18.03.2006 · Ein letztes Mal ruft Milosevic eine Masseneuphorie hervor. Redner überbieten sich in ihren Lügen vom Friedensengel Milosevic und christusgleich leidenden Serben. Die Beerdigung - eine Reportage von Michael Martens.
Von Michael Martens, PozarevacDie ganze Stadt wartet auf ihren Toten. Schon am Morgen ist zu spüren, daß dies kein gewöhnlicher Tag werden wird für Pozarevac. Jeder will dabei sein, auch aus den Dörfern der Umgebung sind sie gekommen, aber nicht nur von dort. Autos mit Kennzeichen aus allen Teilen Serbiens und aus Bosnien stehen an den Straßenrändern. In den Kneipen rund um das Rathaus sind schon am Vormittag alle Tische besetzt, die Männer trinken sich ein. Auch in den Cafes auf der Tabacka Carsija, dem sogenannten Tabakmarkt, ist kaum noch ein freier Platz zu finden.
Der Tabakmarkt ist der Korso von Pozarevac, wo sich an gewöhnlichen Vormittagen das kleinstädtische Leben abspielt und in Sommernächten die Pärchen spazieren. Heute soll die letzte Gedenkveranstaltung zu Ehren von Slobodan Milosevic hier stattfinden. Noch ist der Sarg in Belgrad, wo dessen Anhänger vor dem ehemaligen Parlament Jugoslawiens die zentrale Totenfeier abhalten. Die Kundgebung in der Hauptstadt wird auf einer Großbildleinwand auf den Tabakmarkt übertragen. Was in Belgrad geschieht an diesem Vormittag, erinnert an die üblen neunziger Jahre. „Die Nato hat nicht Serbien angegriffen wegen Milosevic, sondern sie hat Milosevic angegriffen wegen Serbien“, sagt ein Redner in Belgrad. Der Jubel, der diesem Satz folgt, geht in Belgrad in „Slobo“-Chöre über. Auf dem Tabakmarkt in Pozarevac bleibt es noch ruhig.
Mit einer Rose in der Hand auf zur Villa Milosevic
Zur Mittagszeit machen sich viele mit einer Rose in der Hand auf zur Villa der Familie Milosevic. Das Tor zum von außen bescheiden wirkenden Anwesen der Familie in Pozarevac ist mit roten Rosen geschmückt. Fast eine Woche hat Serbien gestritten, wo Milosevic begraben werden soll. Nachdem Präsident Tadic ein Ehrenbegräbnis für den ehemaligen Präsidenten Jugoslawiens ablehnte, hieß es, Milosevic werde womöglich „vorübergehend“ in Moskau begraben, wo die Witwe Mira Markovic und der Sohn Marko leben. Dann kam die Nachricht, Milosevic solle nach dem Willen der Familie in seiner Geburtsstadt begraben werden. Irgendwo auf dem Grundstück hinter dem rosengeschmückten Tor wird er seine letzte Ruhestätte finden, bei einer Linde, wie die Belgrader Medien berichteten.
Milosevic-Begräbnis: Der Herrscher ist begraben, das Volk geht nach Hause
Der Stadtrat von Pozarevac hat die Genehmigung zur Beerdigung auf dem Privatgrundstück umgehend erteilt, aber das ist kein Wunder, denn parteipolitisch ist die Ära Milosevic hier nie zu Ende gegangen. Bis heute ist die im serbischen Parlament längst oppositionelle Sozialistische Partei in Pozarevac stärkste Kraft. Selbst im Wendejahr 2000, als die Sozialisten fast überall im Lande einbrachen, gelang es der demokratischen Opposition in Pozarevac nicht, eine Mehrheit der Wähler hinter sich zu bringen. Derzeit hat hier eine von den Sozialisten und der Serbischen Radikalen Partei des ehemaligen Freischärlerführers Vojislav Seselj dominierte Koalition das Sagen.
Der Sarg ist in der Stadt
Am Nachmittag um kurz nach vier brandet Beifall auf in der Stadt. Sprechchöre hallten durch die Straßen: „Slobo, Serbe“ skandieren die Leute. Der Sarg ist in der Stadt. Die Masse steigert sich in eine gemeinsame Begeisterung hinein. Ein letztes Mal ruft Slobodan Milosevic eine Masseneuphorie hervor. Langsam bewegt sich die Prozession bis zum Tabakmarkt. Wieder Reden, wieder überbieten sich die Redner in ihren Lügen vom Friedensengel Milosevic und den christusgleich leidenden Serben. Natürlich geht es ihnen nicht um die Wahrheit, sondern um das Schüren von Emotionen, um Masse und Macht - wie einst dem Mann, dem hier gedacht wird. Immer wieder werden die Sprecher von Beifall und Sprechchören unterbrochen. Es kommt gar nicht so sehr darauf an, was gesagt wird, wenn nur die nationalistischen Schlüsselreize angeregt, wenn Worte wie „Widerstand“, „heldenhaft“, „Mord“ oder „Serbien“ in der richtigen Reihenfolge genannt werden.
Eine einheitliche Stimmung legt sich über die Masse, ergreift auch vielleicht auch jene, die sich vorgenommen hatten, nicht mitzuschreien. Die Milosevic nicht mochten, sind ohnehin nicht hier an diesem Tag - und die anderen wollen jetzt animiert werden, ihr Gefühl der Solidarität ist fast mit Händen zu greifen. Die Leute, denen Milosevic im Alltag zuletzt nichts mehr bedeutete, die sich für den Fortgang seines Prozesses vor dem Kriegsverbrechertribunal nicht interessierten, hegen Zorn, den sie für gerecht und Trauer, die sie für echt halten.
Geschickt gesteigerte Spannung
Geschickt steigern die Redner die Spannung. Die Stimmung erinnert nicht an Beerdigungen, sondern an eine bizarren Sportveranstaltung, deren Ovationen einem Toten gelten, deren Beifall einem Massenmörder entgegengebracht wird. Es ist eine abschließende Verhöhnung seiner Opfer, auch der serbischen.
Schließlich setzt sich der Zug in Bewegung zum Anwesen der Milosevics. Auf dem Leichenwagen steht das deutsche Wort „Bestattungen“. Als dann alles vorbei ist auf dem Tabakmarkt, als alle Reden gehalten sind, breitet sich Massenratlosigkeit aus. Der große Moment ist vorbei, der Himmel und die Stadt darunter sind aber immer noch grau, ein übler Schub Wirklichkeit kriecht durch die Straßen. Wie Trinker, die ihren Rausch steigern müssen, um nicht von der Wirklichkeit eingeholt zu werden, suchen einige noch eine Weile Halt in Sprechchören, aber die Ekstase klingt unweigerlich ab. Die Menge verläuft sich. Der Herrscher ist begraben. Das Volk geht nach Hause.
Michael Martens Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.
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