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Merkel in Monrovia Maschinengewehre zu Tischbeinen

 ·  Mit ihrem Besuch in Liberia wollte Bundeskanzlerin Merkel Präsidentin Johnson-Sirleaf ihre Solidarität bekunden. In Monrovia traf die Kanzlerin überall auf die Folgen des langen Bürgerkriegs.

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Mehrere Male jagt die Kolonne Angela Merkels über die Old Bridge. Mehrere Male über die Schlaglöcher der Brücke über den Mesurado in Monrovia, Liberias Hauptstadt, die an dieser Stelle einst schön gewesen sein muss. Palmen, Sonne, flache Wohnhäuser mit einst malerischen Farben, eine Uferpromenade, das Meer nicht fern. Doch die Stadt ist zerstört, die Idylle ist immer noch ein Albtraum.

Im Flugzeug der Bundeskanzlerin macht sich schon vor der Landung ein neuer Geruch breit. Es riecht nach Antimückenmittel. 5 Stunden und 45 Minuten soll der Besuch in Monrovia dauern, und nach 17 Uhr stechen die Malaria-Mücken. Heidemarie Wieczorek-Zeul ist auch an Bord, sagt, sie schätze Ellen Johnson-Sirleaf, seit zwei Jahren die Präsidentin Liberias, außerordentlich. Denn sie könnte ebenso gut luxuriös in Amerika leben, kümmere sich aber nun um ihr vom Bürgerkrieg geschundenes Volk.

„Die berühmteste Frau der Welt“

Zum Empfang erhält Frau Merkel ein weißes Huhn. Sie nimmt es mit spitzen Fingern entgegen und reicht es an einen Mitarbeiter der Botschaft weiter. Ringsum Blauhelm-Soldaten der Vereinten Nationen. 15 000 sind in Liberia, das Land nicht abermals in einen Bürgerkrieg versinken zu lassen. Die UN, nicht die liberianische Regierung, sorgen für die Sicherheit während des Besuchs Frau Merkels. Den UN gehören die Autos der Kolonne, die mit der Delegation um Schlaglöcher Slalom fährt.

In dunkler Limousine werden die Kanzlerin und die Präsidentin gefahren. Sie hören Autoradio, und Frau Merkel erlebt ihre Ankunft auch durch die schreienden Reporter. Frau Merkel sei die berühmteste Frau der Welt. Sie sei auch gut für Afrika, und sie komme aus der alten DDR. Kinder winken. Nur das Fußballstadion sieht perfekt aus. Gegen den ehemaligen Fußballstar George Weah hatte Frau Johnson-Sirleaf die Wahlen gewonnen. Gerne tragen die Leute an der Straße Fußballtrikots aus Europa. Vorbei am „Great Wall Hotel“ rast die Kolonne, vorbei an Hütten und Wellblechbuden, und die zusätzlichen chinesischen Schriftzeichen zeigen erstmals, wer hier investiert und baut. China hat das Außenministerium auf eigene Kosten wieder aufgebaut. Groß ist das Gedränge, als beide Außenministerin Olu Banke King Akerele willkommen heißt; zahlreiche Ministerinnen gehören dem Kabinett der Präsidentin an. Frau Merkel bekommt einen symbolischen Stadtschlüssel aus Pappe von der Bürgermeisterin der Stadt. Ein Fotoalbum dient als Goldenes Buch.

„...damit Liberia auf die Beine kommt““

Im Auswärtigen Amt Liberias herrscht – ganz weltläufig – Rauchverbot. Die Kippen liegen im Garten. Der erste Außenminister 1848 hieß Hilary Teage, und 1996 hieß er Monie R. Captan. Dann endet die Liste auf der Marmortafel des Ministeriums, vor der die Journalisten warten. Ein afrikanischer Reporter hat eine Flöte mitgebracht, die er auch im Stadion einsetzen könnte. Dann kommen die beiden Frauen: „Willkommen“ zum ersten Besuch eines deutschen Bundeskanzlers in Monrovia, sagt Frau Johnson-Sirleaf. „Danke für den warmen Empfang“, sagt Frau Merkel.

