13.03.2006 · Vor der Zentrale der alten Milosevic-Partei demonstrieren ein paar Anhänger des früheren Präsidenten. Sie glauben noch immer, was die Partei vorgibt. Ansonsten geht das Leben seinen gewohnten Gang. Aus Belgrad berichtet Michael Martens.
Von Michael Martens, BelgradDie meisten sind wohl in seinem Alter. Rentner vor allem. Einige scheinen Flüchtlinge zu sein, denn sie sprechen serbisch mit dem weichen ijekavischen Dialekt der Serben Bosniens oder Kroatiens. Sie stehen im Schneematsch dieses Belgrader Spätwintertages, viele schweigen, manche plaudern, einer liest „Politika“, das erste Blatt des Landes.
Die Zeitung erscheint seit 1904 und ist in ihrem innenpolitischen Teil seit Jahr und Tag regierungsnah, egal wer regiert. So hat sie alle politischen Wenden und Revolutionen in Serbien überstanden. Heute, wo für alle anderen Zeitungen der Tod von Slobodan Milosevic die Hauptnachricht ist, macht „Politika“ mit Berichten über die Gedenkfeiern zum dritten Todestag Zoran Djindjics auf, des am 12. März 2003 ermordeten Reformers und Managers des Umsturzes vom 5. Oktober 2000. Auf der Montagsausgabe von „Politika“ trägt Djindjic drei Jahre nach seinem Tod einen späten Sieg über den einstigen Gegner davon: „Zorans Ideen leben“, steht über dem Leitartikel, und daneben, nur als Meldung: „Milosevic starb an einem Infarkt.“
Ein Serbenvernichtungsapparat?
Von den Wartenden will das natürlich niemand glauben. Hier wird geglaubt, was Funktionäre von Milosevics SPS, der Sozialistischen Partei Serbiens, vorgegeben haben: Milosevic sei ermordet, wahrscheinlich vergiftet worden. All die aufblasbaren Mehrzweckmythen sind wieder aufgetaucht, die der Milosevic-Herrschaft ihre ideologische Basis gaben: Deutschland und der Vatikan als historische Feinde Serbiens, das Kosovo als Übungsgelände für neue Waffen der Nato, das Haager Tribunal als Serbenvernichtungsapparat.
Sie glauben wahrscheinlich wirklich daran, all die Alten hier in der Schlange, deren Kindern Milosevic mindestens ein Jahrzehnt gestohlen hat. Junge Leute sind zwar auch da, aber sie gehen vorbei, zur Universität auf der anderen Straßenseite. Die Schlange ist nicht besonders lang, vielleicht vierzig oder fünfzig Leute stehen bei der Parteizentrale der serbischen Sozialisten im Haus am Studentenplatz 15 zwischen dem Ethnographischen Museum und einer Filiale der Stadtbibliothek.
Das ist nicht zu vergleichen mit dem Auflauf der Massen vor der Zentrale von Djindjics Partei vor drei Jahren. Auch die Atmosphäre ist eine andere. Am Abend des Tages, an dem Djindjic erschossen wurde, waren die Restaurants in Belgrad leer, die serbische Hauptstadt wie erstarrt. Diesmal geht das Belgrader Leben seinen gewohnten Gang.
Faschistoide SPS
In der Schlange geht es nur langsam vorwärts, weil sich die Leute drinnen offenbar viel Zeit nehmen, um sich in das Kondolenzbuch einzutragen. Das hat die SPS ausgelegt, Milosevics einstige Machtmaschine. Die zum Teil faschistoide Ausrichtung der SPS, ein Gebräu aus serbischem Nationalismus, Slawenverherrlichung, selektiver Xenophobie (Griechen und Russen ausgenommen) und volksgemeinschaftlichen Versprechen, hat manche westeuropäische Splittergruppen nicht davon abgehalten, Milosevic für einen großen europäischen Linken zu halten. Schließlich tauchte das Zauberwort „sozialistisch“ im Namen seiner Partei auf.
Noch immer keine Bewegung in der Schlange. Draußen neben dem Haupteingang werden Blumen niedergelegt, einige kleben kleine Zettel mit Widmungen an die Wand. Vor einem Porträt des Verstorbenen mit schwarzem Rand werden Kerzen entzündet. Einige ältere Frauen kommen aus dem Gebäude und küssen weinend das Foto ihres Idols. Sie wirken erschüttert, ihre Trauer echt. Wer mögen sie sein?
„Lieber im Grabe als Sklave“
Soziologische Studien über den durchschnittlichen Milosevic-Anhänger gibt es längst: Ehemalige Kommunisten, eher vom Lande als aus der Stadt, in der Regel mit niedrigerem Bildungsniveau. Es sind sicher auch Leute gewesen, die wirklich Angst verspürten, als das alte Jugoslawien auseinanderbrach. So wie die serbischen Flüchtlinge aus Kroatien, in deren Familien man das massenhafte Leid der Serben im faschistischen Kroatien während des Zweiten Weltkriegs nicht vergessen hat. Diesen Serben versprach Milosevic, daß sie alle in einem serbischen Staat leben werden, und das beruhigte sie. Daß für solche Pläne andere Unschuldige leiden und sterben mußten, wollen sie nicht wahrhaben. Sie haben es sich gemütlich gemacht in ihrem Weltbild. Kein Argument, keine Tatsache, wird es je beeinflussen können.
Neben das Porträt Milosevics hat jemand ein Plakat geklebt, das ihr politisches Glaubensbekenntnis enthält: „Sie haben dich entführt und dem Feind ausgeliefert, du hast die Freiheit und das Leben verloren. Und wir alle und unsere Generation haben die Sklaverei erhalten. Ruhe in Frieden. Lieber im Grabe als Sklave.“
Michael Martens Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.
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