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Militärmusikcorps in Kabul Musik aus der Seele Afghanistans

14.06.2008 ·  Wie die Afghanen sich durch den Alltag wursteln, so wursteln sich die Mitglieder des Musikcorps der afghanischen Armee durch ihre Märsche. Es scheppert und klirrt, und nur selten ist eine Melodie herauszuhören. Das sind die Momente der Hoffnung für Afghanistan.

Von Christoph Ehrhardt
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Das vierviertelgetaktete Dschingderassabumm artet in ein diffuses Rumpeln aus. Es knarzt und scheppert. Melodielinien der Bläser verheddern sich in einem elefantösen Getöse, das abebbt und sich dann schlingernd und ächzend in ein furioses und hinreißend schiefes Finale rettet. Der musikalische Leiter dirigiert das Durcheinander wie ein Feldherr. Die Marseillaise auf Afghanisch.

Ein Rockmusikkritiker würde diese Klänge womöglich mit Ausdrücken wie „verbrannte Erde“ oder „fiebrig“ beschreiben. Er würde das übrigens ganz und gar positiv meinen. Aber hier geht es um Militärmusik. Und weil in der Militärmusik Ordnung herrschen muss, gibt es Männer wie Oberst Mohammad Alam Kohistany, Kommandeur des afghanischen Militärmusikcorps in Kabul. Ein Mann, der seine Musiker schon viele Jahre lang mit väterlicher Strenge anführt. Musizieren von halb acht bis zehn, Pause bis halb elf, Musizieren bis um zwölf, eine Stunde Mittagspause, am Nachmittag wieder Musizieren, Dienstschluss um vier.

Putz rieselt von der Wand

Der Oberst liebt die Musik, schließlich hat er neben Politik und Englisch auch Musik studiert, und er spielt Querflöte. Wenn er am Abend Zeit hat, setzt er sich zu Hause hin und musiziert für die Familie. Seine Männer spielen, wenn das Verteidigungsministerium sie ruft, bei Paraden und Staatsempfängen, für Präsidenten, Ministerpräsidenten, Minister, Diplomaten und Militärs.

An diesem Tag empfängt Oberst Kohistany deutsche Offiziere. Seine Männer sind im verwitterten Speisesaal angetreten. Das grell einfallende Sonnenlicht zeichnet gestreifte Staubwölkchen in den Raum. Zwei Spatzen sind durch das geöffnete Fenster in den Saal geflogen und ziehen unter der Decke hektische Kreise. Emsig bereiten sich die Musiker auf ihren Auftritt vor. Instrumente werden gestimmt, vergilbte Notenblätter auf den Ständern ausgebreitet. Achtung! Oberst Kohistany gibt den Männern den Befehl zu spielen. Der Dirigent hebt den Taktstock. Klack, klack, klack. Und wie sie dann spielen! Die afghanische Hymne, die deutsche Hymne, die Marseillaise, die amerikanische Hymne, noch einen Marsch für afghanische Patrioten. Noch einen. Und noch einen. Jetzt sind sie in Fahrt. Den Offizier an den Becken hält es nicht mehr auf der Bank, wenn er sein ramponiertes Rhythmusinstrument krachend zusammenfahren lässt. Die Bläser stapeln hochkonzentriert Dissonanzenschichten. Die Basstrommel treibt das stampfende Klangensemble mit wummernden Schlägen an. Der Putz rieselt in ihrem Rhythmus von der Wand.

„Keine Armee ohne Militärmusik“

Die deutschen Offiziere stehen bei der deutschen und afghanischen Hymne in Hab-Acht-Stellung und salutieren. Ihnen ist anzusehen, dass die Musik passagenweise durch Mark und Bein geht. Aber am Ende trifft sie direkt ins Herz. Plötzlich erhebt sich einer der Musiker. Major Abdul Qasim Karimi, Saxophonist. Er präsentiert empört sein Instrument. Damit, sagt er, könne man kaum einen geraden Ton erzeugen. „Kein Staat ohne Armee, keine Armee ohne Militärmusik“, wird er später sagen.

Das Afghanistan dieser Tage ist ein schwacher, dissonanter Staat, und die Armee ist im Aufbaukampf. Wie soll es da schon um die Militärmusik stehen? Wie die Afghanen sich durch den Alltag wursteln - so wursteln sich die Militärmusiker durch ihre Märsche. Es scheppert, klirrt und knirscht, und nur für wenige Momente wird aus den Tönen eine harmonische Melodie. Das sind die Augenblicke der Hoffnung und der Zuversicht.

