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Merkel in Mazar-i-Sharif Ein Blick in die Gesichter Afghanistans

05.11.2007 ·  Der erste Besuch der Bundeskanzlerin am Hindukusch wurde geheim gehalten, solange es ging. Die Taliban haben sich als aufmerksame Beobachter erwiesen. Ein Reisebericht von Berthold Kohler.

Von Berthold Kohler
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Kein „Stillgestanden!“, kein „Richt euch!“, kein „Augen geradeaus!“ Stattdessen Beifall zur Begrüßung, nicht befohlen, sondern „vorgeschlagen“ von einem Oberst, dem Standortältesten. Als die Bundeskanzlerin am Samstagvormittag vor überraschte deutsche Soldaten in Kabul tritt, geht es ungewöhnlich unmilitärisch zu. Auffallend unmilitärisch, obwohl nur wenige hundert Meter weiter eine Kriegszone beginnt. Gerade deshalb aber auch nicht ganz unverständlich. Das Hauptquartier der Isaf-Schutztruppe in Kabul nimmt sich in einem Land, das inzwischen fast jede Woche von Anschlägen erschüttert wird - an diesem Tag fällt ein holländischer Soldat einer Bombe zum Opfer -, wie eine Insel des Friedens aus, den auch der Ausflug der Kanzlerin so wenig wie möglich stören soll.

„Keine Waffen hinter dieser Linie“ steht auf einem Schild im Stabsgebäude, das früher ein britischer Sportclub war; das Betreten des ziemlich ausgedörrten Rasens ist bis heute verboten. Die Einsatzzentrale muss einer der wenigen waffenfreien Orte in Afghanistan sein. Das Land starrt vor Waffen und Menschen, die sie anwenden wollen - gegen das Regime des Präsidenten Karzai und die westlichen Truppen, die ihm beim Wiederaufbau des von Bürgerkrieg, sowjetischer Besatzung und der Schreckensherrschaft der Taliban verheerten Landes helfen sollen.

Nur 18 Begleiter dürfen mit

Die Taliban greifen nach den schweren militärischen Niederlagen, die sie im letzten Jahr erlitten, immer öfter zu der Taktik, die die islamistischen Terroristen im Irak schon zur Perfektion brachten: Sie legen Bomben und schicken Selbstmord attentäter. Damit verbreiten sie Furcht und Schrecken, bis nach Berlin. Die Botschaft der Terroristen ist unmissverständlich: Präsident Karzai, der im Westen schon einmal „Oberbürgermeister von Kabul“ genannt wurde, könne nun nicht einmal mehr in seiner Hauptstadt für Sicherheit sorgen. Der Besuch der Kanzlerin, der dem Präsidenten nicht schaden, sondern ihm nützen soll, liefert unabsichtlich den Beweis dafür.
Aus Furcht vor einem solchen Attentat ist die Reise konspirativ organisiert und bis zum letzten Moment geheim gehalten worden. Der Kreis der Passagiere wurde eng gezogen, nur achtzehn Personen begleiten Frau Merkel.

In der Nacht zum Samstag ist der Airbus der Kanzlerin schon über dem Kaukasus, als in den Nachrichtenagenturen die ersten Eilmeldungen über sein Ziel laufen. Spätestens als die Kanzlerin nach der Zwischenlandung im usbekischen Termes in einen Truppentransporter des Typs „Transall“ umsteigt, zeigt sich, dass diese Visite in ganz andere Verhältnisse führt als die Reise nach Indien, von der sie erst am Tag zuvor zurückgekehrt war. Die Sicherheitsbeamten überprüfen ihr beeindruckendes Waffenarsenal, das sie in großen Kisten mitgebracht haben. Vor der Landung in Kabul muss auch die Kanzlerin eine Splitterschutzweste anlegen.

