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Mexiko Die Kartelle scheuen den Krieg nicht

18.11.2008 ·  Mehr als 6000 Mexikaner sind in dem „Drogenkrieg“ umgekommen, den Felipe Calderón ausrief. Der Präsident rühmt sich spektakulärer Fahndungserfolge. Doch hinter den Zahlen verbergen sich schockierende Schicksale, und ein Ende der Kämpfe ist nicht absehbar.

Von Alex Gertschen, Mexiko-Stadt
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Mexiko leidet. Der „Drogenkrieg“, den sich Staat und Kartelle liefern, fordert täglich Todesopfer. Ein Ende der Gewalt ist nicht in Sicht. Hoffnungslosigkeit macht sich breit. Die anfängliche Kampfeslust der meisten Mexikaner ist längst abgeebbt und dem Wunsch nach einem baldigen Ende gewichen, und sei es ein Ende mit Schrecken.

Fast zwei Jahre ist es her, dass Präsident Felipe Calderón unmittelbar nach seinem Amtsantritt den Drogenkartellen den Krieg erklärte – wörtlich. Er ließ 27.000 Soldaten und Bundespolizisten ins Land ausschwärmen, um das organisierte Verbrechen mit eiserner Faust zu zerschlagen. Unverhohlen stolz sagte Calderón in der vorigen Woche, als er den kolumbianischen Präsidenten Álvaro Uribe empfing, allein seit Mitte Oktober seien vier der zwölf wichtigsten Drogenbosse des Landes verhaftet worden.

Zahl der Todesopfer verdoppelt

Aber die Spirale der Gewalt dreht sich jeden Monat schneller. Die Kartelle scheuen die Konfrontation mit der Staatsmacht nicht. Kamen 2007 im „Drogenkrieg“ rund 2000 Verbrecher, Polizisten, Soldaten und Zivilisten zu Tode, sind in diesem Jahr schon jetzt mehr als 4000 Todesopfer zu beklagen.

Hinter den Zahlen verbergen sich schockierende Schicksale. Mitte August wurden im malerischen Touristenstädtchen Creel in der Wüste von Chihuahua 13 Personen erschossen, unter ihnen der 16 Monate alte Edgar Arnoldo Loya. Er starb in den Armen seines ebenfalls getöteten Vaters, eines Lehrers, der mit seinen Schülern an einem Fest teilnahm und unvermittelt in die Schusslinie geriet, als mehrere Männer aus großer Distanz das Feuer eröffneten. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass die Mörder zwei Drogenhändler im Visier hatten. Weil sich diese unter die Festgesellschaft gemischt hatten, ließen elf weitere Personen auf dem Dorffest ihr Leben.

Keine Sicherheit vor der Gewalt der Drogenbosse

Creel ist als Durchgangsort für den Drogenschmuggel in die Vereinigten Staaten strategisch nicht unerheblich. Aber im Mexiko von heute ist man nirgends mehr sicher vor der Drogengewalt. Die Kartelle machen sich mittlerweile fast das gesamte Landesterritorium streitig. Rund 90 Prozent des in den Vereinigten Staaten konsumierten Kokains erreichen das Land über Mexiko. Nach den Worten der mexikanischen Armee betrug im vergangenen Jahr der Wert eines Kilogramms Kokain südlich der mexikanisch-amerikanischen Grenze 11.000 Dollar. Auf der anderen Seite wurden dafür nach Angaben der amerikanischen Drogenbehörde DEA zwischen 96.000 und 118.000 Dollar bezahlt.

Das amerikanische Justizministerium schätzt den jährlichen Umsatz mit Rauschgift im Land auf bis zu 48 Milliarden Dollar. Der Löwenanteil davon fließt in die Kassen der mexikanischen Schmuggler. „Die kolumbianischen Kartelle von Cali und Medellín büßten Anfang der neunziger Jahre ihre führende Position ein, weil die kolumbianische und die amerikanische Regierung sie konsequent bekämpften“, sagt die Wissenschaftlerin Guadalupe González der Hochschule „Centro de Investigación y Docencia Económicas“ in Mexiko-Stadt. „Das mexikanische Verbrechen nutzte die Schwächung der Konkurrenz und übernahm sukzessive die Kontrolle über den Transport südamerikanischen Kokains in die Vereinigten Staaten.“

Mexiko folgt Beispiel Kolumbiens nicht

„Kolumbien“ ist den Mexikanern Warnung und Hoffnungsanker zugleich. Auch das südamerikanische Land war durch und durch vom Rauschgifthandel durchsetzt. Nicht zuletzt Calderón verweist auf Uribes Politik der „mano dura“, der harten Hand, die dieser seit 2002 „mit Erfolg“ geführt habe. Laut Edgardo Buscaglia, der an der Privatuniversität Itam in Mexiko-Stadt lehrt und UN-Berater für die Bekämpfung der organisierten Kriminalität ist, hinkt der Vergleich allerdings. „Im Gegensatz zu Mexiko hat Kolumbien nicht nur einen Kampf gegen die Köpfe der Kartelle geführt“, sagt er. Die Regierung Uribes habe systematisch das Eigentum der Drogenbosse eingezogen und ihnen damit die finanzielle Basis entzogen. In Mexiko scheine der politische Wille dazu zu fehlen.