Die Kapelle ist voller Leidenschaft und Willenskraft. So wie ganz Afghanistan. Ihre Musiker liefern die passende Hintergrundmusik für eine Fahrt durch Kabul; für die Bilder vom verfallenen Olympiastadion nahe ihrem Stützpunkt, vom Kabul River, der mehr und mehr zur Müllhalde verkommt, für die geschundene Schönheit, die zwischen all dem doch noch durchschimmert. Ihre Stücke sind der Soundtrack für einen Spaziergang um den alten Königspalast, der Mahnmal und Monument zugleich ist. Monument für die besseren Zeiten vergangener Tage, Mahnmal für Zerstörung, Habsucht oder wirtschaftliche Not, denn die Armee muss die geschichtsträchtigen Mauern ständig vor Plünderern schützen.

Mit dem Orchester nach Deutschland

Um das altersschwache Gerät der Musiker steht es nicht viel besser. Die Blasinstrumente sind hoffnungslos verstimmt, manche Klappen sind undicht, die Mechanik verzogen; die Basstrommel ist mit Vorsicht zu schlagen, weil ihr brüchiges Fell arg gelitten hat.

In seinem Dienstzimmer wird Oberst Kohistany bei Wassermelone und Ginger Ale aus der Dose so konkret wie der Major am Saxophon. „Wir brauchen dringend neue Instrumente“, sagt er. Afghanistan erhält von der Welt in den nächsten zwei Jahren rund zwanzig Milliarden Dollar. Der Oberst wäre schon zufrieden, wenn er nur das abgelegte Gerät der deutschen Kameraden bekäme. Manchmal, berichtet er, habe er mehr Soldaten als Instrumente. Nach seiner schon mit Amtsstempel versehenen Bedarfsliste brauchte er insgesamt sechsundsechzig neue Musikinstrumente - vor allem Trompeten und Saxophone.

Der Oberst wünscht sich Hilfe durch deutsche Musiklehrer, Stipendien für seine Soldaten, die in Deutschland die Gesetze der Marschmusik verinnerlichen sollen. Lockere Verbindungen zur Bundeswehr bestehen schon länger. Inzwischen ist auch eine offizielle Anfrage in Berlin eingegangen, ob nicht eine engere Zusammenarbeit möglich sei. Kohistanys großer Traum ist es, mit seinem Orchester nach Deutschland auf ein Militärmusikfestival zu fahren und dort zu spielen. Seite an Seite mit Militärkapellen aus aller Welt! Stolz erläutert er die gerahmten Fotografien an der Wand. Sie zeigen seine tapfere Truppe zusammen mit amerikanischen oder türkischen Militärmusikern. Auf den Fotos lächeln seine Soldaten zufrieden.

Begleitmusik zur Taliban-Show

„Es geht auch um das Selbstverständnis, um die Seele und den Stolz der Armee“, sagt der Oberst, als er aus dem dunklen Vorzimmer ins Freie tritt. In dem kleinen Raum steht ein abgewetztes Bett. Sein Adjutant oder die Laufburschen verbringen die meisten Nächte darin. Über dem Bett an der Wand hängt die Paradeuniform, eingehüllt in eine verstaubte und zerknitterte Plastikfolie. Feuerrot ist sie, mit goldenen Epauletten. Eine imposante Schirmmütze trägt man dazu.

Kohistanys Männer trugen die Paradeuniform, als die Armee ihre größte Demütigung hinnehmen musste: am 27. April, dem Nationalfeiertag, am Tag des jüngsten Attentats auf Karzai. Der afghanische Präsident und seine Streitkräfte wurden vorgeführt - auf dem eigenen Paradeplatz. Ein Maulwurf hatte den Attentätern Gewehre beschafft, in einem Hotelzimmer warteten sie auf die passende Gelegenheit, das Feuer zu eröffnen. Als Karzai die Parade abnahm, spielte das Musikcorps die Nationalhymne. Artilleriegeschütze feuerten Salutschüsse ab. Dann schossen die Attentäter. Panik brach aus. Am nächsten Tag waren Bilder der rennenden Sicherheitskräfte in allen Zeitungen in aller Welt. Fliehende Soldaten, die nur mit Platzpatronen hätten zurückschießen können. Die Männer von Oberst Kohistany standen den Attentätern am nächsten. Sie hatten unfreiwillig die Begleitmusik zur Taliban-Show geliefert.

„Keiner meiner Männer ist getürmt“, sagt Oberst Kohistany. „Sie haben sich erst entfernt, als ich eine entsprechende Anordnung gegeben habe.“ Dann sind auch sie gerannt, so schnell sie konnten. Das Sturmgewehr, das ihr Kommandeur unter seinem Schreibtisch verstaut hat, erinnert an die Umstände, unter denen er versucht, der afghanischen Armee wieder ein schneidiges Musikcorps zu geben.

