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Marbella Als Jésus über Nacht aus Äckern Bauland machte

 ·  „Marbella“ ist längst ein Synonym für all das, was in Spaniens wilden Immobilienboomjahren verkehrt lief. Nun ist in der Stadt ein groß angelegter Korruptionsprozess zu Ende gegangen.

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© interTOPICS Freunde: Juan Antonio Roca (links) mit dem damaligen Bürgermeister von Marbella Jesús Gil im Februar 2002.

Zwei Jahre bevor die spanische „Immobilienblase“ platzte, kamen im Frühling 2006 zum ersten Mal die Polizei und die Staatsanwaltschaft in das Rathaus von Marbella. Wegen Korruptionsverdachtes wurde in dem andalusischen Ferienort an der Mittelmeerküste an einem Apriltag die gesamte Stadtverwaltung aufgelöst. Wenig später wurden der ehemalige Bürgermeister Julián Muñoz und seine Nachfolgerin Marisol Yagüe zusammen mit dem „Gehirn“ hinter den kriminellen Immobiliengeschäften, Juan Antonio Roca, festgenommen.

Roca, so lautete der Vorwurf, soll über lange Jahre als „Berater“ des damals bereits verstorbenen Bürgermeisters Jesús Gil - ihm gehörte unter anderem der Fußballklub Atletico Madrid - die goldenen Fäden zwischen den lokalen Baulöwen und den Brieftaschen im Rathaus gesponnen haben. Er wurde als die zentrale Schaltstelle für all die „Kommissionszahlungen“ ausgemacht, die nach administrativen „Gefälligkeiten“ eingingen und mehr oder minder gerecht unter all denen verteilt wurden, die mit ihm unter einer Decke steckten.

Größter kommunaler Korruptionsfall Spaniens

Nun ist in dieser Woche zwei Jahre nach Prozessbeginn die mündliche Verhandlung gegen insgesamt 86 Beschuldigte zu Ende gegangen. Für sie hat die Staatsanwaltschaft zusammen genommen 497 Jahre Haft und fast vier Milliarden Euro Geldbußen verlangt. Der zuständige Richter am Gerichtshof von Málaga, José Godino, versprach vor dem letzten Hammerschlag in dem „Fall Malaya“ ein „gerechtes Urteil“. Weil aber noch eine Fülle von Beweisen und Zeugenaussagen zu prüfen ist, wird dieses laut Godino wohl erst in sechs bis acht Monaten verkündet werden können.

Der nach langem Zögern geständige Hauptangeklagte Roca, der mit der Höchststrafe von 30 Jahren Gefängnis rechnen muss, machte ebenso wie 16 andere Beschuldigte in dem größten, längsten und kompliziertesten kommunalen Bestechungsfall der spanischen Justizgeschichte von seinem Recht auf ein Schlusswort Gebrauch. Er wies darauf hin, dass er demnächst schon „sein siebtes Weihnachtsfest“ in Haft verbringen werd,e und bat dann das Gericht auf Aufsehen erregende Weise um Milde: Er erzählte, wie er eines Tages beim Mittagessen im Gefängnis einem pädophilen Kindermörder namens Santiago del Valle gegenüber gesessen habe. Dieser, wegen Missbrauchs und Ermordung eines kleinen Mädchens zu 22 Jahren Haft verurteilt, habe ihn gefragt: „Roca, was hast du bloß angestellt, dass sie für dich mehr fordern als für mich?“

„Ein Miró auf dem Klo“

Im „Fall Malaya“, dem Codewort der Ermittler, geht es im Kern um Bestechung, Missbrauch öffentlicher Mittel und Geldwäsche. Unter Rocas agiler Administration wurden Millionenbeträge an der Stadtkasse vorbei direkt in die Taschen williger Mitarbeiter im Rathaus zu Marbella geleitet. Diese hatten zuvor dafür gesorgt, dass Bauunternehmer gegen ein entsprechendes Entgelt alle Genehmigungen bekamen, die sie wollten.

Bei der wilden „Urbanisierung“ Marbellas in den Jahren, als der umtriebige Jesús Gil Bürgermeister war - von 1992 bis 2004 - fielen so gut wie alle Kontrollschranken. Viele Privatleute, unter ihnen Makler und Notare sowie öffentliche Angestellte, allen voran Gil und Roca, wurden so reich, dass sie kaum noch wussten, wie viel Geld sie in Rennpferde, Yachten oder moderne Kunst investieren sollten. Bei Roca jedenfalls hing, wie bei einer Haussuchung herauskam, „sogar ein Miró auf dem Klo“. Die Stadtbevölkerung, die sah, wie die Wirtschaft blühte, war derweil geradezu begeistert. Sie gab jedenfalls dem „Wohltäter“ Gil, der aus praktischen Gründen keiner der etablierten Parteien angehörte, sondern eine eigene gegründet hatte, in Serie überschwängliche absolute Mehrheiten.

Angeklagte beteuern ihre Unschuld

Marbella wurde so zum Symbol für alles, was an der spanischen „Immobilienfront“, wo über Nacht Kartoffeläcker in wertvolles Bauland verwandelt wurden, schief gelaufen ist. Dabei ist, von Roca einmal abgesehen, das Schuldbewusstsein der meisten Angeklagten noch heute ziemlich unterentwickelt. Die ehemaligen Bürgermeister Muñoz und Yagüe beteuerten jedenfalls wider alle vorgelegten Indizien in ihren Schlussworten unverändert ihre Unschuld.

Doch gerade für den Erstgenannten ist mit diesem Verfahren der Prozess noch nicht vorbei. Auf ihn wartet nach dem Urteil ein weiterer Prozess wegen Geldwäsche im Zusammenwirken mit seiner betrogenen Ehefrau und seiner Geliebten, der national bekannten Schlagersängerin Isabel Pantoja. „La Pantoja“, die Witwe eines Toreros, singt derweil und gibt schon hoch dotierte Exklusivinterviews in spanischen Fernsehsendern und Zeitschriften, um zumindest auf eine mögliche Geldstrafe von mehreren Millionen Euro vorbereitet zu sein.

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Jahrgang 1950, politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel, Marokko und Tunesien mit Sitz in Madrid.

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