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Memoiren : Schröder: „Bush sagt nicht die Wahrheit“

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Deutsch-amerikanische Differenzen: Gerhard Schröder und George W. Bush im Februar 2005 in Mainz Bild: picture alliance / dpa

Gerhard Schröder sei „schwierig zu durchschauen“ gewesen, schreibt George W. Bush in seinen Memoiren. Der frühere Bundeskanzler wehrt sich wiederum gegen die Darstellung, er habe im Januar 2002 dem damaligen amerikanischen Präsidenten Unterstützung für den Irak-Krieg zugesagt.

          Der Präsident verschwand von einem Tag auf den anderen aus der Öffentlichkeit. Im Ausland verhöhnt und daheim selbst von der eigenen Partei geschnitten, hatte sich George W. Bush nach dem Ende seiner Amtszeit 2009 komplett zurückgezogen. Er bezog ein Haus in Dallas, richtete sich eine Facebook-Seite ein und beseitigte nach eigenem Bekunden bisweilen die Häufchen, die sein Hund Barney im Garten der Nachbarn hinterlässt.

          Und er schrieb ein 497 Seiten starkes Buch, in dem er mit trotzigem Selbstbewusstsein seine umstrittene Entscheidung zum Irak-Krieg verteidigte. Das Verfassen von Erinnerungsbüchern hat für Politiker den Reiz, dass sie nach dem Ausscheiden aus dem Amt nicht mehr zu diplomatischer Rücksichtnahme verpflichtet sind. Mit spitzen Worten also rechnet Bush in seinem am Dienstag veröffentlichten Buch „Decision Points“ mit seinen Kritikern ab. (Siehe auch: Bushs Memoiren: Kein kritisches Wort über den Nachfolger)

          „Ein schwierig zu durchschauender Staatsmann“

          Bushs Ärger trifft insbesondere den früheren Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD), an dem er kaum ein gutes Haar lässt. Aus Bushs Erinnerungen spricht tiefe Enttäuschung - und Verletztheit. Schröder habe ihn im Vorfeld des Irak-Kriegs getäuscht, behauptet Bush.

          Grillabend mit Kanzlerin Merkel am 13. Juli 2006 bei Stralsund: „Angela war vertrauenswürdig, engagiert und warmherzig”, erinnert sich Bush

          „Ich schätze persönliche Diplomatie und lege viel Wert auf Vertrauen“, schreibt er - und fährt mit Blick auf Schröder fort: „Als dieses Vertrauen verletzt wurde, war es schwierig, noch einmal eine konstruktive Beziehung zu haben.“ Schröder sei „einer der am schwierigsten zu durchschauenden Staatsmänner“ gewesen, mit denen er als Präsident zu tun hatte, erinnert sich Bush.

          Voll des Lobes ist er indes für Schröders Nachfolgerin Angela Merkel (CDU), die er in seinem Buch liebevoll beim Vornamen „Angela“ nennt. „Angela war vertrauenswürdig, engagiert und warmherzig“, erinnert sich Bush. „Sie wurde schnell zu einem meiner engsten Freunde auf der Weltbühne.“

          Das Zerwürfnis mit Schröder nahm seinen Ausgang bei einem Treffen am 31. Januar 2002 im Weißen Haus. Schröder habe ihm die volle Unterstützung für die Irak-Politik zugesagt, schreibt Bush. Er selbst habe dem Kanzler bei dem Gespräch klar gemacht, dass er als letzte Option auch mit militärischer Gewalt gegen Iraks Machthaber Saddam Hussein vorgehen würde, schreibt Bush. Schröder habe daraufhin geantwortet: „Was für Afghanistan richtig ist, ist auch für den Irak richtig. Nationen, die den Terrorismus unterstützen, müssen mit Konsequenzen rechnen. Wenn Sie es schnell und entschieden erledigen, dann bin ich mit Ihnen.“ Bush fährt fort: „Dies habe ich als Erklärung der Unterstützung aufgenommen.“

          „Plötzlich hatte Schröder einen anderen Dreh“

          Bush wirft dem damaligen Kanzler vor, einige Monate später im deutschen Bundestagswahlkampf von der Zusage abgerückt zu sein. „Als die Wahlen in Deutschland bevorstanden, hatte Schröder plötzlich einen anderen Dreh“, schreibt Bush. Schröder habe öffentlich gegen eine Invasion im Irak mobil gemacht.

          Schröder wehrte sich umgehend gegen Bushs Darstellung. „Der frühere amerikanische Präsident Bush sagt nicht die Wahrheit“, erklärte Schröder in Berlin. Seine Unterstützung für einen Irak-Einsatz habe er nur für den Fall zugesagt, dass sich der Irak „tatsächlich als Schutzraum und Zufluchtsort für Al-Qaida-Kämpfer erweisen“ sollte - was aber letztlich nicht der Fall gewesen sei.

          „Kein Freibrief für Bush“

          Auch frühere Spitzendiplomaten widersprachen der Darstellung, wonach Schröder Bush im Januar 2002 Unterstützung für den Einsatz im Irak zugesagt haben soll. „Niemand konnte den Gesprächsverlauf als einen deutschen Blankoscheck für ein militärisches Vorgehen gegenüber dem Irak interpretieren“, sagte der damalige deutsche Botschafter in Washington, Wolfgang Ischinger, dem „Tagesspiegel“.

          Der ehemalige Abteilungsleiter Außenpolitik im Kanzleramt, Dieter Kastrup, versicherte in der Zeitung: „Schröder hat sich in einer Weise geäußert, die von Bush nicht als Freibrief verstanden werden konnte, mit deutscher Hilfe einen Krieg gegen den Irak zu beginnen. „

          Der ehemalige Sprecher der Bundesregierung, Uwe-Karsten Heye, unterstellte Bush, damals „keine Ahnung von dem, was weltweit in Bewegung war“ gehabt zu haben. „Wir haben bemerkt, dass die intellektuelle Höhe des damaligen Präsidenten der wichtigsten Nation außerordentlich niederschwellig war“, sagte Heye, der von 1998 bis 2002 Regierungssprecher war, dem Fernsehsender N24 am Mittwoch.

          In seinen Memoiren zeigt sich Bush wiederum tief verletzt über die Äußerungen der damaligen Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin (SPD), die Bush im Wahlkampf 2002 in die Nähe von Hitler gerückt hatte. „Ich war schockiert und wütend“, erinnert sich Bush. „Man kann sich kaum etwas Beleidigenderes vorstellen, als von einem deutschen Regierungsvertreter mit Hitler verglichen zu werden.“ Danach habe er seine Kontakte zu Schröder auf das Nötigste reduziert.

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