13.10.2005 · Margaret Thatcher, die „Eiserne Lady“ und ehemalige britische Premierministerin, wird 80. Auf den Trümmern der alten Wirtschaftsverfassung schuf sie die Grundlage für das Britannien von heute.
Von Bernhard Heimrich, London„Geboren am 13. Oktober 1925 als Tochter des inzwischen verstorbenen Alfred Roberts, Grantham, Lincolnshire“. Da fehlt doch etwas. Es fällt auch beileibe nicht zum erstenmal auf, daß Margaret Thatcher im „Who's Who“ verschweigt, daß sie eine Mutter habe. Vor ein paar Jahren hat man sie sogar im Rundfunk zur Rede gestellt. Sie antwortete ebenso ausladend wie ausweichend und versprach, das kleine Versehen in der nächsten Ausgabe zu beheben. Das hat sie nicht getan, und deshalb bleibt das Verhältnis zwischen der berühmtesten Frau der britischen Politik und ihrer Mutter für Außenstehende, galant gesagt, komplex.
Auch mit anderen Frauen ist Margaret Thatcher nie besonders gut ausgekommen. Das gilt sogar für die Tochter. Von den Zwillingen ist der internationale Tunichtgut Mark der Liebling, nicht die ehrbare Journalistin Carol. Und fast scheut man, sich die Szene vorzustellen, wenn die zwei prägnantesten Frauen des Landes, die Premierministerin und ihre Königin oder umgekehrt, elf Jahre lang jede Woche eine Stunde im Buckingham-Palast zusammengeschlossen wurden. Diese regelmäßigen Unterrichtungen sind Staatsgeheimnis. Halbwegs bekannt ist nur ein mißglückter Versuch, auch dieses delikateste Nebeneinander des „Thatcherismus“ neu zu justieren.
Die Züchtigerin der argentinischen Junta
Vor einem Staatsakt hatte die Premierministerin einmal bei Hofe anregen lassen, die Kleiderfrage zu besprechen, damit nicht beide Hauptpersonen etwa im selben Farbton anträten. Doch Elisabeth ließ sich nicht wegbeißen. Aus dem Palast kam unziemlich rasch eine Antwort, die selbst der Züchtigerin der argentinischen Junta und Geißel der britischen Gewerkschaften kurz den Atem verschlagen haben muß: „Ihre Majestät pflegen sich nicht danach zu richten, wie andere Personen sich anziehen.“
Vielleicht war auch nur der Umstand nicht hilfreich, daß Frau Thatcher sich eine Zeitlang eine Art Kammerzofe hielt, eine Zugehfrau für Kleider und Frisur, die genauso hieß wie das Kindermädchen der Königin, Crawford, und die sie in der Öffentlichkeit munter auch genauso rief wie Elisabeth ihre Nanny, die damals immer noch im Palast lebte: „Crawfie“.
„I want my money back!“
Unverblümt ist das königliche „Wir“ der Tochter des bewußten Alfred Roberts, eines Ladenbesitzers, aber nur einmal herausgerutscht. Das war, als sie den in der Downing Street wartenden Journalisten beglückt mitteilte: „Wir sind Großmutter geworden.“ In vielen anderen und wichtigeren Fällen taten das simple „Ich“ oder das entsprechende besitzanzeigende Fürwort freilich dieselben guten Dienste. Das bekannteste Zeugnis, die Forderung: „I want my money back!“ in den Haushaltsverhandlungen der Europäischen Gemeinschaft, wirft ein Echo bis heute.
Frau Thatcher hat „ihr“ Geld zurückbekommen bis ins dritte Glied; erst Tony Blair muß den Streit um den britischen EU-Rabatt wieder ernsthaft neu ausfechten. Doch nur eine Anekdote, deren Wahrheitsgehalt nicht verbürgt ist, kann beschreiben, wie nachhaltig das Ego dieser Frau die Männerwelt des konservativen Establishments in Bann geschlagen haben muß. Bei einem Mittagessen in der Runde ihrer Minister wählt Frau Thatcher als erste; irgendein Stück Fleisch, ein britisches. „Und das Gemüse?“ fragt der Butler: „And the vegetables?“ „Die nehmen dasselbe“, sagt sie.
Sie wußte nach dem Rücktritt nicht, wohin
Um so wuchtiger trifft der Hieb des bürgerlichen Königsmords von 1990. Frau Thatcher hat sich bis heute nicht davon erholt, daß sie, die Titanin der britischen Konservativen, von den Granden ihres eigenen Kabinetts verstoßen wurde, die plötzlich mehr Angst vor den Wählern hatten als vor ihr. Der Schock wurde verstärkt, als die Thatchers nach britischem Brauch sofort nach dem Rücktritt ihre Dienstwohnung „über dem Geschäft“ in der Downing Street räumen mußten und nicht wußten, wohin. Für einen Fall wie diesen hatte man weiß Gott nicht vorgesorgt. Ein Hotel war wegen des Aufsehens undenkbar, und ein Haus „auf dem Lande“ gab es nicht; bis zum Schluß war das Tableau thatcheristisch-kleinbürgerlich.
