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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Mali Unheilige Allianz

 ·  Die malische Armee kann den Vormarsch der vereinten Dschihadisten nicht mehr aus eigener Kraft stoppen. Sie braucht Frankreichs Hilfe. Doch es wird schwieriger als in der Elfenbeinküste.

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© AFP Ein Mujao-Kämpfer im Januar in Gao

Wenn es denn stimmt, was Augenzeugen aus der am Donnerstag von den radikalen Islamisten eroberten Ortschaft Konna berichten, dann steht Mali tatsächlich am Abgrund. Der Angriff auf das Dorf rund 70 Kilometer nördlich der Regionalstadt Mopti, so schilderten es Bewohner am Freitag telefonisch, sei eine gemeinsame Aktion der islamistischen Tuareg der Gruppe Ansar al Dine, der beiden Terrorgruppen Al Qaida im islamischen Maghreb (Aqim) und Bewegung für Einheit und Dschihad in Westafrika (Mujao), sowie Mitgliedern der nigerianischen Islamistengruppe Boko Haram gewesen. Ein solch konzertiertes Vorgehen radikaler Islamisten hat es in den neun Monaten, in denen sie den Norden Malis besetzt halten, noch nicht gegeben. Ein nach Mopti geflohener Bewohner von Konna beschrieb die Kämpfe am Freitag fassungslos als Massaker.

Die völlig demoralisierte malische Armee, die noch am Donnerstag kundgetan hatte, sie marschiere auf Douentza rund 145 Kilometer nordöstlich von Mopti zu, suchte ihr Heil – wieder einmal – in der Flucht. Dort hat die Terrorgruppe Mujao das Sagen. Die Dschihadisten bedrohen inzwischen die Stadt Mopti und damit unmittelbar die Hauptstadt Bamako. In seiner Verzweiflung richtete der malische Übergangspräsident Dioncounda Traoré ein offizielles Gesuch an die französische Regierung um militärischen Beistand. Dem wurde offenbar sehr schnell entsprochen.

Noch am Donnerstag waren zwei ausländische Militärflugzeuge vom Typ C-160, wie sie die französische und auch die deutsche Armee benutzen, und ein paar Hubschrauber mit Verstärkung in Sévaré bei Mopti gelandet, wo die malische Armee einen vorgeschobenen Kommandoposten unterhält. Zunächst gab es nur die Aussage von Flughafenarbeitern, dass unter den neuen Soldaten auch solche mit weißer Haut waren. Woher diese stammen, wurde zunächst nicht mitgeteilt. Dann wurde am Freitag ein Mitglied des malischen Kabinetts anonym mit der Behauptung zitiert, dass es sich um Franzosen handele. Erst am Abend bestätigte der französische Staatspräsident das Engagement seines Landes. Der Weg für die französischen Soldaten war kurz: Frankreich unterhält nur eine Flugstunde von Bamako entfernt, in Abidjan in der Elfenbeinküste, einen Stützpunkt mit mehr als 800 Marineinfanteristen („83. Bataillon d’Infanterie de la Marine Française à Abidjan“). Hinzu kommen Spezialeinheiten zur Geiselrettung, die in Niger stationiert sind.

Führungslose Armee

Mit dem Vormarsch der Islamisten waren alle Hoffnungen auf ein friedliches Ende des malischen Konfliktes hinfällig. Daran ändert auch die nach wie vor optimistische Haltung des burkinischen Außenministers Djibrill Bassolé nichts. Sein Land vermittelt im Auftrag der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (Ecowas) zwischen den Konfliktparteien und hatte es geschafft, sowohl Ansar al Dine als auch die Tuareg-Rebellen der Nationalen Bewegung zur Befreiung von Azawad (MNLA) an den Verhandlungstisch zu bringen. Aber es war ein Irrtum, die Gruppe Ansar al Dine als halbwegs moderat und verhandlungswillig einzustufen.
Führungslose Armee

Die Tuareg-Islamisten haben die Verhandlungen offenbar nur dazu genutzt, ihre Kräfte neu zu bündeln, wie das Treffen zwischen Ansar al Dine, Aqim, Mujao und Boko Haram Anfang Januar in Bambara Maouda nahe der Stadt Timbuktu zeigte. Kurz darauf begann die Offensive auf Konna. Dort, in Bambara Maouda, existiert nach Erkenntnissen des nigrischen Geheimdienstes ein großes Ausbildungslager, in dem sich Dschihadisten aus ganz Afrika treffen, unter ihnen auch Somalier von der mit Al Qaida verbündeten Shabaab-Miliz.

