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Merkel zu Gast bei Bush Große Symbolik im kleinen Kreis

10.11.2007 ·  Zu Gast beim „Führer der freien Welt“: Angela Merkel trifft George W. Bush. Die Bundeskanzlerin beging den 18. Jahrestag des Mauerfalls mit Steaks vom Grill des texanischen Paten. Von Matthias Rüb.

Von Matthias Rüb, Crawford
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Für den Präsidenten ist es der Abschluss einer europäischen Woche. Zuerst machte ihm der türkische Ministerpräsident Erdogan im Weißen Haus die Aufwartung, ließ sich Amerikas Unterstützung gegen die PKK versichern und versprach im Gegenzug, die an der irakischen Grenze massierten Soldaten nicht im großen Stil in den Irak einmarschieren zu lassen. Das Ansehen Amerikas in der Türkei hat wegen der Irak-Politik schweren Schaden genommen. Und doch kehrte Erdogan aus Washington als Sieger zurück, obwohl er außer der Versicherung, die PKK sei der gemeinsame Feind der Türkei, des Iraks und Amerikas, sowie dem Versprechen eines intensivierten Geheimdienstaustausches Washingtons mit Ankara wenig Greifbares mitbrachte.

Dann kam der französische Präsident Sarkozy nach Washington, warf seinem Gastgeber, der „First Lady“ Laura Bush und dem amerikanischen Volk lauter Kusshände zu und feierte die amerikanisch-französische Freundschaft. Bush feierte gern mit, es war ein einziges Schulterklopfen, man lag sich ständig in den Armen. Er habe in Sarkozy einen „Partner für den Frieden“ gefunden und erkenne ihn als „Mann von klarer Vision und von grundlegenden Werten“, pries Bush seinen neuen Lieblingsverbündeten aus dem „alten Europa“.

Wann hat es das zuletzt gegeben?

Denn der hatte kurz nach seinem Amtsantritt im Mai nicht nur seinen Außenminister Kouchner zu einem symbolträchtigen Besuch in den Irak geschickt, sondern unterstützt Bush in dessen Iran-Politik gegen das nach Atomwaffen strebende Mullah-Regime in Teheran. „Ich erwarte eine spektakuläre Renaissance in den französisch-amerikanischen Beziehungen“, sagte auch der demokratische Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Repräsentantenhaus, Tom Lantos. Anders als Bush lobte er freilich auch noch die Gegnerschaft zum Irak-Einmarsch, mit der die Franzosen aus heutiger Sicht „gewiss richtig gelegen“ hätten. Dennoch: Wann hat es das zuletzt in Washington gegeben, dass Regierung und Opposition gleichermaßen in Liebe zu den Franzosen erglühen?

Und jetzt kommt die Bundeskanzlerin. Angela Merkel kam am Freitag mit ihrem Mann Joachim Sauer auf der Ranch in Crawford an. Der Grillabend gleich im Anschluss an die Ankunft und das informelle Mittagessen an diesem Samstag unmittelbar vor dem Rückflug sind eine besondere Freundschaftsgeste Bushs.

Crawford wird zum Nabel der Welt

Die Flugzeit ist länger als der Aufenthalt der Bundeskanzlerin und ihrer überschaubaren Delegation in Crawford, die Übernachtung mitgerechnet. Das Dorf, etwa zwei Autostunden südlich von Dallas, hat knapp 800 Einwohner, sieben Kirchen, eine Ampel, einen Krämerladen und einen Schnellimbiss. Wenn sich der Präsident auf seiner „Prairie Chapel Ranch“ aufhält - einem für texanische Verhältnisse bescheidenen Anwesen mit 640 Hektar Weideland und Buschprärie etwa zehn Kilometer vor den Toren des Dorfes -, verwandelt sie sich in das „Western White House“, und Crawford wird zum Nabel der Welt. Frau Merkel ist die erste deutsche Kanzlerin, die Bush auf seiner Ranch empfängt.

Was Gerhard Schröder natürlich verwehrt blieb, konnten bisher unter anderen der russische Präsident Putin, der chinesische Präsident Jiang Zemin, die „angelsächsischen“ Verbündeten Blair aus Großbritannien und Howard aus Australien, die Nachbarn Vicente Fox aus Mexiko und Paul Martin aus Kanada, dazu aus Israel Ariel Sharon, aus Ägypten Hosni Mubarak und aus Saudi-Arabien König Abdullah gleich zweimal genießen, schließlich der Italiener Silvio Berlusconi, der Spanier José Maria Aznar und der Japaner Junichiro Koizumi.

Lange Listen diesseits und jenseits des Atlantiks

Formal ist die Kanzlerin zum Gegenbesuch angereist. Im Juli 2006 bewirtete sie den Präsidenten und First Lady Laura Bush in ihrem Wahlkreis in Trinwillershagen mit Wildschwein vom Grill. Wichtiger als die Diskussion der großen Krisenherde ist auf der Ranch das Steigern der persönlichen Vertrautheit.

Natürlich konnten die „ranghohen Regierungsvertreter“ diesseits und jenseits des Atlantiks lange Listen vortragen, worum es auf der Ranch gehen werde: um Irans Atomprogramm und neue Sanktionen, um den Nahen Osten und die geplante Annapolis-Konferenz, um den Kampf gegen den Islamismus in Afghanistan, im Irak und anderswo, um die Kosovo-Krise, den Klimawandel, den Handel und womöglich auch noch um eine UN-Reform.

Doch so lang war die Aufzählung, dass sie geradezu bedeutungslos war - außer vielleicht für die mitgereisten Referenten und Aktenträger. Für die „world leaders“ (Führer der Welt), wie in Amerika gern formuliert wird, kommt es auf die Begegnung im kleinen Kreis am Grill, bei Tisch, beim Spaziergang an - und um große Symbolik. Immerhin: Die Bundeskanzlerin aus Ostdeutschland traf am 18. Jahrestag des Berliner Mauerfalls beim „Führer der freien Welt“ ein. Es war, als feiere das vereinte, demokratische Deutschland seine Volljährigkeit beim Taufpaten. In Texas.

Quelle: F.A.Z., 10.11.2007, Nr. 262 / Seite 8
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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

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