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Merkel besucht Golfstaaten Bitte um Rückruf nach der Landung

27.05.2010 ·  In den Golfstaaten macht die Kanzlerin Ausflüge in eine fremde Welt fern der hässlichen europäischen Wirklichkeit. Doch der Rücktritt Roland Kochs und die Sorge um den Euro holen sie in die Realität zurück.

Von Eckart Lohse, Abu Dhabi/Dschidda
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Wer der Architekt sei, will Angela Merkel wissen. Schon bald eine Stunde unterhält sie sich auf Englisch mit ihren Gastgebern an der Kaust. Die Kaust, mit vollem Namen „King Abdullah University for Science and Technology“, liegt etwa achtzig Kilometer nördlich von der westsaudischen Stadt Dschidda am Roten Meer, wo Merkel am Dienstag und Mittwoch während ihrer Reise in vier Golfstaaten zu Besuch war. Die Kaust ist eine international hochkarätig besetzte Universität in Saudi-Arabien. Das wäre die formal korrekte Beschreibung. Die Kaust ist ein gesellschaftliches Experiment mit revolutionärem Potential in einem der widersprüchlichsten Länder der Erde. Das wäre die zutreffende Beschreibung. Mindestens am Dienstagnachmittag scheint die Kaust für Angela Merkel wichtiger zu sein als Roland Koch und sein angekündigter Rückzug aus der Politik.

Also zuerst zur Universität. König Abdullah hat sie bauen lassen, der weit über achtzig Jahre alte Herrscher Saudi-Arabiens. Im September vorigen Jahres war der beeindruckende, hochmoderne Gebäudekomplex nach nur zwei Jahren Bauzeit fertig. Der König verfolgte sogar per Kamera die Baufortschritte, so wichtig war (und ist) ihm das Projekt. Warum? Hier forschen, lehren und studieren etwa 2000 überwiegend ausländische Professoren und Studenten mit solchen aus Saudi-Arabien eng zusammen. Eine Provokation für die starken konservativen Kräfte im Land ist es dabei, dass Frauen aus Saudi-Arabien hier mit Männern eng zusammenarbeiten. Doch damit nicht genug: Die saudischen Frauen müssen sich anders als im Rest des Landes nicht verschleiern.

Kleine Ausflüge in fremde Welten

Angela Merkel beschränkt sich bei ihrem Besuch ganz auf das Fragen und hält sich mit Stellungnahmen zurück. Das macht sie gern auf solchen Reisen. Die - fast ausschließlich deutschen - Wissenschaftler und Studenten, die sie trifft, fragt die Kanzlerin, warum sie hier seien, wie es um die Arbeits- und Lebensumstände stehe. Dass die gute Bezahlung eine Rolle spielt bei der Entscheidung für Saudi-Arabien, bleibt kein Geheimnis. Die Wissenschaftler berichten, was geht und was nicht auf dem Campus. Gemeinsames Kaffeetrinken von Männern und Frauen: ja. Tanzkurs: nein. Am Ende aller Fragen dann noch die nach dem Architekten. Mehrfach hakt sie nach, weil ihr der Name des amerikanischen Architektenbüros HOK nicht geläufig ist. Schließlich ist auch das geklärt.

So mag es die Physikerin auf ihren Auslandsreisen: kleine Ausflüge in fremde Welten, für die in einem Kanzlerinnenleben wenig Gelegenheit ist. Das können indische Frauen sein, mit denen sie in Bombay auf niedrigen Korbmöbeln hockt und über Entwicklungsprojekte diskutiert, chinesische Städteplaner oder eben Studenten in Saudi-Arabien.

Gerade in diesen Tagen ist die Verlockung einer kurzen Flucht aus der hässlichen europäischen Wirklichkeit groß. Schließlich ist es eine Wirklichkeit, die für die Bundeskanzlerin in jüngster Zeit vor allem aus milliardenschweren Rettungspaketen, aus erbarmungslosen europäischen Partnern, aus verärgerten Parteifreunden, leeren Kassen, fürchterlichen Umfragewerten und Überschriften besteht, die üblicherweise in der Spätphase von Koalitionen auftauchen. Lächerliche fünf Stunden und vierzig Minuten dauert es am Pfingstmontag, um vom Flughafen Berlin Tegel, militärischer Teil, nach Abu Dhabi zu kommen, die Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate - ins morgenländische Paradies. Tausend und eine Nacht, wenigstens für vier Tage.

„May I introduce some people to you?“

Und dann bittet Roland Koch um einen Rückruf nach der Landung. Er kündigt an, womit er tags darauf die Schlagzeilen zu bestimmen gedenkt: Rückzug von allen politischen Ämtern. Da kann Frau Merkel sich freuen, wenn sie mit ihrer Reise in die Vereinigten Arabischen Emirate, nach Saudi-Arabien, Qatar und Bahrein wenigstens noch auf den hinteren Plätzen der Nachrichtensendungen und Zeitungen landet. Sie gibt sich gelassen. Sie habe vorher mit Koch gesprochen, bedaure, aber respektiere seine Entscheidung.