Ein befreundeter Lebe- und Geschäftsmann lieh aus dem Stegreif eine seiner Stadtwohnungen, vergaß - oder „vergaß“ - aber, die dazugehörige Telefonnummer herumzureichen. So hielt Margaret Thatcher, die Arbeitswütige, die nur vier Stunden mit Schlaf zu vergeuden pflegte, am absoluten Tiefpunkt ihres Lebens und starr vor Unglück Nachtwache an einem Telefon, das nicht klingelte. Das müssen Stunden der letzten, tiefsten Einsamkeit von geradezu biblischem Zuschnitt gewesen sein.
Von der gefürchteten Tyrannin zu komischen Schwiegermutter
Die Gefolgschaft in den Provinzen hat diesen Verrat nicht vergeben. Das beweist der heute, 15 Jahre später, schon wieder entfachte Streit, wer den nächsten Parteichef wählen solle: die verderbten Abgeordneten im Treibhaus von Westminster oder das ehrliche Parteivolk draußen im Land. Diesmal hat das Parteivolk gewonnen. Und Margaret Thatcher fällt es ihrer aktuellen geistigen Verfassung zufolge vermutlich schwerer denn je, endlich einmal wahrzunehmen, daß sie in den dunkelsten Stunden jener Nacht von der gefürchteten Tyrannin unwiderruflich zur lästigen, ja komischen Schwiegermutter geworden war.
Nicht einmal Ehemann Denis hatte fortan trösten können, der „einzige Freund“, der ihr, einer studierten Chemikerin, mit seinem Vermögen den Weg in die Politik geebnet hatte. Sein Tod 2003 hat sie noch stiller werden lassen als das Machtwort der Ärzte nach dem leichten Schlaganfall, den sie im Jahr davor erlebt hatte.
Unpopulär wie kaum einer vor ihr
Der Rückblick an diesem Donnerstag, wenn Margaret Thatcher 80 Jahre alt wird, mag manches verklären. Doch als sie 1979 in die wirtschaftlichen Reformen aufbrach, die dem nächsten Jahrzehnt ihren Namen geben sollten, schnellte die Arbeitslosenzahl auf über drei Millionen, und sie war so unpopulär wie kaum ein Regierungschef zuvor. Der Falkland-Krieg von 1982, die letzte Zuckung des britischen Imperialismus, baute wieder Rückhalt auf. Der Bergarbeiterstreik von 1984 brachte die politische Katastrophe dagegen aufs neue in Sichtweite.
Doch Frau Thatcher gelang es schließlich, auf den Trümmern der alten Ökonomie und Wirtschaftsverfassung Grundlagen eines moderneren Britanniens zu legen. Auf ihnen wird noch mancher Nachfolger bauen müssen, denn das Ziel, westeuropäisches Niveau in der Infrastruktur, ist noch lange nicht erreicht.
Das Brutus-Kollektiv des Kabinetts
Damals hatten viele geglaubt, die Ursache ihres Untergangs müsse draußen zu suchen sein, sprich: in der Europapolitik. Doch in Wahrheit ist Margaret Thatcher daheim gescheitert und an sich selbst. Die Einführung einer neuartigen Gemeindesteuer, der berüchtigten „Poll Tax“, bei der Millionäre und Arbeitslose im Prinzip gleich veranlagt werden, war Hybris. Und für ihre Maxime: „So etwas wie Gesellschaft gibt es nicht!“ hatte sie sich just die falsche Gesellschaft ausgesucht.
Angesichts der Klassensysteme auf der Insel, die von der Gegenwart nur schonend umspült wird, mußte solcher Taliban-Thatcherismus einfach politischer Selbstmord sein. Wäre nicht das Brutus-Kollektiv des Kabinetts zuvorgekommen, hätte das Volk es bei nächster Gelegenheit noch heftiger klargemacht. Doch so hat Margaret Thatcher ihren Verrätern noch einen letzten Dienst leisten können. Ihr Nachfolger John Major, dessen Sippe im Heimbetrieb Gartenzwerge herstellte, gewann die Wahl mit mehr Stimmen als später Tony Blair, der nächste Vollstrecker des Thatcherismus unter dem neuen Markennamen „New Labour“.
New Labour != Thatcherism
Paul Schächterle (paulimausi)
- 14.10.2005, 16:37 Uhr