kleine Geschütz nachträglich montiert. Die „Ayety“ überlebt die erste Explosion.

          Kapitänleutnant Tschanturia, der stellvertretende Kommandeur der Küstenwache und einige seiner Leute beobachten das Treiben aus sicherer Entfernung. „Sie haben danach eine Luke geöffnet, die zur Ruderanlage führt, und sind hinabgestiegen“, sagt Tschanturia. Wenig später zersplittert der Rumpf an der Backbordseite der „Ayety“. Auch an der Steuerbordseite hat die Wucht der Explosion das Deck aufgebrochen und die Planken verzogen, die wie eine Rampe über die Rehling ragen. „Ich stand auf dem Balkon im fünften Stock eines Hochhauses und habe geweint“, sagt der stellvertrtende Küstenwachenkommandeur der eigentlich den Eindruck macht, er sei so robust wie sein Händedruck. „Ich habe die Explosionen gesehen und konnte nichts tun.“

          Kapitänleutnant Tschanturia hat viele Fotos mit der Kamera seines Mobiltelefons aufgenommen. In zivil sitzt er auf der Veranda eines Cafés im friedlichen Zentrum von Poti und informiert sich telefonisch über die Lage im Hafen. Hier scheint der Konflikt sehr weit entfernt zu sein. Ein Besatzungsmitglied hat seinen Kommandanten erkannt und begrüßt ihn herzlich.

          Der Seemann trägt kurze Hosen und Badelatschen. So bald wird er nicht mehr in Uniform an Bord der „Ayety“ auslaufen. Kapitänleutnant Tschanturia hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Er möchte an Bord gehen, sobald es geht - auch um viele Erinnerungsfotos zu holen, die noch in seiner Kabine liegen. Er ist „Ayeti“-Fahrer der ersten Stunde. Ingesamt zehn Jahre hat er auf dem Boot Dienst getan und Karriere gemacht, das früher einmal die „Minden“ war. Er hätte gern, dass das noch weitergeht.

          Quelle: F.A.Z.

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