21.07.2009 · Präsident Calderón hat zur Unterstützung tausende Soldaten in den Bundesstaat Michoacán geschickt. Dort war vor einer Woche die Situation in einer beispiellosen Brutalitätswelle eskaliert. Gegner sind aber nicht nur die Drogenkartelle selbst.
Von Matthias Rüb, WashingtonLängst ist der Krieg gegen die sechs Drogenkartelle, den der mexikanische Präsident Felipe Calderón kurz nach seinem Amtsantritt im Dezember 2006 begonnen hat, zu einem Zweifrontenkrieg geworden. Jetzt hat Calderón entschieden, weitere 5500 Mann in jenen Bundesstaat zu verlegen, wo der Krieg gegen die zwei Gegner jüngst abermals in einer beispiellosen Brutalitätswelle eskalierte. Es handelt sich um den südwestmexikanischen Bundesstaat Michoacán, aus dem die Familie Calderón selbst stammt.
Dort waren vor einer Woche die von grausamer Folter gezeichneten Leichen von zwölf Ermittlern der mexikanischen Drogenfahndung gefunden worden. Die elf Männer und eine Frau waren nicht im Dienst, als sie im Süden des dünn besiedelten Bundesstaates offenbar in einen Hinterhalt des Drogen- und Verbrecherkartells "La Familia" gerieten, schwer misshandelt und sodann mit Kopfschüssen hingerichtet wurden. Am Wochenende nahmen Ermittler der Bundespolizei zehn Polizisten aus Michoacán fest, die im Verdacht stehen, mit "La Familia" gemeinsame Sache gemacht und die Drogenfahnder der Bundesbehörde ihren Mördern ans Messer geliefert zu haben.
Hohe Beamte unter Verdacht der Komplizenschaft
Dies ist die zweite, gleichsam innere Front des Drogenkrieges: Dort stehen Bürgermeister, Polizisten, Staatsanwälte und andere Angehörige der lokalen und regionalen Behörden, die von den Kartellen bezahlt oder auch bedroht werden, den Bundespolizisten und den Soldaten aus Mexiko-Stadt oder aus entfernt gelegenen anderen Bundesstaaten gegenüber. Die "inneren Feinde" im Drogenkrieg haben bessere Ortskenntnisse, sie kennen die geologische und politische Topographie ihrer Heimat, durch welche die auswärtigen Sicherheitskräfte oft ahnungslos stapfen.
Allein seit Mai wurden in Michoacán zehn Bürgermeister, ein Richter und 14 hohe Beamte unter dem Verdacht der Komplizenschaft mit der Drogenmafia festgenommen. Auch ein mutmaßlicher Kopf des Kartells "La Familia" ging den Fahndern ins Netz: Arnoldo Rueda, der am 11. Juli festgenommen wurde, war offenbar die rechte Hand des Gründers und "Paten" des Kartells, Nazario Moreno Gonzalez.
„Sie werden uns niemals loskriegen“
Dem Rachefeldzug des Kartells seit der Festnahme Ruedas sind 20 Bundespolizisten und Soldaten zum Opfer gefallen; der Mord an den elf Drogenfahndern vom 14. Juli war der schwerste Verlust der Regierungstruppen an einem Tag. Ein mutmaßlicher Führer des Kartells rief am Wochenende während einer Live-Sendung das örtliche Fernsehen in der Hauptstadt Morelia an und forderte die Regierung in Mexiko-Stadt zu Verhandlungen auf, um einen "nationalen Pakt" zur Beendigung des Blutvergießens im Interesse der Menschen von Michoacán zu schließen.
"Wir sind ein notwendiges Übel", warnte der Anrufer, "sie werden uns niemals loskriegen. Selbst wenn ich sterbe, wird ein anderer an meine Stelle treten, und es wird weitergehen. Das wird niemals enden." Die mexikanische Regierung wies das Angebot zurück und setzte stattdessen 1500 zusätzliche Bundespolizisten, 2500 Heeressoldaten und 1500 Angehörige der Kriegsmarine in Marsch.
In Ciudad Juárez im nordmexikanischen Bundesstaat Chihuahua, von wo die Bundespolizisten und die Soldaten nach Michoacán abgezogen wurden, äußerten die Menschen unterdessen die Sorge, dass die Stadt an der mexikanisch-amerikanischen Grenze ihrerseits neuen Angriffen des dort aktiven Drogenkartells unter Carillo Fuentes ausgesetzt sein könnte.
Seit Beginn des Drogenkrieges hat Calderón insgesamt mehr als 50 000 Angehörige der Bundespolizei und der Streitkräfte in den Kampf geworfen. Nach Medienberichten sollen aber allein die beiden mächtigsten Kartelle - das Golf-Kartell und das Sinaloa-Kartell - zusammen mehr als 100 000 Mann unter Waffen oder auf ihren "Gehaltslisten" haben.
In dem Krieg starben seit Dezember 2006 mehr als 12 800 Menschen, Opfer bewaffneter Auseinandersetzungen zwischen den Sicherheitskräften und den Kartellen, dazu von Morden an unliebsamen Polizisten und Zivilisten zur gezielten Einschüchterung der örtlichen Bevölkerung und Polizei; außerdem sind es vor allem Opfer der Verteilungskämpfe der vier großen und zwei kleineren Kartelle untereinander, die um regionale Kontrolle, um Schmuggelrouten und um Einflusssphären kämpfen.
Die mexikanische „Tet-Offensive“
Schon wird in mexikanischen Medien von der "Tet-Offensive" in Michoacán gesprochen. So wie im Vietnam-Krieg die - gleichwohl für die Angreifer militärisch desaströse - Großoffensive der Nordvietnamesen und der kommunistischen Vietcong von Ende Januar 1968 in den Vereinigten Staaten den Eindruck erweckt habe, der Krieg sei für die Amerikaner und ihre südvietnamesischen Verbündeten nicht mehr zu gewinnen, könnte das scheinbar sinnlos brutale Massaker an den Drogenfahndern den Argwohn vieler Mexikaner schüren, der Staat verliere den Drogenkrieg.
Zwar bekräftigt Calderón immer wieder, die Regierung werde in dem Krieg gegen die Kartelle keinen Schritt zurückweichen. Doch eine jüngste Umfrage hat ergeben, dass mehr als die Hälfte der Mexikaner nach zweieinhalb Jahren Drogenkrieg nicht mehr glauben, die Regierung könne in dem Krieg gewinnen; nur noch 28 Prozent zeigten sich von einem Sieg über die Kartelle überzeugt.
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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