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Veröffentlicht: 28.03.2012, 15:10 Uhr

Marcial Maciel Degollado Der falsche Prophet


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So weit wäre es nicht gekommen, hätte man Maciel in den vierziger Jahren den Weg in die Kirche versperrt. Damals wurde er unter bis heute nicht geklärten Umständen aus einem Priesterseminar in New Mexiko entlassen - aller Wahrscheinlichkeit nach wegen sexueller Übergriffe. Auch im Seminar im spanischen Comillas, wo er 1947 an der Spitze einer Gruppe von gut zwanzig Halbwüchsigen stand, machte er sich verdächtig. Allerdings wurde alles, was sich damals zutrug und immer wieder zutragen sollte, erst Jahrzehnte später öffentlich. Etwa das Ritual, mit dem er Minderjährige zu Lustknaben machte. Stets pflegte er Jugendliche des Nachts unter dem Vorwand an sein Bett rufen zu lassen, dass sie ihm wegen Magenschmerzen den Bauch massieren müssten.

Dann gab es kein Halten mehr - bis dahin, dass Maciel seine völlig verstörten Opfer mit der Versicherung gefügig machte, Papst Pius XII. habe ihm diese Art der Erleichterung erlaubt, um seine chronischen Schmerzen zu lindern, damit diese seinem segensreichen Wirken nicht entgegenstünden.

Trotz stichhaltiger Hinweise prallt alles ab

Welche Beschwerde auch immer gegen Maciel laut wurde - an ihm und seinem Werk prallte alles ab. Nur einmal wäre er fast über seinen Lebenswandel gestolpert, Mitte der fünfziger Jahre. Ende 1956 waren im Vatikan stichhaltige Hinweise aus Mexiko eingegangen, Maciel sei medikamentenabhängig und betreibe „Sodomie“ mit Minderjährigen. Umgehend suspendierte ihn die zuständige Kongregation im Vatikan als Oberen der Legionäre und ordnete an, die Einrichtungen der Legionäre zu untersuchen. Zu welchem Ergebnis die drei sogenannten Visitatoren nach der Befragung von einigen Dutzend Personen aus dem Umfeld des Padre kamen, ist bis heute nicht bekannt. Wie alle anderen Briefe und Dokumente, die Hinweise auf Maciels Praktiken enthalten, verschwand auch der Untersuchungsbericht in den Archiven des Vatikans.

Seit 30 Jahren im Vatikan: Der strenge Hüter Joseph Ratzinger © dpa Vergrößern Im Frühjahr 2005 setzte Ratzinger seinen für Missbrauchsfälle zuständigen Chefermittler Charles Scicluna auf Maciel an

Doch hätten die jungen Männer, die das Gelübde abgelegt hatten, niemals schlecht über ihren Gründervater zu sprechen, ihn und damit auch sich belasten sollen? Nach 18 Monaten war Maciel wieder im Amt - und das wenige Tage nach dem Tod Pius XII., aber noch vor der Wahl seines Nachfolgers Johannes XXIII. Maciels Strategie, Kardinäle und andere Schlüsselfiguren an der Kurie mit Geld und Geschenken günstig zu stimmen, hatte sich endgültig ausgezahlt. Seine Freunde hatten ganze Arbeit geleistet. Von der Protektion, die sich seit den fünfziger Jahren wie ein unsichtbarer Panzer um Maciel legte, wussten fortan alle ein Lied zu singen. Wer immer sich wegen mysteriöser Umtriebe Maciels an die vatikanische Religionskongregation wandte, blieb ohne Antwort. So erging es John McGann, dem Bischof von Rockville, Long Island, so erging es mehreren ehemaligen Legionären.

Erst Hinweise über das Doppelleben

Das Blatt begann sich erst zu wenden, als sich in den neunziger Jahren in Mexiko eine Gruppe von Männern zusammenfand, die als angehende Legionäre allesamt von Maciel missbraucht worden waren. Über sie fanden die ersten authentischen Schilderungen des Doppellebens Maciels ihren Weg in die Öffentlichkeit - zunächst über die Journalisten Jason Berry und Gerald Renner am 23. Februar 1997 in den „Hartfort Courant“ im amerikanischen Bundesstaat Connecticut, einer Hochburg der Legionäre, dann in einige Zeitungen und Fernsehsendungen in Mexiko.

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