Angesichts der sich dramatisch zuspitzenden Lage in Mali plädierte nun auch der UN-Sicherheitsrat für eine schnelle Entsendung der geplanten afrikanischen Eingreiftruppe. Dieser hatte allerdings vor Monatsfrist noch auf die Bremse getreten und einen möglichen Kampfauftrag für die 3300 Soldaten aus den Nachbarländern von zahlreichen Bedingungen abhängig gemacht, darunter ein umfangreiches Trainingsprogramm sowohl für die Eingreiftruppe als auch für die malische Armee. Dabei liegt die maßgebliche Schwäche der malischen Armee nicht in ihrer rudimentären Ausbildung und ihrem alten Gerät, sondern in ihrer Führungslosigkeit. Seit dem Putsch vom März vergangenen Jahres, bei dem Präsident Amadou Amani Touré wegen seiner angeblichen Inkompetenz angesichts des Vormarschs der Tuareg-Rebellen von der Armee gestürzt worden war, ist diese entlang ethnischer Linien tief gespalten. Und dieses Problem können auch europäische Militärausbilder nicht beheben, weil die Voraussetzung dafür wäre, die Putschisten aus der Übergangsregierung zu entfernen. Doch da schaltet und waltet der Putschistenführer Oberst Amadou Sanogo nach Belieben, wie die Absetzung und anschließende Verhaftung von Ministerpräsident Modibo Diarra Mitte Dezember vergangenen Jahres bewiesen hat.

Schnelle Hilfe gegen den Vormarsch der radikalen Islamisten kann deshalb nur aus dem Ausland kommen. Doch auch unter den Nachbarstaaten herrscht Uneinigkeit. Die Länder südlich von Mali – allen voran die Elfenbeinküste und Nigeria – dringen auf eine schnelle Entsendung von Kampftruppen, um den islamistischen Spuk im Nachbarland zu beenden. In beiden Ländern gibt es große muslimische Bevölkerungsgruppen, und insbesondere Nigeria hat ein handfestes Interesse daran, dass die Extremisten von Boko Haram keinen Stützpunkt außerhalb Nigerias aufbauen. Dem steht die ablehnende Haltung Mauretaniens und vor allem Algeriens gegenüber. Nach dem algerischen Kalkül würde ein Tuareg-Staat in Mali, ob laizistisch oder islamistisch, Algerien von den Forderungen der eigenen Tuareg erlösen – diese könnten dann schließlich nach Mali ziehen.
Welche Verbindungen pflegt Algeriens Armee zu Aqim?

Welche Verbindungen pflegt Algeriens Armee zu Aqim?

Zudem sind die Verbindungen zwischen Teilen der algerischen Armee und insbesondere der Terrorgruppe Aqim ein Umstand, der noch der Aufklärung bedarf: Als im Sommer 2003 eine überwiegend aus Deutschen bestehende Reisegruppe in Algerien von den Dschihadisten der „Salafistischen Gruppe für Predigt und Kampf“ (GSPC) entführt worden war, hatten sich deutsche Diplomaten frustriert über die „Komplizenschaft“ von algerischen Offizieren und den Entführern gezeigt. Die Geiseln waren schließlich gegen Zahlung eines Lösegelds in Mali freigekommen, wobei der heutige Führer von Ansar al Dine, Iyad Ag Ghaly, eine große Rolle spielte. Wenig später benannte sich die GSPC in Al Qaida im islamischen Maghreb um.

Angesichts der derzeitigen Situation in Mali dürfte alles auf eine massive Militärmission der französischen Armee hinauslaufen, die sich auf ein Mandat der Vereinten Nationen stützt. Das hat es schon einmal gegeben, nach Ausbruch des Bürgerkrieges im Nachbarland Côte d’Ivoire im Jahr 2002. Auch da gab es für die französische „Opération Licorne“ ein UN-Mandat; es wurde damit keine Blauhelmtruppe entsandt, sondern den Franzosen nur der Einsatz in dem Land erlaubt. Im Nachhinein betrachtet war diese Militäraktion entscheidend für die Beendigung des Krieges, weil die französischen Soldaten die Frontlinie konsequent eingefroren und damit Raum für Verhandlungen zwischen ivorischer Regierung und den Rebellen geschaffen hatten. Doch die Situation in Mali ist eine völlig andere, nicht nur wegen des ungleich größeren Gebietes, das abzusichern wäre. Die ivorischen Rebellen wollten einen Politikwechsel und waren deshalb von vorneherein gesprächsbereit. Die Islamisten in Mali aber sind Fanatiker, die einen Gottesstaat anstreben, womit ein ausländischer Militäreinsatz ein ebenso brutaler Kampfeinsatz wie der in Afghanistan zu werden droht.
Am Freitag meldete die malische Armee, sie habe eine Offensive auf die Ortschaft Konna gestartet, zusammen mit „Soldaten befreundeter Länder“ – Franzosen, Senegalesen und Nigerianern. Die ersten westlichen Opfer dieser ausländischen Intervention dürften damit feststehen: die sieben Franzosen, die von den radikalen Islamisten im Sahel nach wie vor als Geiseln gefangen gehalten werden.

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Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Johannesburg.

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