Gelassenheit in allen Situationen

In der afghanischen Hauptstadt kann sie sich nur unter Umständen bewegen, die den Szenen gleichen, die sich bei Besuchen des amerikanischen Präsidenten Bush im Irak abspielen. Das heißt: schwerbewaffneter Schutz und möglichst kein Transport auf der Straße, denn dort könnten Bomben lauern. Am Samstag wird, noch während die Kanzlerin im Land ist, an der Route vom Flughafen ins Zentrum eine solche Höllenmaschine gefunden und kontrolliert gesprengt; ein Verdächtiger wird verhaftet. Zufall? Auf solche Zufälle wollte man es in Berlin und Kabul nicht ankommen lassen. Deshalb wird die Kanzlerin von einem gepanzerten Hubschrauber abgeholt, besetzt mit zwei Maschinengewehr-Bordschützen. Zwei amerikanische Kampfhubschrauber fliegen Geleitschutz.
Dass aber auch der Lufttransport nicht ohne Gefahren ist, zeigt sich, als beim Rückflug die automatisierte Flugkörper-Abwehr der Kanzlermaschine Täuschkörper ausstößt. Die Leuchtkugeln sollen anfliegende Raketen mit Infrarot-Sprengköpfen ablenken. Hubschrauber fliegen tief und haben wenig Zeit, auf einen Angriff zu reagieren. Daher ist ihr Abwehrfeuerwerk so empfindlich eingestellt, dass es schon auf Spiegelungen des Sonnenlichts reagiert. Es knallt, Rauch zieht durch die geöffnete Heckklappe in die Kabine. Die Kanzlerin gibt sich gelassen.

Sicherheit und ziviler Aufbau gehören zusammen

Unbeweglich bleibt ihre Miene auch, als Präsident Karzai nach seinem Gespräch mit ihr im Park seines Palasts zugibt, wie schlecht es immer noch um die afghanische Polizei und das Militär bestellt ist. Die Kanzlerin hat ihm versprochen, dass der Westen und damit auch Deutschland ihre Anstrengungen zur Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte verstärken wollen. Das tut dringend not. 42 deutsche Polizeiausbilder sind bisher im Land. Die Bundeskanzlerin hat sich vorgenommen, bei den Haushaltsberatungen noch mehr Geld dafür aufzutreiben. Auch die militärische Ausbildung durch deutsche Offiziere soll verstärkt werden.

Denn das Alpha der Kanzlerin in der Afghanistan-Politik ist der Satz, dass die Afghanen stetig mehr Verantwortung für ihr eigenes Land übernehmen müssten, sei es bei der Reorganisation der politischen, militärischen oder der wirtschaftlichen Strukturen. Das Omega lautet, dass Sicherheit und ziviler Aufbau zusammengehörten. Das sehen auch die deutschen und die amerikanischen Generäle so, die Frau Merkel in Kabul trifft. Ein sich selbst tragender, halbwegs stabiler afghanischer Staat ist Voraussetzung für den Abzug der westlichen Truppen, den auch die Kanzlerin noch nicht absehen kann. Doch um ihm näher zu kommen, müsse der Wiederaufbau immer stärker „ein afghanisches Gesicht“ bekommen. Das sagt sie an diesem Tag jedem, den sie in Kabul trifft, sogar noch den Achtklässlern einer Oberrealschule.

Sinn für Ironie?

Dort wird sie von einem Mädchenchor mit deutschem Liedgut empfangen: „Kommt ein Vogel geflogen, setzt sich nieder bei mir“. Haben die Afghanen einen Sinn für Ironie? Jedenfalls wissen sie um die Vergangenheit der Kanzlerin. Sie darf an einem Experiment zum Widerstand mitwirken, dem elektrischen. Es wird schöne Fernsehaufnahmen geben von diesem Termin, die Besucherin inmitten afghanischer Mädchen und Jungen (die anders als die Schülerinnen alle Präsident werden wollen).

Doch die Kanzlerin hat noch einen anderen Grund zum Lächeln. An der schon 1924 gegründeten Amani-Schule, an deren Wänden mehr Bilder von deutschen Dichterfürsten hängen als an manchem Goetheinstitut, blickt sie in das andere Gesicht Afghanistans: das friedliche und gebildete, das Hoffnung macht für dieses geschundene und zerrissene Land. Karzai hatte der Kanzlerin von einem 14 Jahre alten Jungen berichtet, der von religiösen Fanatikern zum Selbstmordattentäter abgerichtet worden war; der Präsident sprach persönlich mit ihm. Die Kanzlerin dagegen hat an der Amani-Schule ein Mädchen als Gesprächspartner, das ihr in bestem Deutsch von seinen Zukunftsplänen erzählt. An Schulen wie dieser läuft mit deutscher Unterstützung das Gegenprogramm zu den Madrasas der Taliban. Das ist bestens eingesetztes Geld.

