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Mehmet Görmez Anwalt aller Muslime der Welt

14.11.2010 ·  Der neue Chef des türkischen Religionsamts will die Behörde reformieren. Manchen gilt er als Hardliner, manchen als Liberaler und Reformer. Mehmet Görmez soll offenbar die theologische Ausstrahlung über die Türkei hinaus erweitern.

Von Wolfgang-Günter Lerch
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Es hatte fast etwas von einer Investitur, als der scheidende türkische „Religionsminister“ Ali Bardakoglu am Donnerstag seinem Nachfolger Mehmet Görmez den „Amts-Kaftan“ überstreifte. Bardakoglu hatte seinen Rücktritt erklärt und den Stab an seinen bisherigen Stellvertreter weitergegeben. Noch immer ist unklar, was die Hintergründe dieser Umbesetzung in der Behörde sind, die von Staats wegen den Islam in der Türkei verwaltet.

Doch scheint es - neben Unstimmigkeiten zwischen Bardakoglu und der Regierung von Ministerpräsident Erdogan im Kopftuchstreit, der nach Äußerungen Erdogans sowie des Oppositionsführers Kilidaroglu wieder voll entbrannt ist - auch um die geplante Umgestaltung der Religionsbehörde zu gehen, an der sich der zurückgetretene Bardakoglu beteiligt hatte. Das Diyanet, das Amt für Religiöse Angelegenheiten, geht noch auf die Reformära unter dem Republikgründer Kemal Atatürk zurück. Während Laizisten die zu große Verknüpfung des Religionsamtes mit der Politik kritisieren, fordern viele Imame schon seit langem mehr theologische Unabhängigkeit, weniger staatliche Gängelung.

Hardliner oder Reformer?

Bardakoglus Nachfolger Görmez, der sein Amt als Stellvertreter ebenfalls im Jahre 2003 übernommen hatte, wird von manchen als „Hardliner“ bezeichnet; die Zeitung „Taraf“ nennt ihn hingegen einen Reformer und Liberalen innerhalb seiner Institution. Welche Form die Neustrukturierung des Amtes annehmen wird, ist noch nicht geklärt. Es scheint freilich so zu sein, dass man seine theologische Ausstrahlung über die Türkei hinaus erweitern möchte.

Dies wäre eine religiöse Parallele zur neuen Außenpolitik der „strategischen Tiefe“, wie sie Außenminister Ahmet Davutoglu entworfen hat. In diesem Sinne hat sich Görmez auch schon geäußert: Er verstehe sich nicht nur als Anwalt der türkischen Muslime, sondern aller Muslime in der Welt. Dies gelte auch für verfolgte muslimische Minderheiten. Der türkische Islam findet gegenwärtig tatsächlich auch bei manchen Intellektuellen der arabischen Nachbarstaaten Aufmerksamkeit, weil die regierende AKP Islam und Demokratie verbinde.

Mehmet Görmez stammt aus dem tiefen Süden der Türkei. Er wurde 1959 in Gaziantep, dem früheren Ain Tab, nahe der syrischen Grenze geboren. Nach Absolvierung einer Imam hatip okulu, eines religiösen Gymnasiums, in seiner Heimatstadt studierte er in Ankara zwischen 1983 und 1987 islamische Theologie, unter anderem an der Religionswissenschaftlichen Fakultät der Universität. Mit einer Arbeit über methodische Fragen der Auslegung und Kommentierung der Propheten-Überlieferungen (Hadith) wurde er 1994 promoviert. Zwei Jahren als Dozent an der Ahmet Yesevi-Universität folgte ein Forschungsaufenthalt in Großbritannien. Bis 2003 lehrte Görmez an der Hacettepe-Universität zu Ankara.

„Nun befindet sich Deutschland im Niedergang“

Die geplante Ausbildung von Imamen in Deutschland sieht er kritisch. Damit würden Universitäten betraut, die keine Erfahrung hätten - anders als die Frankfurter Universität, die schon Stiftungsprofessuren habe. In einem Gespräch mit der Tageszeitung „Die Welt“ vertrat er die Auffassung, deutsche Philosophie und Kultur seien lange führend gewesen, doch nun befinde sich Deutschland im Niedergang. Görmez, der 2006 zum Professor ernannt wurde, ist verheiratet, hat drei Kinder und spricht drei Sprachen - auch Kurdisch.

Der neue Leiter des Diyanet tritt sein Amt zu einem Zeitpunkt an, da das Kopftuch die türkische Politik wieder einmal beherrscht. Während die Frau des Staatspräsidenten, Hayrünnisa Gül, unlängst dafür plädiert hatte, nur erwachsene Frauen könnten frei entscheiden, ob sie das Kopftuch tragen wollen, Grundschülerinnen aber nicht, wollte Erdogan dies nicht so eindeutig sagen. CHP-Führer Kilidaroglu warf dem Ministerpräsidenten vor, er nutze den Streit schon für Wahlkampfzwecke.

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