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Merkel in Ägypten : Gesten und Inszenierungen

Wenig Bereitschaft zu gesellschaftlichem Ausgleich: Merkel im Gespräch mit dem ägyptischen Präsidenten Sisi Bild: Reuters

Bei Merkels Besuch in Ägypten werden die Gemeinsamkeiten herausgestellt. Die Reise wurde erst durch einen Erfolg vor Reisebeginn möglich. Doch die Kanzlerin besucht nicht nur den Präsidenten.

          Eine Szene ägyptischer Macht- und Prachtentfaltung: In einem elliptischen Prunksaal sitzt die deutsche Bundeskanzlerin an der Seite des ägyptischen Präsidenten im Präsidentenpalast in dem Kairoer Stadtteil Heliopolis, inmitten ausgedehnter Delegationen beider Seiten, vor holzgetäfelten Wänden mit reichen Intarsien, üppigen Gebinden aus weißen Chrysanthemen und roten Anthurien.

          Johannes Leithäuser

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Aller Augen aber sind auf einen riesigen, leicht konkaven Bildschirm gerichtet, auf dem plötzlich Bilder einer modernen Kraftwerksbaustelle auftauchen, Schornsteine, Leitungen, Kräne. Es ist ein Projekt doppelten Stolzes: Die ägyptische Regierung benutzt das Etikett „historisch“ und stellt fest, die neuen Gasturbinen, die an drei Standorten im Land errichtet werden, würden zusammen sieben Mal so viel Strom erzeugen wie der Assuan-Staudamm. Das ist die Botschaft, die Präsident Abd al Fattah al Sisi gern in sein Land versenden will: dass seine Mega-Projekte zur Modernisierung des Landes alles übersteigen, was seine Vorgänger einst in Ägypten erreicht haben.

          Verschiedene Machthaber während Merkels Regierungszeit

          Es folgen kurze Schaltungen zu ehrfurchtssteifen Ingenieuren auf den drei Teilbaustellen, die jeweils den ersten Abschnitt der neuen Werke offiziell in Betrieb nehmen. Stolze Worte findet aber auch der Vorstandschef von Siemens, Joe Kaeser: Er hebt die schnelle Bauzeit – 18 Monate von den Vertragsunterschriften bis zur ersten Einweihung – hervor, lobt den Unterstützungswillen der Bundesregierung, das Großprojekt voranzubringen. Wenn alle Anlagen laufen, sollen sie 45 Millionen Ägypter mit Strom versorgen können und die Stromversorgung des Landes um 45 Prozent steigern.

          Ihre lange Regierungszeit bringt es mit sich, dass die deutsche Kanzlerin zur Zeitzeugin sämtlicher Phasen des jüngeren ägyptischen Umbruchs geworden ist. 2007 war sie schon einmal in Kairo – damals hielt der gealterte, langjährige Präsident Husni Mubarak noch die Macht in Händen, die ihm vier Jahre später die Demonstranten auf dem zentralen Tahrir-Platz in Kairo entwanden. Den Sieger der anschließenden Wahlen, den zur islamistischen Muslimbruderschaft zählenden Muhammad Mursi, empfing Merkel in Berlin. Hoffnungen auf eine demokratische, auf Konsens zielende Entwicklung der ägyptischen Gesellschaft erfüllten sich nicht. Das einflussreiche Militär stürzte Mursi; im Jahr 2014 wurde als Repräsentant des Machtapparates der frühere General Sisi zum Präsidenten gewählt.

          Kanzlerin trifft auch Menschenrechtsaktivisten

          Auf diese Weise hat Merkel in persönlichen Begegnungen erfahren können, wie traumatisiert die alte – und neue – ägyptische Machtelite durch den doppelten Umbruch noch immer ist; wie gering dies die Bereitschaft hält, gesellschaftlich ausgleichende Gesten zu vollführen. So ergibt sich für die deutsche Bundeskanzlerin ein mehrfacher Auftrag in ihrer zwanzigstündigen Besuchszeit: Sie ist einerseits bereit zu großen Zeichen und Gesten, um die wirtschaftlichen Modernisierungspläne Sisis zu unterstützen, mit denen der Präsident die prekäre ökonomische Lage des Landes bessern will.

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