Immerhin schafft Angela Merkel es, die schlechte Nachricht noch über den Montagabend und den Dienstagvormittag unter der Decke zu halten. Irgendwie klingt sie sogar fröhlich, als sie am Abend den Kronprinzen von Abu Dhabi begrüßt, Seine Hoheit General Scheich Mohammed bin Zayed Al Nahyan, und ihm ein heiteres „Good to see you“ entgegenlächelt. Händeschütteln hier, „I am fine“, dort und die freundliche Geste, die mitgereisten Bundestagsabgeordneten vorzustellen: „May I introduce some people to you?“

Ein Zimmer weiter werden Verträge unterzeichnet, mit denen deutsche Wirtschaftsunternehmen viel Geld verdienen. Und zum Abendessen gibt es für die Mitglieder der Wirtschaftsdelegation Kamelfleisch, das der Ober mit der bloßen Hand vom Knochen löst und ebenso ungefragt wie schwungvoll auf jedem Teller landen lässt. Der Reichtum, so hatte vorher ein Kenner der Region gesagt, ermögliche es, archaische Sitten fortleben zu lassen.

Einkommensteuersatz null Prozent

Der Reichtum. Im Vergleich zu dem Hotel, in dem die Kanzlerin Quartier nimmt, ist das Kanzleramt in Berlin eine Hütte. 2,4 Milliarden Dollar hat das „Emirates Palace“, das zugleich der Regierung als Gästehaus dient, gekostet. 250.000 Quadratmeter Innenfläche werden umgeben von hundert Hektar Parklandschaft, abgerundet durch einen 1,4 Kilometer langen Strand und einen Yachthafen. Einen Monat, so sagt es einer der eher nach Hunderten denn nach Dutzenden zählenden Pagen, brauche ein neuer Mitarbeiter, bis er sich sicher in dem Gebäude mit all seinen Gängen, Nebengängen und Hinterzimmern zurechtfinde. In diesem Land würde wahrscheinlich sogar die schwarz-gelbe Koalition funktionieren, denn der Einkommensteuersatz beträgt - aufgepasst, Herr Westerwelle! - null Prozent.

Ach ja, Schwarz-Gelb. Den konkreten Termin für Kochs Paukenschlag kannte Angela Merkel erst seit Montag. Grundsätzlich wusste sie aber schon vor der Bundestagswahl im vorigen Jahr, dass der hessische Ministerpräsident und stellvertretende Vorsitzende der Bundes-CDU den Weg hinaus aus der Politik suchte. Mehrfach hatte sie versucht, ihn davon abzubringen, hatte sich bemüht, ihn als EU-Kommissar nach Brüssel zu schicken, vergebens.

Interesse der Golfstaaten an Euro-Stabilität

Nun ist er weg, und die Parteivorsitzende weiß genau, dass sie dringend jemanden braucht, der wie Koch einerseits den konservativen Parteiflügel bedient, andererseits aber loyal gegenüber der Vorsitzenden und Kanzlerin ist. Da passt es gut, dass die anderen Probleme auch gleich wieder auftauchen. Die Iran-Sanktionen sind eines der wichtigsten außenpolitischen Themen, die Angela Merkel am Golf begegnen. Ihre Gesprächspartner sorgen sich wegen des aggressiven Kurses des großen Nachbarn am Golf. Immerhin kann sich die Kanzlerin bestätigt fühlen in ihrer Unterstützung für Sanktionen gegen das Regime in Teheran.

Und natürlich der jüngste Dauerbrenner, der der Bundeskanzlerin das Leben schwer macht: der Euro. An dessen Stabilität haben die Golfstaaten großes Interesse, schon ihres Anlagevermögens wegen. „Ja, natürlich. Wir haben uns sehr intensiv darüber unterhalten“, sagt sie am Dienstagvormittag in Abu Dhabi über ihre Treffen vom Vorabend. Mancher ihrer Gesprächspartner mag froh sein, dass er sich nicht mit einer Gemeinschaftswährung herumplagen muss.

Immerhin findet die Kanzlerin bei ihren Gegenübern Verständnis für die Sparanstrengungen, die ihr daheim bevorstehen. Man wisse hier, dass Defizite von Staaten nicht sehr hoch sein dürften. Doch wirklich trösten kann sie das nicht: „Die Vereinigten Arabischen Emirate haben ja nicht mit Budgetdefiziten zu kämpfen, sondern können in die Zukunft investieren.“ Just als sie das sagt, dringt die Nachricht von Kochs Rückzug aus der Politik in die Delegation der Kanzlerin vor.

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Jahrgang 1963, Leiter des Büros der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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