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Merkel in Afrika „My name is Angela“

06.10.2007 ·  Angela Merkel reist fünf Tage lang durch Afrika. An vielen Stationen war auch Schröder schon gewesen. Doch die Kanzlerin setzt andere Schwerpunkte. Nach Empfängen „mit militärischen Ehren“ sucht sie den Kontakt zur Bevölkerung. Günter Bannas war dabei.

Von Günter Bannas, Pretoria
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Gewaltig können die Empfänge „mit militärischen Ehren“ sein, mit denen Angela Merkel begrüßt wird. Neunzehn Salutschüsse übertönen die deutsche Nationalhymne oben auf dem Gelände der Union Buildings in Pretoria, von wo aus Präsident Mbeki Südafrika regiert. Dort empfängt er am Freitag die Bundeskanzlerin. Malerisch war schon die Kulisse am Donnerstag im Parkgelände des Nationalpalastes in Addis Abeba gewesen, den einst in den fünfziger Jahren der äthiopische Kaiser Haile Selassie errichtet hatte.

Ausgestopfte Löwen und Tiger, Bilder auch mit christlichen Motiven und Fernsehapparate aus den späten siebziger Jahren. „Welcome“ stand auf den Fußabtretern. Da Äthiopien nach dem dortigen Kalender erst in diesem September das „Millennium“ beging, wurden Bäume gepflanzt. „Alles Gute für die Bäume“, sagte Frau Merkel im Gewühl der Kameras. Vor dem Gebäude der Afrikanischen Union (AU) in Addis Abeba empfing sie dann eine Tanzgruppe, die vor fast vier Jahren auch das Eintreffen ihres Vorgängers Schröder lautstark untermalt hatte.

Übergabe eines lebenden weißen Huhns

Am Sonntag wird es in der liberianischen Hauptstadt Monrovia abermals lebendig zugehen. Eine „traditionelle Begrüßung mit Blumen und Kolanüssen, Übergabe eines lebenden weißen Huhns und Reis“ ist vom Protokoll angekündigt.

An vielen Stationen ihrer Reise war auch Schröder gewesen. Doch die Schwerpunkte waren andere. „Die Werteorientierung unserer Außenpolitik wird deutlich im Kampf gegen Hunger und Armut“, hatte Angela Merkel vor Abgesandten der Mitgliedstaaten der Afrikanischen Union gesagt und den Grundzug ihrer Afrika-Reise beschrieben. „Sie zeigt sich im Kampf gegen Korruption, Diktatur und Machtmissbrauch, gegen die Verletzung von Menschenrechten.“

In ihren Gesprächen am Donnerstag in Addis Abeba und am Freitag dann in Pretoria machte sie deutlich, dass diese Bemerkungen über ihre erste Reise als Bundeskanzlerin in afrikanische Länder südlich der Sahara hinaus reichten. „Der Schutz der Menschenrechte ist elementarer Bestandteil unserer Friedens-, Entwicklungs- und Sicherheitspolitik.“

Küsschen hier, Umarmung dort

Es fügte sich in diese Orientierung, dass sie nicht vom Wirtschaftsminister, sondern von der Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) begleitet wurde. Außerordentlich zuvorkommend beachtete die Bundeskanzlerin ihre Ministerin, vielfach würdigte sie deren Kenntnisse und Engagement, und immer wieder verwies sie ihre Gesprächspartner auf die gute Arbeit ihrer Entwicklungsministerin, was womöglich auch damit zusammenhing, dass Frau Wieczorek-Zeul die meisten seit langem kannte.

Küsschen hier, Umarmung dort. Frau Wieczorek-Zeul ist derzeit die am längsten ununterbrochen amtierende Ministerin ihres Kabinetts. Koalitionspflege im Ausland? Politisch jedenfalls schien die beiden auf dieser Reise und bei deren Schwerpunkten nichts zu trennen. Es passte dazu, dass die Bundeskanzlerin in ihren Gesprächen und auch im Reiseprogramm selbst weniger die deutschen Wirtschaftsinteressen in Afrika in den Vordergrund stellte, sondern - mindestens optisch - Besuche in humanitären Einrichtungen.

An diesem Samstag wird sie eine Krankenstation für Aids-infizierte Kinder besuchen. Auch für die andere Seite des Interesses war gesorgt. Dazu gehörte am Freitag der Besuch der Baustelle jenes Fußballstadions, in dem bei der Weltmeisterschaft im Jahr 2010 Eröffnungs- und Endspiel stattfinden werden.

„Willkommen“-Transparent für Angela

„My name is Angela“, sagte Frau Merkel zu den Mädchen eines - von der Kindernothilfe geförderten - Projektes, das sich um sexuell missbrauchte Mädchen kümmert. Das war in Addis Abeba. Im einfach eingerichteten Klassenzimmer setzt sich die Kanzlerin in die erste Reihe. Frau Merkel sorgte dafür, dass das bunte „Willkommen“-Transparent ins Bild gerückt wurde, als sie den deutschen Fernsehleuten ein „Statement“ gab. Sie sei beeindruckt, mit welcher Offenheit die Kinder über ihre Probleme sprächen. Und: Die Menschen in Afrika sollten befähigt werden, ihre Probleme selbst zu lösen. „Auf diesem Wege wollen wir weitermachen.“ Schritt für Schritt. Frau Wieczorek-Zeul pflegte bei derlei Äußerungen zu nicken.

