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Marine Le Pen Die lachende Dritte

 ·  Marine Le Pen zieht zwar nicht in die Stichwahl ein. Trotzdem fängt für die Vorsitzende des Front National nach ihrem guten Ergebnis bei der ersten Runde der Präsidentenwahl die „Schlacht um Frankreich“ erst an. Ein Besuch bei der Wahlparty der Rechtspopulisten.

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Bienvenue bei Marine Le Pen! Die Personenschützer am Eingang des Salle Equinoxe sind von ausgesuchter Höflichkeit. Mit den bulligen, kahlgeschorenen Bodyguards, die vor zehn Jahren die Wahlfeier von Jean-Marie Le Pen überwachten, haben sie nichts gemein. Freundlich lächelnde Hostessen im adretten dunklen Kostüm, Hermes-Tüchlein um den Hals, geleiten die Gäste in den Saal. Kinder mit Trikolore-Stempel auf der Wange spielen zwischen Reihen plaudernder Erwachsener Fangen. Junge Frauen in eleganten dunklen Kleidern nippen kichernd an ihren Champagnergläsern. In dunkle Anzüge gekleidete Männer stehen in separaten Grüppchen, an ihrem Revers blinken Buttons im Blau-Weiß-Rot der französischen Nationalfarben. Wer genau hinschaut, kann darauf das Bekenntnis lesen: „J’aime Marine“, „Ich liebe Marine“.

Auf den wenigen, plüschbezogenen Klappstühlen sitzen, in angeregte Unterhaltungen vertieft, eine Handvoll weißhaariger Leute. Doch die meisten Gäste sind unter 50. Vor dem Getränkestand stehen sie Schlange, die Kellner stöhnen, dass sie keine Champagnergläser mehr haben. Wie bei einer vergnügten Hochzeitsgesellschaft geht es am Wahlabend bei Marine Le Pen im über 1000 Personen fassenden Mehrzwecksaal Equinoxe im 15. Arrondissement von Paris zu. Die Wähler der Vorsitzenden des rechtspopulistischen Front National sind nicht nur salonfähig geworden. Ihr Selbstbewusstsein ist erstarkt, sie wollen nicht länger als Protestwähler vom politischen Geschäft ausgeschlossen bleiben.

„Die Schlacht um Frankreich fängt jetzt erst an“

„Liebe Freunde!“, ruft ihnen Marine Le Pen entgegen, als sich der Jubel ein wenig gelegt hat. „Wir stehen am Beginn einer großen Sammlungsbewegung der Patrioten von rechts wie von links.“ Sie trägt eine weiße Bluse zur schwarzen Kostümjacke, sie sieht irgendwie staatstragend aus hinter dem Rednerpult, 43 Jahre ist sie alt und hat schon das Rekordergebnis ihres Vaters aus dem Jahr 2002 überrundet. Mehr als 6,4 Millionen Wähler haben für sie gestimmt. Das entspricht 17,9 Prozent der abgegebenen Stimmen, Vater Le Pen war seinerzeit mit einem schlechteren Ergebnis, mit 16,86 Prozent, in die Stichwahl eingezogen. Marine Le Pen bleibt das verwehrt, aber ihre Wähler werden den Ausgang der Präsidentenwahlen bestimmen. „Was auch immer in den nächsten zwei Wochen passiert, die Schlacht um Frankreich fängt erst an. Nichts wird mehr wie zuvor sein“, sagt sie. Ihre Anhänger jubeln, sie schwenken Trikolore-Fahnen und brüllen „Marine, Marine“. Dann singen sie inbrünstig die Marseillaise, „Allons enfants de la patrie“.

