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Milan Milutinovic Milosevics Mann fürs Feine

26.02.2009 ·  Aus der Menge der eher groben und lauten Männer, die unter Slobodan Milosevic in Serbien das Sagen hatten, stach Milan Milutinovic durch seine Distinguiertheit hervor. Auch der später ermordete Reformer Zoran Djindjic hielt lange seine schützende Hand über ihn.

Von Michael Martens, Belgrad
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Es war einer der aufwendigsten Prozesse und auch eines der wichtigsten Urteile der Haager Richter: Am Donnerstag hat das UN-Tribunal für das ehemalige Jugoslawien die Urteile im Fall von sechs Männern gefällt, mit deren Hilfe der ehemalige Serbenherrscher Slobodan Milosevic ein Jahrzehnt lang den Balkan terrorisiert hat.

Die Angeklagten stellen einen Querschnitt durch das Führungspersonal dar, mit dem der im März 2006 in seiner Haager Gefängniszelle unverurteilt gestorbene serbische Präsident sich umgeben hatte. Das im Sommer seines Todesjahres eröffnete Verfahren gegen die ehemaligen Protagonisten des Regimes war daher mehr als ein Prozess gegen ein halbes Dutzend mutmaßlicher Kriegsverbrecher. Mit diesen Männern stand das Herrschaftssystem Milosevics vor Gericht.

Belgrads Befehlshaber vor Gericht

Der prominenteste Angeklagte war Milan Milutinovic, der als serbischer Präsident 1997 die Nachfolge Milosevics antrat, weil der sich zum Staatsoberhaupt von Jugoslawien hatte wählen lassen. Angeklagt waren außerdem der frühere stellvertretende jugoslawische Regierungschef Nikola Sainovic sowie die einstigen Befehlshaber der Belgrader Militärmaschinerie - der ehemalige Generalstabschef der jugoslawischen Armee sowie einige seiner wichtigsten Generäle.

Die Anklagebehörde beschuldigte sie unter anderem der Ermordung von vielen tausend sowie der gewaltsamen Vertreibung von mehreren hunderttausend Albanern im Kosovo.

Der Hauptangeklagte Milutinovic stach aus der Menge der eher groben und lauten Männer, die unter Milosevic in Serbien das Sagen hatten, durch seine Distinguiertheit hervor. Anders als der Milosevic fast immer dienstbare vermeintliche Oppositionsführer Vojislav Seselj, der sich Rhetorik und Gebaren eines Wirtshausschlägers zugelegt hatte, war Milutinovic gleichsam Milosevics Mann für das Feine und Gehobene.

Stillhalteabkommen mit Djndjic

So vertrat er zunächst die Interessen des Regimes als Botschafter in Athen, was vor allem in den Jahren der internationalen Ächtung Jugoslawiens eine wichtige Position war, da das Embargo in Griechenland nur formal beachtet wurde. Milutinovic erfüllte seine Aufgaben in der griechischen Hauptstadt offenbar zur vollsten Zufriedenheit seines Herrn, denn im August 1995 wurde er zum Außenminister Jugoslawiens ernannt. Er überlebte sogar den Sturz Milosevics im Oktober 2000 und blieb noch bis Ende 2002 Präsident Serbiens.

Erst im Januar 2003 musste er seine vorerst letzte Dienstfahrt antreten und sich dem Tribunal im Haag stellen. Bis zuletzt hatte zuvor der später ermordete Reformer und Ministerpräsident Zoran Djindjic schützend seine Hand über Milutinovic gehalten, da der sich bis zum Schluss unentbehrlich zu machen wusste. So sagte Djindjic im Jahr 2002 in einen Gespräch mit dieser Zeitung, Milutinovic sei schließlich „der reguläre Präsident Serbiens, und es wäre sehr problematisch, sehr kritisch für die Selbstachtung des Staates und der Menschen, das amtierende Staatsoberhaupt festzunehmen und auszuliefern“.

Der wahre Grund war freilich ein anderer - zwischen Djindjic und dem nach dem Sturz des Regimes völlig machtlosen serbischen Präsidenten herrschte ein inoffizielles Abkommen, das beiden Seiten zupass kam: Milutinovic mischte sich nicht in die Reformpolitik Djindjics ein, und der ließ ihn als Belohnung dafür anders als zuvor Slobodan Milosevic nicht an das Haager Tribunal überstellen.

Loyaler Taktierer

Diese Rolle passe zu Milutinovic, der stets gleichsam ein Mitläufer ersten Ranges gewesen war, ein loyaler Taktierer mit ausgeprägtem Bewusstsein für Möglichkeiten und Grenzen seiner Ambitionen. Die ehemalige amerikanische Außenministerin Madeleine Albright hat ihren Begegnungen mit Milosevics Lieblingsdiplomaten bei den Gesprächen vor den Angriffen der Nato auf Jugoslawien eine ausführliche Passage ihrer Biografie gewidmet: „Milutinovic trug sein silbergraues Haar straff zurückgekämmt; sein Anzug war maßgeschneidert, sein Englisch perfekt“, schreibt Frau Albright - und gibt dann einen bezeichnenden Wortwechsel wieder.

Die amerikanische Außenministerin hatte ihrem Belgrader Gegenpart gerade vorgehalten, dass die serbische Armee durch ihr gewaltsames Auftreten im Kosovo die beste Rekrutierungshilfe sei, die sich die albanische „Befreiungsarmee Kosovo“ UCK nur denken könne, als das Gespräch eine überraschende Wendung erhielt: „Milutinovic korrigierte mich mit einer Offenheit, die ich nicht von ihm erwartet hatte: „Nein, ich glaube, diese Auszeichnung gebührt der paramilitärischen Polizei“.

Sonderpolizeieinheiten wüteten am schlimmsten

Wenn sich der Dialog tatsächlich so zugetragen hat, hat Milutinovic gegenüber der damals mächtigsten Frau der Welt in aller Offenheit die serbische Kriegstaktik dargelegt, so wie sie später auch vor dem Haager Tribunal beschrieben werden sollte.

In der ursprünglichen Anklageschrift der damaligen Chefanklägerin Louise Arbour vom Mai 1999, in der Milutinovic und Milosevic noch gemeinsam angeklagt sind, ist von einem „Feldzug des Terrors und der Gewalt“ serbischer Truppen zur Vertreibung albanischer Zivilisten aus dem Kosovo die Rede: „Dies wurde erreicht durch den Beschuss von Städten und Dörfern, das Niederbrennen von Häusern, Höfen und Geschäften…Als ein Ergebnis dieser abgestimmten Handlungen wurden Dörfer, Städte und ganze Regionen unbewohnbar für die Albaner gemacht“.

Ähnlich wie bei dem Krieg in Bosnien-Hercegovina waren es zum Teil aus amnestierten Straftätern zusammengestellte Sondereinheiten der serbischen Polizei, die am schlimmsten wüteten. Auch in Bosnien hatte zunächst die Armee von Muslimen bewohnte Orte sturmreif geschossen, bevor die Männer von Sondereinheiten des Innenministeriums als Mörder und Brenner dort einfielen.

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Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.

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