Wie Uribe zählt auch Calderón auf Hilfe aus Washington. Im Rahmen der „Mérida-Initiative“ soll Mexiko allein im kommenden Jahr mit rund 450 Millionen Dollar unterstützt werden. Unter anderem sollen Hubschrauber und Fahndungsgerät geliefert sowie Sicherheitskräfte ausgebildet werden. Laurie Freeman von der Nichtregierungsorganisation „Washington Office on Latin America“ beurteilt die Initiative skeptisch. Es sei „mehr vom Gleichen“, sagt sie. Ende der neunziger Jahre habe die amerikanische Regierung mit einem ähnlichen Hilfspaket zwei grundlegende Probleme missachtet: „Solange sich die Politik nur der Angebotsseite, nicht aber der Nachfrage nach Rauschgift in den Vereinigten Staaten widmet, ist der Kampf nicht zu gewinnen.“

Korruption und fehlender Durchsetzungswillen

Das andere Problem sei die Korruption in Mexiko. Weil Staatsbedienstete im Drogengeschäft viel mehr Geld verdienen könnten, wechselten gerade die gut ausgebildeten die Seiten. So gründeten vor rund zehn Jahren ein paar Dutzend von den Vereinigten Staaten trainierte Elitesoldaten die Mörderbande „Los Zetas“, die ihre grausamen Dienste lange Jahre dem Golf-Kartell verkaufte und sich jüngst zu einem eigenständigen Akteur im Drogenschmuggel aufgeschwungen hat.

Auch der UN-Berater Buscaglia beurteilt die Zusammenarbeit mit Washington zurückhaltend. Zwar sei sie notwendig. Aber solange einseitig die Repression verstärkt und die Prävention vernachlässigt werde, beschleunige sich bloß der Wettbewerb der Verbrecher um die Gunst der Staatsdiener und steige der Preis der Korruption. Ende Oktober gab Justizminister Eduardo Medina Mora zu, dass zwei hohe Beamte der Spezialabteilung für die Bekämpfung der organisierten Kriminalität Informationen an den Gegner weitergegeben hatten, wofür sie monatlich je 450.000 Dollar kassiert hatten.

Schüler als Kuriere

Cristina Palacios Roji de Hoyodán aus Tijuana weiß nur zu gut, dass der Drogenhandel nicht erst seit gestern ein Problem in Mexiko ist. Die zierliche Mutter dreier Söhne und einer Tochter ist 68 Jahre alt. Alfredo sitzt seit 1996 im Gefängnis und Alejandro ist seit 1997 verschwunden. Beide gehörten zu den sogenannten Narcojuniors, einer Gruppe von zehn bis 15 Jugendlichen aus gutem Hause, die Mitte der neunziger Jahre mit dem etwas älteren Ramón Arellano Félix verkehrten.

Die Familie der Arellano Félix war Ende der achtziger Jahre nach Tijuana gekommen und kontrollierte innerhalb kurzer Zeit den Drogenschmuggel in die amerikanische Nachbarstadt San Diego. „Alfredo, Alejandro und die anderen Jungen ließen sich von Ramón beeindrucken. Er ging in die besten Discos, reservierte die teuersten Tische, und während sie für die Schule büffeln mussten, um ihr Taschengeld zu verdienen, machte er, was er wollte“, erinnert sich Señora Palacios.

„Die Jungen waren eine Gruppe, die sich bereits im Kindergarten gebildet hatte“, sagt die Geschäftsführerin eines Immobilienunternehmens. „Für uns Eltern ging alles den gewohnten Gang, sie gingen mit denselben Freunden wie eh und je aus.“ Zu spät hätten die Familien bemerkt, in was für Geschäfte sich die „Narcojuniors“ verstrickt hatten.

Mordvorwürfe gegen Fünfzehnjährige

Im September 1996 wurde Alfredo verhaftet und anschließend verurteilt für die Ermordung eines Justizbeamten. Frau Palacios ist von seiner Unschuld überzeugt, denn am Tag des Mordes habe er sich nicht in Mexiko-Stadt befunden, wo sich die Tat ereignet habe, sondern zu Hause. Auch gegen Alejandro lief ein Verfahren. Am 5. März 1997 begaben sich er und seine Mutter auf den Weg nach San Diego, damit er sich den amerikanischen Behörden stelle. Doch in einem Parkhaus am Boulevard Agua Caliente in Tijuana wurden sie von einem Kommando angehalten. „Die Männer zwangen Alejandro, mit ihnen zu gehen. Es war das letzte Mal, dass ich ihn sah“, sagt Frau Palacios. Sie erklärt sich die Entführung damit, dass er zu viel über die Arellano Félix und die Verbindungen der Armee zum Drogenhandel gewusst habe.