Die mitreisenden Wirtschaftsvertreter mochten nicht klagen. Sie jedenfalls hatten Verständnis, dass ihre Delegation klein sei - organisatorische Umstände mögen dazu beigetragen haben. Dass ihr Engagement auf Gewinn und nicht auf humanitäre Hilfe angelegt sei, haben sie der Bundeskanzlerin gesagt. Dass diese bei der Eröffnung einer Commerzbank-Repräsentanz in Addis Abeba dabei war, fand ihre Zustimmung. Die politische Offenheit von Ländern hänge mit der wirtschaftlichen Prosperität zusammen, sagte Frau Merkel. Ähnlich hatte auch Schröder gesprochen.

Trotz Mugabe zum EU-Afrika-Gipfel

Afrika müsse sein Schicksal selbst in die Hand nehmen, war eine der Botschaften ihrer Reise. In diesem Sinne definierte sie vor den Staatsvertretern der AU die Kooperation. „Partnerschaftliche Zusammenarbeit heißt natürlich: Die afrikanischen Staaten tragen die Verantwortung für notwendige grundlegende Reformen auf ihrem Kontinent.“ Frau Merkel möchte in ihren außenpolitischen Reden nicht moralisieren, weil das womöglich von den Gesprächspartnern wenig geschätzt werde. Doch verband sie in ihrer Rede moralische Ansprüche - Menschenrechte, Demokratie, „grundlegende Reformen“ eben - mit den Grenzen des deutschen Hilfsengagements.

Es gibt Grenzen der Ansprüche internationaler Moral. Mit Vehemenz setzte sie sich für den EU-Afrika-Gipfel im Dezember in Lissabon ein. Sie wird ihn nicht boykottieren, bloß weil der Diktator Mugabe aus Zimbabwe dabei sein wird, auch wenn sie in den Gesprächen das Gefühl zum Ausdruck brachte, manche ihrer Gesprächspartner könnten mehr und guten Einfluss auf die Entwicklungen in Zimbabwe nehmen. Südafrika und Mbeki gehören dazu. Doch wollen die afrikanischen Führer sich nicht vorschreiben lassen, wer in Lissabon zu Gast sein dürfe. Rücksichten werden von Frau Merkel genommen.

China stets präsent

Nahe an Europa ist der afrikanische Kontinent - für die Arbeit der europäischen Innenminister ein Teil des Alltags. Sorgen gibt es, islamische Einflüsse könnten über den Irak und Afghanistan hinaus zu einem Problem der internationalen Sicherheit werden. Dass dies auch in einigen afrikanischen Staaten so gesehen wird, war eine der Erfahrungen ihrer Reise. Ohnehin hatte Frau Merkel das „Lernen“ und das „Erfahren“ als Ziele der Reise definiert - und dabei auch die deutsche Innenpolitik und deren Internationalität im Blick gehabt.

Im übertragenen Sinne war „China“ ein integraler Bestandteil der Reise der deutschen Bundeskanzlerin. Chinas forsches Auftreten, seine billigen Kredite, sein Verzicht auf moralisch-menschenrechtliche Anforderungen an die afrikanischen Führer sorgen dort für Eindruck und Ansehen. Ihren Gesprächspartnern sagte sie, sie müssten beachten, welche Hilfe am Ende die günstigste und am meisten preiswerte sei.

„China ist ein großer Partner“

Schon sah der äthiopische Infrastrukturminister im Gespräch mit den deutschen Wirtschaftsvertretern die Zukunft voraus, China könne mit seinem Knowhow und seinen billigen Arbeitskräften die billigen Preise afrikanischer Produktion wettmachen. China sei in Zukunft der Hauptkonkurrent, und es bestehe die Gefahr, es werde Afrika dominieren.

In der AU-Versammlung sagte deren Kommissionspräsident Konaré: „China ist ein großer Partner.“ Wie nicht einmal die deutschen Kanzler oder amerikanische Präsidenten definierte er die Formel einer „Ein-China-Politik“ - jener Grundanforderung der Führung in Peking. Es gebe nur ein China, Taiwan sei „integraler Bestandteil der Volksrepublik China“. Gründe dafür? Chinesische Firmen bauen das neue Hauptquartier der AU, und die Volksrepublik übernimmt die Kosten.

Ab Montag 4.15 Uhr wieder Innenpolitik

Ein Nachtrag zu Umständen, die solche Reisen mit sich bringen. Ankunft in Addis Abeba: Eine Stunde vor Mitternacht. Ankunft in Pretoria: Nach Mitternacht - am Flughafen in Johannesburg mit der bei Kanzlerreisen nie dagewesenen Pass- und Impfpasskontrolle der Begleitungen der Kanzlerin. Leise klagten Wirtschaftsvertreter, solche Terminplanungen brächten es leider mit sich, dass sie ihre abendlichen Geschäftsgespräche nicht halten könnten.

Abflug ist an diesem Sonntag in Kapstadt um acht Uhr. Fast sieben Stunden Flug nach Monrovia. Gespräche mit der einzigen Präsidentin eines afrikanischen Staates, der von Frau Merkel überaus geschätzten Ellen Johnson Sirleaf. Abflug dann gegen 19 Uhr - 21 Uhr deutscher Zeit. Von Montagmorgen um 4.15 Uhr an wird sich Frau Merkel wieder um die deutsche Innenpolitik kümmern. Dass in Afrika über Müntefering gesprochen wurde, verstand sich fast wie von selbst. Nach der Sonne und den Böllerschüssen hatte es in Pretoria gewittert. Donnergrollen.

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Jahrgang 1952, Leiter der politischen Redaktion in Berlin.

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