Auf der riesigen Leinwand mit sechs kleinen und einem großen Bildschirm erscheinen die Wahlsendungen. Im Saal wird es still, als der Lebensgefährte Marine Le Pens, Louis Aliot aus dem FN-Parteivorstand, das Wahlergebnis kommentiert. „Die französische Demokratie muss sich daran messen lassen, ob sie dem Front National erlaubt, ins Parlament einzuziehen“, sagt der 42 Jahre alte Anwalt im Dialekt seiner südwestlichen Heimat. Das französische Mehrheitswahlrecht hat bislang verhindert, dass die Partei vom rechten Rand in der Nationalversammlung vertreten wurde. Aber die neue Führung um Marine Le Pen strebt an die Macht, sie will nicht länger in einer Kommentatorenrolle verharren.

Jean-Marie Le Pen hat auf einem der Klappstühle Platz genommen, er freut sich über den Erfolg seiner Tochter. Während des Wahlkampfes hat er sie manchmal gepiesackt und verlangt, dass sie die traditionellen Themen über Einwanderung und Sicherheit stärker betont. Er hat sie genervt mit Anspielungen auf das Dritte Reich, die keiner mehr hören will. Doch das ist jetzt vergessen: „Ich bin sehr stolz auf sie. Nicht nur, weil sie meine Tochter ist, sondern weil ich sie ausgewählt habe“, sagt Le Pen. Er habe gesät, sie ernte nun. Dann spricht er über „die tödliche Falle“, welche die Europäische Union für die Völker Europas darstelle. „Frau Merkel sollte sich vorsehen. Immer mehr Franzosen sind bereit, ihre nationale Souveränität zurückzuerobern. Das ist jetzt nur der Anfang“, sagt Le Pen. Dann spricht er darüber, wie seiner Partei der Einzug in die Nationalversammlung gelingen könnte. „Ich erinnere daran, dass es immer die Präsidentenpartei war, die Bündnisse mit uns abgelehnt hat. Das wird sich vielleicht ändern“, sagt er.

Auf der Bildschirmleinwand erscheint François Hollande, der Sozialist, der das beste Ergebnis im ersten Wahlgang erzielte. Im Saal wird gebuht und gepfiffen, dann kehren die Leute zu ihren Unterhaltungen zurück. Etwas später wiederholt sich die Szene, nur ist es Nicolas Sarkozy, der spricht. „Ni ni“, „Weder, noch“ lautet die Devise, die Marine Le Pen ihren Anhängern wohl vorschlagen wird, wenn sie sich am 1. Mai um die Jeanne-d’Arc-Statue in der Nähe des Tuilerien-Gartens in Paris zu ihrem traditionellen Umzug treffen.

Sie hofft dabei, dass eine Niederlage Nicolas Sarkozys das rechte Lager kräftig zu ihren Gunsten durcheinanderwirbelt. Der rechte Flügel der Präsidentenpartei UMP könnte zu Wahlbündnissen bei den Parlamentswahlen am 10. und 17. Juni bereit sein. Frau Le Pens Parteifreund Paul-Marie Coûteaux, ein früherer Vertrauter des Altgaullisten Philippe Séguin, richtete einen Appel an „alle Patrioten der UMP, an alle von der RPR getäuschten Gaullisten, an alle Souveränisten“, Marine Le Pen den Einzug in die Nationalversammlung zu ermöglichen. „Wir werden die einzige echte Opposition gegen die Linke sein“, sagt Marine Le Pen. Sie träumt von einer „neuen Rechten“.

Le Pens Wähler haben keine Lust, Sarkozy zu retten

Zumindest an diesem Abend äußern die Anhänger wenig Lust, Sarkozy in zwei Wochen mit ihrer Stimme zu retten. „Ich werde angeln gehen“, sagte ein junger Mann, der dem Jugendverband des Front National angehört. „Ich mag den Spruch von Jean-Marie Le Pen, der gesagt hat, er werde für Jeanne d’Arc stimmen“, sagt Jany Le Pen, die Ehefrau Le Pens. Auf dem Bildschirm läuft da schon ein alter Louis de Funès-Streifen. Es ist Zeit für Boney M. und Michael Jackson, und wie bei einer gelungenen Hochzeitsfeier beginnen die Gäste wild zu tanzen.

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Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

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