Die ergraute Dame mit der rauchigen Stimme ist Gründungsmitglied der „Associación Esperanza“, einer Organisation von Angehörigen vermisster Personen, die in den rund zehn vergangenen Jahren mehr als 350 Entführungen dokumentiert hat. Kein einziger Fall ist aufgeklärt worden. José Maria Ramos, der sich am „Colegio de la Frontera Norte“ in Tijuana mit der öffentlichen Sicherheit befasst, nennt in diesem Zusammenhang den Begriff, der in Mexiko so alltäglich wie Tortilla und Tequila ist und weit mehr als seine deutsche Übersetzung ausdrückt: Im Wort „impunidad“ – Straffreiheit – schwingt die Ohnmacht der Mexikaner gegenüber den alltäglichen Ungerechtigkeiten mit, das Gefühl, dass es sowieso nur „die Kleinen“ erwischt und „die Großen“ ungeschoren davonkommen.

Spektakuläre Aktionen für die Medien

Genau dies scheint sich aber geändert zu haben. „Bis vor einigen Jahren profitierte nur das organisierte Verbrechen von der Straffreiheit. Mittlerweile ist sie so verbreitet, dass auch Kleinkriminelle immer dreister werden und gerade mit Entführungen reich zu werden versuchen“, sagt Ramos.

Zeigen aber nicht gerade die jüngsten spektakulären Verhaftungen, dass das Ende der „impunidad“ naht? Unter den vier Drogenbossen befand sich der 52 Jahre alte Eduardo Arellano Félix, einer der letzten Mitbegründer des Kartells von Tijuana. Sein Bruder Ramón, der die Narcojuniors ins Verderben gerissen hatte, war bereits 2002 in einer Schießerei getötet worden. Laut Adela Navarro, der Chefredakteurin der lokalen Wochenzeitung „Zeta“, belegen solche Aktionen eher, dass es Calderón vor allem um medial zu vermarktende Erfolge geht.

„Hätte er sich tatsächlich dem Kampf gegen die Kartelle verschrieben, wäre seine erste Maßnahme die Säuberung der auf allen Ebenen korrupten Polizei gewesen“, sagt die Journalistin. „Ich weiß nicht, ob das möglich ist. Aber versuchen muss man es. Die kolumbianische Regierung hat es jedenfalls geschafft.“

Erfolg oder Beweis für die Machtlosigkeit?

Frau Navarro vermisst, wie auch die Wissenschaftler Edgardo Buscaglia oder José Maria Ramos, eine kohärente Strategie für den „Drogenkrieg“. Erfolge und Rückschläge wechseln sich bisher ab, eine Richtung ist nicht zu erkennen, ein Ende schon gar nicht absehbar. Calderón macht Mut und erzählt von der Aushebung eines Waffenarsenals am 31. Oktober, das „ausreichend groß war, um eine kleine Armee auszurüsten“. Unter anderem seien 500.000 Patronen und Raketenwerfer, mit denen Hubschrauber abgeschossen werden könnten, beschlagnahmt worden. Viele Mexikaner aber sehen darin nach zwei Jahren des Blutvergießens weniger einen Erfolg als einen Beweis für die unheimliche Schlagkraft der Kartelle, die sich in den Vereinigten Staaten offenbar nahezu ungehindert mit modernsten Waffen eindecken können.

Das Fatale der Entwicklung ist laut der Wissenschaftlerin Guadalupe González, dass die breite Bevölkerung in größerer Sicherheit lebte, als die Staatspartei PRI, die das Land so viele Jahrzehnte im Griff hatte, auch das organisierte Verbrechen verwaltete. Der Präsident habe damals durch die straffe Parteistruktur das ganze Land beherrscht. Die Kartelle seien in Ruhe gelassen worden und hätten bestimmte Gebiete zugeteilt bekommen, solange sie die öffentliche Ordnung nicht störten.

Einen Schritt entfernt vom größten Drogenmarkt der Welt

Doch seit dem Machtwechsel um die Jahrhundertwende hätten die konservativen Regierungen unter Vicente Fox und Felipe Calderón einen offenen Kampf mit schwankender Intensität aufgenommen und zahlreiche Drogenbosse verhaftet. Die jüngste Gewaltwelle sei nur mit dem Gerangel um die entstandenen hierarchischen und territorialen Machtlücken zu erklären, sagt Frau González.

So wie Cristina Palacios Roji de Hoyodán die Hoffnung nicht aufgegeben hat, ihren Sohn Alejandro eines Tages lebend wiederzusehen, so übt sich auch Chefredakteurin Adela Navarro, eine Tijuanense von Geburt, in Optimismus – nicht zuletzt aufgrund des kolumbianischen Beispiels. Allerdings kennt sie nur zu gut den entscheidenden Unterschied: Bis auf weiteres wird Mexiko weiterhin nur einen Schritt vom größten Drogenmarkt der Welt entfernt liegen.

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