Jüngst hätten sie sich schon in Berlin getroffen. Sie wolle Liberia die Schulden erlassen, aber dafür müsse sie noch manche Länder ermutigen – „damit Liberia auf die Beine kommt“. Ein afrikanischer Reporter fragt, ob der zimbabwische Diktator Mugabe zum EU-Afrika-Gipfel dürfe. Frau Merkel sagt wieder ein Ja, und sie weiß, dass das hier ein großes Thema sei. Die Leute in Liberia ärgern sich über den britischen Premier Gordon Brown, weil der den Gipfel Mugabes wegen boykottieren will. Die „Begegnung mit der Presse“ ist vorbei, ein fleißiger Helfer verteilt eine Presseerklärung, dass beabsichtigt sei, Liberia wieder Kakao abzukaufen. Die Flöte trötet. Die Leute rennen hinaus.

Zwei Meter hohe Leichenberge

Die beiden Frauen reden beim Essen miteinander, und Frau Wieczorek-Zeul ist auch dabei. Sie sitzen auf der Bühne, unten die anderen Gäste. Frau Merkel bekommt einen blau-silbernen Umhang. Sie sagt, wenn wir drei Frauen zusammensitzen, könnten wir etwas bewegen. Die beiden anderen strahlen. Die Präsidentin erzählt von den deutschen Ingenieuren, die einst die Erzminen im Land betrieben.

Über die Todesbrücke geht es zum Projekt der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ): ein Hof und eine Musikgruppe. Weil bald viele Gäste kommen werden, kosten die dort hergestellten Tücher gleich 50 Euro. Zwei Meter hoch seien die Leichenberge gewesen, als er hergekommen sei, erzählt ein Entwicklungshelfer. Einer lässt Waffen zu Werkzeugen umschmieden, die auch 50 Euro kosten. Aus Maschinengewehren werden Tischbeine. Richtig handeln will keiner der Kunden. Ein Mädchen wartet gelangweilt an einer Schulbank. Weil der Vater Deutscher ist, heißt es Gabi Hessler, es kann schreiben, und bald wird Angela Merkel neben ihm sitzen. Bildung sei das wichtigste für Liberia, hatte Frau Johnson-Sirleaf der Bundeskanzlerin gesagt und auf die Tausenden von Kindern am Straßenrand gezeigt. Wenn die nicht schreiben lernten, bekämen sie keinen Beruf, nähmen Rauschgift und gründeten Verbrecherbanden. Dann würde der Friedensprozess gefährdet, und der Bürgerkrieg käme zurück. Anzeichen dafür gibt es, sagen manche.

Aufmerksame Blauhelm-Soldaten

Fünf von zehn Parlamentsparteien würden von den alten Warlords der Bürgerkriegsparteien angeführt, erzählen Kundige. Dann Marschmusik und Parademarsch an der Polizeiakademie. Zur Musik marschieren sie wie Rekruten im Kreis herum. Sie zeigen Kampfübungen, bei denen am Schluss stets die Frau gewinnt und der Mann im Sand liegt. Ein Straßenköter schleicht von dannen. Frau Merkel klatscht begeistert wie beim Fußball. Der Prügelstock der Schaukämpfe ist aus Pappe. Frau Wieczorek-Zeul strahlt. Deutschland ist durch eine Botschafterin in Liberia vertreten. Frau Lindemann-Macha kann die Länder der anderen Botschaften alle aufzählen. Viele sind es nicht. China ist dabei.

Die Kolonne jagt vorbei am zerschossenen Club der Rotarier Monrovias. Plakate werben für Gewaltfreiheit und für „Demokratie durch Wahlen“. Die Leute stehen an den Straßen. Die Blauhelm-Soldaten passen auf. Frau Johnson-Sirleaf zeigt Frau Merkel ihr Haus. Im Bürgerkrieg hatte sie das Land verlassen und das Haus vorsichtshalber an den Nuntius, den Botschafter des Vatikans, vermietet. Das Haus blieb stehen. Nun wird es zum Präsidentensitz. Frau Johnson-Sirleaf lässt Reis anbauen – zu pädagogischen Zwecken, damit die Menschen ermutigt werden, das Land aufzubauen. Es gehe voran, erzählen manche in Monrovia. Auf dem Weg zum Flughafen zeigt sich ein Regenbogen. Es ist 18.55 Uhr. Die Musikkapelle vom Mittag spielt noch einmal auf. Die Gäste sind im Flugzeug. Draußen ist es dunkel, und die Mücken sind gekommen.

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Jahrgang 1952, Leiter der politischen Redaktion in Berlin.

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