Die Puerta del Sur ist für Madrilenen nicht gerade die Endstation Sehnsucht. Wer die Metrolinie 10 am „Tor des Südens“ verlässt, ist aber auch nicht am Ende der Welt, sondern erst in Alcorcón. Das ist eine saubere Vorstadt, aufgeräumte Schlafstadt und zugleich ein Betonsatellit der wuchernden Sechs-Millionen-Stadt. Hier spiegelt sich beispielhaft Madrids neuer Mikrokosmos legaler und illegaler Einwanderung mit all seinen Krämpfen.
Während der falschen Frühlingsnächte am vorigen Wochenende taten viele kein Auge zu, weil es erst zu einer offenen Feldschlacht zwischen Spaniern und Lateinamerikanern und tags darauf zum zweiten Akt Immigrantenjäger gegen die Polizei gekommen war. Nun hat diese ihre Truppen verstärkt, damit am Samstag, dem angekündigten „Tag der Rache“, in Alcorcón nicht abermals die Fetzen fliegen.
„Geht hin, wo ihr hergekommen seid“
Die Vorgeschichte ist rasch erzählt, obwohl ihr Hauptopfer, der 27 Jahre alte Spanier Julio González, mit fünf Messerstichen im Rücken und der Diagnose eines „stabilen, aber kritischen“ Zustands davon im Spital nicht allzu viel weiß. Es sieht so aus, als seien er und zwei weitere Verletzte am vorigen Freitag einfach zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort gewesen, als eine Schlägerei mit lokalen „Latin Kings“ begann.
Am Samstag rotteten sich dann verschiedene spanische Banden, von Punks bis Glatzen, zusammen und erhielten gegen die Südamerikaner noch Unterstützung von Marokkanern und Rumänen. Denen gefallen die „Kings“ so wenig, wie die „Ñetas“, die „Latinos del Fuego“ oder die „Dominicans Don't Play“.
Beim Nachspiel mit den Ordnungskräften am Sonntag, als Flaschen, Baseballschläger und sonstiges aus überwiegend spanischer Hand auf die Helme der spanischen Uniformierten prasselten, sorgten vor allem ihre Schlachtrufe wider die Südamerikaner für Aufsehen: „Haut ab“, „Geht hin, wo ihr hergekommen seid“, „Arbeiten sollt ihr“.
Zündstoff für Konflikte
Zum Verständnis eines Konflikts, der noch nicht die Dimensionen der französischen Vorstadtunruhen hat, aber doch gefährlich schwelt, muss die Vorgeschichte der Vorgeschichte erwähnt werden. Sie hat im Falle Madrids damit zu tun, dass die Bevölkerung des Goßraums in den vergangenen sieben Jahren um nahezu eine Million Menschen zugenommen hat. Die meisten der neuen Bewohner sind Einwanderer. Ecuadorianer, Kolumbianer und Rumänen machen jeweils schon mehr als hunderttausend aus.
Alcorcón ist in seiner Zusammensetzung südlicher Peripheriedurchschnitt. Zu den rund 140.000 Alteingesessenen des Jahres 2000 gesellten sich seither etwa 25.000 Fremde. Die Hälfte davon sind Lateinamerikaner, der Rest Araber, Schwarzafrikaner, Rumänen, Ukrainer, Chinesen und Pakistaner. Sie fügten sich nicht einfach zu friedlichen multikulturellen Vereinten Nationen.
Zündstoff gibt es für Konflikte zwischen Spaniern und Zuwanderern und zwischen einzelnen Zuwanderergruppen. Auch die Annahme, dass die Integration der Lateinamerikaner problemlos sei, weil sie Sprache und Kultur mit den Spaniern gemeinsam hätten, entspricht nicht ganz der Wirklichkeit. Das liegt vor allem an den nach nordamerikanischem Vorbild entstandenen Straßenbanden gewalttätiger lateinamerikanischer Jugendlicher.
Bei scheelem Blick einen Tritt in den Hintern
Die „West Side Story“ von Alcorcón hat ihre Eigenarten. Wer von der Puerta del Sur durch die Avenida de Leganés zum Jugendzentrum wandert und dann durch die Graffitiwüste zurück zum Friedenspark, bekommt eine Menge bitterer Vorwürfe zu hören. Vor allem die „Latin Kings“, Halbwüchsige angeführt von Halberwachsenen, hätten Reviere eingeteilt, die sie beherrschten und in denen sie abkassierten, heißt es.
Für öffentliche Bolzplätze und Baseballfelder, Kinderschaukeln und sogar für das Sitzen auf Parkbänken hätten sie von anderen Jugendlichen zwischen ein und drei Euro „Eintritt“ verlangt. Wenn nicht bezahlt wurde, seien der Ball, die Rollschuhe und manchmal auch die Jacke weg gewesen - bei scheelem Blick mit einem Tritt in den Hintern.
„Allianz der Zivilisationen“
Alcorcón, eine von der Sozialistischen Partei regierte Arbeiterstadt, hat ihr eigenes „Prekariat“. Und dieses hat von solchen Übergriffen genug. Wenn Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero im gar nicht so weit entfernten Moncloa-Palast von einer „Allianz der Zivilisationen“ redet, dann ist vielen seiner Wähler am Ort nur klar, dass diese bei ihnen noch nicht angekommen ist.
