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Merkel in China Ziemlich beste Freundin

 ·  In Berlin spricht man von einer „special relationship“ mit China. Die Führung in Peking aber hat auch strategische Absichten, enger an Deutschland zu rücken. Sie strebt eine neue Weltordnung an, die die Dominanz der Vereinigten Staaten beenden soll.

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© dapd Vergrößern Die besondere Zuneigung von Ministerpräsident Wen zu Deutschland und der Kanzlerin werden seine Nachfolger nicht unbedingt teilen

Wenige Tage nach Bundeskanzlerin Merkel wird in dieser Woche jene andere Politikerin China besuchen, die hierzulande als „starke Frau“ bezeichnet wird: Doch der Empfang der amerikanischen Außenministerin Hillary Clinton wird deutlich kühler ausfallen als der Frau Merkels. Die Liste der Streitpunkte zwischen Peking und Washington ist lang. Sie beginnt mit der aktuellen Frage, ob China sich im Syrien-Konflikt bewegt, und endet nicht mit Dauerthemen wie Währungspolitik und Handelsungleichgewicht, die im Wahljahr in Amerika eine große Rolle spielen.

Gerade hat Frau Clinton Peking noch zusätzlich aufgebracht, indem sie vor ihrer Reise demonstrativ das Forum Pazifischer Inseln beehrte und damit demonstrierte, dass es Präsident Obama mit seiner neuen Asien-PazifikStrategie ernst ist. China sieht sich von den Vereinigten Staaten eingedämmt, als wäre die Supermacht auch in seinen Territorialstreitigkeiten mit ziemlich allen Nachbarstaaten am Werk. Es wird harte Worte und allenfalls zähneknirschendes Lächeln geben, wenn Frau Clinton Peking ihre Aufwartung macht.

Selbst in Afrika ist man zunehmend skeptisch

Während des Besuchs der Bundeskanzlerin und ihres halben Kabinetts gab es dagegen strahlende Gesichter und keinen Mangel an freundlichen Gesten, vom großen Empfang der Kanzlerin bei der alten und designierten neuen Führungsriege bis zum Spaziergang im Kaiserpalast mit Ministerpräsident Wen Jiabao. Wen ließ es sich auch nicht nehmen, Frau Merkel nach Tianjin zu begleiten. Von einer „special relationship“ war auf deutscher Seite die Rede, von Freundschaft auf der chinesischen.

Freunde kann China gebrauchen. Denn die Volksrepublik wird dank ihrer Wirtschaftskraft immer mächtiger und einflussreicher, aber nicht unbedingt beliebter. Die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten sind gespannt. Die Anrainerstaaten sehen den Aufstieg Chinas mit Sorge. Selbst in Afrika, wo die Volksrepublik sich mit viel Geld engagiert, ist man zunehmend skeptisch. Mit Russland gibt es Gemeinsamkeiten, so dass sich China in seiner Außenpolitik oft an dem großen Nachbarn orientiert. Die große Freundschaft gibt es aber auch mit Moskau nicht.

Demokratiedefizite nimmt man routiniert zur Kenntnis

Das gute Verhältnis zu Europa und besonders zu Deutschland ist daher ein Lichtblick. Weder leidet die Beziehung mit dem fernen Deutschland unter historischen Hinterlassenschaften, noch gibt es Interessenkonflikte. Die Deutschen lieben die chinesische Kultur, deutsche Politiker die chinesische Gastfreundschaft. Die Chinesen halten die Deutschen für verlässlich. Die Beziehungen wachsen auf einem Fundament enger, einander ergänzender Wirtschaftsbeziehungen.

Peking hat aber auch strategische Absichten, wenn es enger an Deutschland rückt. China strebt eine neue Weltordnung an, die die Dominanz der Vereinigten Staaten beenden soll. In dem, was die Chinesen als multipolare Welt bezeichnen, soll ein von Deutschland geführtes Europa ein neuer Pol im Sinne Chinas werden. Dass beide Länder verschiedene Wertvorstellungen und andere Gesellschaftssysteme haben, stört Peking weniger, als es die Deutschen stören sollte. Mahnungen wegen Verletzungen der Menschenrechte und Demokratiedefiziten nimmt man in China routiniert zur Kenntnis, ohne sie zu beherzigen.

China fürchtet Auseinanderfallen des Euroraums

Dass Berlin jetzt mit China „besondere Beziehungen“ pflegen will, nehmen chinesische Vordenker zum Anlass, Deutschland zu empfehlen, es solle über den Tellerrand der atlantischen und europäischen Bindungen blicken und sich nach den aufstrebenden Schwellenländern ausrichten, allen voran China. Ein Beispiel kurzzeitiger deutsch-chinesischer Übereinstimmung gegen Amerika ist noch in guter Erinnerung: Nachdem Bundeskanzler Schröder Präsident Bush die Gefolgschaft in den Irak-Krieg verweigert hatte, waren die Beziehungen zwischen Berlin und den chinesischen Kommunisten so gut wie nie.

Vorerst aber gefährdet die Staatsschuldenkrise den Wunschtraum chinesischer Strategen nach einer Stärkung des Pols Europa. China fürchtet ein Auseinanderfallen des Euroraums, weil es nach wie vor auf ein multipolares Währungssystem setzt, in dem der Euro eine zentrale Rolle spielt. Sollte die Gemeinschaftswährung weiterhin schwach bleiben oder gar an Bedeutung verlieren, würde das die Dominanz des Dollar und der Vereinigten Staaten stärken.

Schon jetzt wirkt sich die Krise des Euro negativ auf die chinesische Wirtschaft aus. Auch aus diesem Grund hat die Pekinger Führung kein Interesse daran, dass sich die Krise hinzieht oder verschärft. China will daher auch aus wirtschaftlichem Eigeninteresse den Euro stärken und hat der Bundeskanzlerin blanko das Vertrauen ausgesprochen, dass sie die Krise meistern werde. Mit detaillierten Hilfsangeboten hielt man sich indes auch gegenüber der ziemlich besten Freundin Merkel zurück.

Die besondere Zuneigung von Ministerpräsident Wen zu Deutschland und der Kanzlerin werden seine Nachfolger nicht unbedingt teilen. Zwar dürfte auch die neue Führung, die im Herbst gekürt wird, von einer multipolaren Welt reden und Deutschland sowie Europa hofieren. Vorläufig aber zählt für China der eine Pol. Und der heißt noch immer Amerika.

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02.09.2012, 22:10 Uhr

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Von Helene Bubrowski

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