Ein neuzeitliches Fort

Doch werden die Alliierten in Afghanistan diese erfreulichen Entwicklungen noch lange schützen müssen. Welche zeitliche, räumliche und finanzielle Dimension das westliche Engagement am Hindukusch hat, zeigt augenfällig die letzte Station dieser vierundzwanzig Stunden dauernden Reise. Im Norden Afghanistans erhebt sich bei Mazar-i-Sharif aus der Steppe ein Feldlager, dessen Wälle und Türmen aus der Luft betrachtet an die Grundrisse der römischen Kastelle am Limes erinnern. Hinter seinen Toren zeigt sich, was hier wirklich aus der Wüste gestampft wurde: ein riesiges Industriegebiet, in dem Sicherheit hergestellt wird. Zunächst für die 1700 deutschen Soldaten und ihre verbündeten Kameraden, die am Fuße des Marmal-Gebirges Dienst tun müssen, dann aber auch für ein möglichst großes Gebiet um dieses neuzeitliche Fort herum, soweit möglich.

Camp Marmal ist das Hauptquartier des Regionalkommandos Nord, das die Bundeswehr im vergangenen Jahr übernommen hat. Seit dem Frühjahr sind hier auch die sechs Tornado-Aufklärer stationiert, die im Dienste der Isaf ganz Afghanistan erkunden. Auch die großen Transporthubschrauber sind aus Usbekistan nach Mazar-i-Sharif verlegt worden. Im nächsten Jahr sollen ihnen die Transall-Maschinen folgen. Die Bundeswehr baut ihre Stützpunkte im Norden Afghanistans aus, und sie baut keine Provisorien. Das ist nicht nur ein Zeichen für die Taliban, sondern auch für die Verbündeten. Es bleibt dabei, dass Deutschland sich auf die nördlichen Provinzen konzentriert. Eine Truppenentsendung in den Süden, in dem andere die Verantwortung und das Kommando haben, lehnt Frau Merkel ab.

Noch auf ein Wort mit der Putzfrau

Im Hangar warten Kaffee und Schokoladentorte auf die Kanzlerin - dass Nachschubeinheiten aus Bayern am Werk sind, merkt man nicht nur an den weiß-blauen Fahnen über den Unterkünften. Frau Merkels Interesse gilt zunächst jedoch den Fotos der Luftaufklärung, die man für sie bereitgelegt hat. Eines von ihnen zeigt Löcher, die rechts und links von einer Straße gegraben wurden - typische Vorbereitungsarbeiten für einen Bombenanschlag. Ein Drittel der Einsätze diene dem Schutz der eigenen Truppen, sagt der Kommandeur. Aber auch die übrigen Missionen seien nicht dazu vorgesehen, die amerikanischen Anti-Terror-Missionen zu unterstützen. Darüber hatte es im Bundestag heftige Diskussionen gegeben.

An diesem Samstagnachmittag kennt die Bundeskanzlerin aber keine Parteien mehr, sondern nur noch deutsche Soldaten. Sie sei gekommen, um ihnen Respekt und Anerkennung auszusprechen. Sie fliege zurück in der Gewissheit, dass die Bundeswehr in Afghanistan gute Arbeit leiste. Ein Oberleutnant sagt, solche Besuche und Worte seien durchaus wichtig und hilfreich für die Moral der Truppe. Zwischen drei und sechs Monaten dauert der Dienst in Afghanistan, oft genug noch in Zeltlagern. Manche Soldaten sind schon zum vierten oder fünften Mal am Hindukusch.

Die Kanzlerin muss Camp Marmal nach zwei Stunden wieder verlassen, der Airbus in Termes wartet. Dort bleibt nicht einmal mehr Zeit zum Frischmachen im Flughafen oder gar zu einem Wort mit der Putzfrau, die der „Frau Angelina“ in der Frühe noch einen guten Morgen gewünscht hatte. Frau Merkel, des Russischen mächtig, hat es verstanden. Doch jetzt drängt die Zeit. Am Sonntag wartet im fünfeinhalb Flugstunden entfernten Berlin schon der nächste Kriegsschauplatz auf die Kanzlerin, der Koalitionsausschuss. Nach nur zwölf Stunden in Afghanistan wirken die Querelen der großen Koalition freilich wie von einem anderen Stern.

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Jahrgang 1961, Herausgeber.

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