Begabter Nachwuchs soll her

Vor achtzehn Jahren habe er seinen Posten angetreten, sagt Oberst Kohistany. „Früher waren es mal drei verschiedene Musik-Züge, heute ist es nur einer, dreißig Mann. Früher waren es dreihundertachtzig Soldaten, die auf irgendeine Art mit der Militärmusik verbunden waren, heute sind es hundertzwanzig.“ Das soll natürlich alles besser werden. Begabter Nachwuchs soll her, viele der Musiker unter Kohistanys Kommando sind schon in die Jahre gekommen. In ein paar Provinzen sollen weitere Musikbataillone aufgebaut werden. „Wir mussten nach dem Sturz der Taliban wieder von vorne anfangen“, sagt Oberst Kohistany.

Unter den Taliban musste er seinen Posten räumen, den er Anfang der neunziger Jahre angetreten hatte. Er ging ins Ausland. Das Musikcorps wurde vorübergehend aufgelöst. Die Taliban hatten fast jede Form weltlicher Unterhaltung verboten: Drachen steigen lassen, Filme - und natürlich Musik. So etwas passte nicht in die Weltsicht ihres puritanischen Islamismus. Musik verursache Kopfschmerzen und lenke vom Studium des Islams ab, verkündete der frühere Taliban-Erziehungsminister Mullah Absul Hanifi in einem Interview im Dezember 1996.

Nur paschtunisches Kulturgut hatte eine Überlebenschance. „Radio Kabul“, ein Sender, der in den Jahrzehnten zuvor der persisch geprägten afghanischen Populärmusik zu großer Bekanntheit verholfen hatte, wurde unter der Taliban-Herrschaft zu „Radio Schariat“, und sendete fortan Edikte der „Abteilung für Pflege der guten Sitten und der Verhütung von Laster“ im Religionsministerium. Es war jene Behörde, die verfügte, dass Frauen mit den Schuhen nicht so laut auftreten sollten, um Lärm zu vermeiden. Singen und Tanzen wurden verboten. In den Großstädten wurden Musikinstrumente öffentlich zerstört, wie um zu zeigen, was einem Musikanten droht.

Nichts scheppert, nichts knarzt

Die harte Hand der Islamisten machte auch vor der Militärmusik nicht halt. „Sie haben die Instrumente konfisziert“, sagt Oberst Kohistany. Später, als die Taliban vertrieben waren, tauchten einige Instrumente auf dem Markt in Kabul wieder auf. Die Armee musste in die gedrungenen Gänge des Basars ausrücken und ihr altes Musikgerät von den Händlern zurückkaufen.

Natürlich überlebte die Musik, und Oberst Kohistany kann den deutschen Besuchern sogar noch mehr präsentieren als sein Marschmusikorchester. In einem kargen Raum haben einige seiner Soldaten hinter traditionellen Musikinstrumenten Stellung bezogen. Sie tragen weder Tarnfarben noch Paradeuniformen, sondern ihre zivilen Ausgehanzüge. Einer spielt Tabla, bauchige Trommeln, ein anderer „Rubab“, ein altes Saiteninstrument. Der Oberst hat sich dieses elegische Lied gewünscht. Er schließt die Augen. „Musik ist Balsam für meine Seele“, hatte er in seinem Büro gesagt. Sie sei wichtig für eine gute Gemeinschaft. Ein Sänger setzt ein, der Akkordeonspieler und auch das Harmonium - eine handliche Orgel, die ebenfalls mit einem Blasebalg betrieben wird. Nichts scheppert, nichts knarzt, alles greift harmonisch ineinander.

Major Abdul Qasim Karimi, der Saxophonist, singt leise mit. Seiner Frau erzählt er nicht, dass er Musiker ist. Wenn er nach Hause kommt, sagt er seiner Frau, es sei wieder ein harter Tag gewesen im Dienst der afghanischen Armee. Kein Wort von Musik. „Was soll sie denn denken“, fragt er. „Musiker, die haben schließlich nicht immer den besten Ruf.“ Das könnte sich ändern, wenn der Traum von Oberst Kohistany wahr wird und das afghanische Militärmusikcorps eines Tages beim großen Festival in der prall gefüllten Max-Schmeling-Halle in Berlin aufspielt. Vielleicht noch immer etwas schief und rumpelig, aber mit der Seele Afghanistans. Die Frau des Saxophonisten wird dann denken: Musik ist die Mutter von alldem. Und Mutter hat immer recht.

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Jahrgang 1975, Redakteur in der Politik.

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