Dabei benutzten die klassenbewussten Organisatoren der Front gegen die Latinos die Parolen der Republikaner aus dem spanischen Bürgerkrieg, wenn ihre SMS-Botschaft lautete: „Vereint wird Alcorcón niemals besiegt. Gibs weiter.“
Ecuadorianer im Schlaf getötet
Die Politiker, die Kommentatoren und die Soziologen gerieten wegen der Zusammenstöße in Verwirrung. War, was da geschah, nun Ausdruck von Rassismus, Fremdenfeindlichkeit oder nur gewöhnlichem Vandalismus? In Spanien gibt es bislang kaum Beispiele für gewalttätige Ressentiments gegen Ausländer. Gewiss, im Jahr 2000 kam es zu unschönen Szenen, als im andalusischen El Ejido eine Treibjagd auf „Moros“, Wanderarbeiter aus Nordafrika, gemacht wurde.
Derlei wiederholte sich aber nicht, als islamistische Terroristen aus dem Maghreb im Jahr 2004 in Madrid mit Bombenanschlägen auf Vorortzüge 192 Menschen, darunter zahlreiche Immigranten, umbrachten. Und als am Tag vor Silvester die baskische Eta bei einem Anschlag auf den Flughafen der Hauptstadt zwei junge Ecuadorianer im Schlaf tötete, war die praktizierte Solidarität nicht nur des spanischen Staats sondern auch der Bevölkerung mit den Familien der Opfer groß.
Alles erwies sich als fremd
Die Anziehungskraft der Straßenbanden auf junge Latinos hat auch wenig mit Xenophobie zu tun. Sechzig Prozent dieser Jugendlichen liebäugeln nach der jüngsten Studie der Regionalregierung mit den „Latin Kings“ und ihren Konkurrenten, weil sie Geborgenheit, Schutz, einen Zufluchtsort vor häuslichen Schwierigkeiten und, falls es keine Kontakte zu den Spaniern gibt, einen anerkannten Platz unter ihresgleichen suchen.
Die meisten kamen ohnehin nicht freiwillig, sondern mussten ihre auswandernden Eltern begleiten oder im Zuge der Familienzusammenführung nachziehen. Schule, Lehrer, Stundenpläne, Disziplin, Kleider, Küche, Mentalität - alles erwies sich als fremd.
„Botellón“-Besäufnis
Die Abgrenzung der Latinos mit Farben, Mützen, weiten Hosen, Ritualen und Waffen zeigt sich nicht nur im Verhältnis zu den misstrauischen spanischen Nachbarn, sondern auch im Umgang mit den Einwanderergruppen aus Asien und Afrika. Auch kommt es zu Kämpfen bei der Revieraufteilung zwischen Ecuadorianern, Dominikanern oder Kolumbianern.
Nicht nur auf den Sportplätzen sondern auch in den Diskotheken, beim Rauschgifthandel, beim Taschendiebstahl, beim gemeinsamen „Botellón“-Besäufnis und bei einschlägigen Mutproben ist man lieber unter sich. Hier haben die Latin Kings noch eine Sonderstellung, weil bei ihnen als einziger Bande auch Mädchen mitmachen dürfen.
„Queen Melody“ aus Ecuador
Die Kings, die sich hier auch „Reyes“ nennen, verfügen nach Angaben der spanischen Behörden inzwischen in Madrid und Barcelona über „Armeen“ von zusammen mehr als zweitausend Mann. Die Madrider Polizei teilte in dieser Woche mit, dass sich ihre Zahl in den vergangenen drei Jahren auf 1304 „identifizierte“ Bandenmitglieder verdreifacht habe. Auf ihr Konto gingen zwei der dreißig Morde in der Hauptstadt im Jahr 2005 und einer der vierzig im Jahr 2006.
In Barcelona unternahm die Stadtverwaltung unlängst einen originellen Versuch der Legalisierung, indem sie eine Fraktion der Kings zu einer förderungswürdigen „kulturellen Vereinigung“ erklärte. Wie „Queen Melody“, die aus Ecuador stammende Anführerin der erklärtermaßen friedlichen Gruppe sagte, will die „Kulturorganisation der Latino-Könige- und Königinnen von Katalonien“ nun mit Sport-, Informations- und Freizeitveranstaltungen ein Modell für die anderen sein. In Madrid, so bedauerte sie, fehle es bislang aber bei den Behörden noch an „Sensibilität“.
„Völlig irreales Image“
Zumindest in Alcorcón bemühen sich aber lokale Parteien und Bürgerinitiativen, guten Willen zu demonstrieren. Am Mittwoch hielt die Polizei allein aus Sicherheitsgründen die „Antifaschisten“ davon ab, vor dem Jugendzentrum für ein friedliches Zusammenleben zu werben. Für Donnerstag hatte die konservative Volkspartei eine Kundgebung gegen den Rassismus befürwortet.
Für diesen Freitag rief die Gewerkschaft zu einem Solidaritätsmarsch und die grün-kommunistische Vereinigte Linke zu einem „multikulturellen Event“ auf. Während sich aber der sozialistische Bürgermeister Enrique Cascallana beschwerte, dass seine Stadt in den Medien ein „völlig irreales Image“ erhalte, kursierten schon wieder die ersten SMS spanischer „Ultras“, linker und anarchistischer „Systemgegner“. Sie und aufmerksam gewordene Hausbesetzer aus Barcelona und Valencia versprachen den Kings und der Polizei ein „heißes Wochenende“. Diese hofft nun, dass der harsche Wintereinbruch manches Mütchen kühlt.
Multi-Kulti ist gescheitert
Thomas Schmitt (redfish)
- 26.01.2007, 13:17 Uhr
