20.06.2005 · Mahmud Ahmadineschad ist bei den Armen Teherans beliebt. Sie wählten ihn in die zweite Runde der iranischen Präsidentenwahl. Der Aufstieg eines modernen Robin Hood zum Herausforderer Rafsandschanis.
Von Rainer Hermann, TeheranSeit zwei Wochen sei er wieder arbeitslos, klagt der hochgewachsene Mann an der Bushaltestelle im Süden Teherans. Wie er da sich und seinen kranken Vater ernähren solle, fragt er leise und blickt beschämt zu Boden. Der 29 Jahre alte Ghassem Nazari ist Schneider. Etwas wehmütig schaut er die „Märtyrer-Radschai-Straße“ nach Norden hinauf. Dort oben am Horizont verdeckt der Smog fast die Silhouette des modernen Teheran mit seinen zackigen Hochhäusern aus Stahl und Glas. Dort oben, am Fuß des noch immer schneebedeckten Elborz-Gebirges, wohnen die Reichen. „Entspannt lebt man dort, ohne Probleme“, sagt Nazari. Ja, das wisse er ganz bestimmt. Denn einmal habe er auch dort oben arbeiten dürfen.
Der Schneider aber ist aus dem Süden Teherans. Dort hat mindestens jeder dritte keine Arbeit. Die flachen Häuser aus unverputztem Backstein sind meist nur zwei Stockwerke hoch. Der Verkehr fließt nur sehr dünn. Nazari wendet seinen Blick nach links. Aus der Ebene, die in die Theologenstadt Qom führt, tauchen die Kuppeln von Chomeinis Schrein auf. Nachts ist der hell beleuchtete Komplex auch tausend Meter höher zu sehen - sogar weit oben im Norden, bei den ehemaligen Palästen der Pahlewis.
In der Tradition des Märtyrers Radschai
Viele im reichen Norden Teherans mag überrascht haben, daß der radikale Oberbürgermeister Teherans, Mahmud Ahmadineschad, am kommenden Freitag in die Stichwahl kommt. Den arbeitslosen Schneider Nazari wundert das aber nicht. Ahmadineschad tue viel, um das Leben der einfachen Leute zu verbessern, lobt er seinen Bürgermeister. Nicht viel Gutes fällt ihm indes zu Rafsandschani ein. „Der braucht uns doch nicht“, schimpft Nazari. „Wenn ich die Wahl habe zwischen einem, der uns Armen hilft, und einem Reichen, dann weiß ich doch, was ich tue.“
Ahmadineschad ist erst seit zwei Jahren der Oberbürgermeister Teherans, und in der Zeit hat er sich den Ruf eines Robin Hood zugelegt. „Ahmadineschad steht in der Tradition des Märtyrers Radschai, nach dem diese Straße benannt ist“, sagt der 27 Jahre alte Dschafar Ashghari und tankt seinen alten weißen Peykan voll, die iranische Version eines Volkswagens. Den kann sich Ashghari leisten. Denn er betreibt einen kleinen Krämerladen. Muhammad Ali Radschai war Sozialrevolutionär und 1981 zum Staatspräsidenten von Chomeinis Gnaden gewählt worden. Wenig später fiel er einem Attentat zum Opfer. Sein Nachfolger wurde Ali Chamenei, der heute der geistliche Führer des Landes ist. Beiden ist Ahmadineschad verpflichtet: Er steht in der sozialrevolutionären Tradition von Radschai, und er hat sich als der getreue Adjutant Chameneis bewährt.
„Er ist einer von uns“
Ashghari zählt Gründe auf, weshalb Ahmadineschad bei den Armen Teherans so beliebt ist. Mit Abgaben auf den Bau der Hochhäuser im Norden habe er hier im Süden den sozialen Wohnungsbau finanziert. Damit hätten junge Menschen endlich heiraten können. Jungen Paaren gebe seine Stadtverwaltung als Mitgift zinslose Kredite, ebenso wie zum Kauf günstiger Wohnungen. Ahmadineschad sei eben einer, der für die Gleichheit unter den Menschen kämpfe. Der 50 Jahre alte Akbar Ambardar, der gerade den Tankverschluß seines Mopeds zudreht, nickt. Ja, so einen brauche Iran jetzt als Präsidenten, sagt er. „Nicht einen wie Rafsandschani, den wir bereits acht Jahre als Präsidenten zu ertragen hatten.“
Der 19 Jahre alte Tankwart Yakub Elmi ist anderer Meinung. Er habe für Moin gestimmt, sagt er offen. Denn Moin hebe nicht Gräben aus, sondern baue Brücken. Und bei der Stichwahl werde er für Rafsandschani stimmen. In diesem Kreis bleibt er mit der Ansicht allein. Der Reformer Moin ist für den Süden Teherans zu intellektuell, zu fern. Ahmadineschad ist der Mann der kleinen Leute. „Er ist einer von uns“, heißt es immer. Als einziger hatte er im Wahlkampf den „reichen und korrupten“ Rafsandschani aggressiv angegriffen. Dafür wurde er auch mit den Proteststimmen derer belohnt, die den wahrscheinlich reichsten Iraner nicht mögen.
Ideologischer Überschwang
Der Süden Teherans hat Ahmadineschad gewählt. Der Norden aber, der überwiegend eine andere Republik will, unterstützte nicht einmal mehr die Reformer. Die Iraner im Norden Teherans verabscheuen Ahmadineschad, weil er das Rad der Freiheiten zurückdrehen will und weil er als Bürgermeister in ihren Augen nichts bewegt hat. Bisher habe er nur die Straßen und Brücken eingeweiht, die seine Vorgänger geplant hätten, werfen ihm seine Kritiker vor. Seiner Popularität im Süden der Hauptstadt tut diese Nörgelei keinen Abbruch. Die Popularität allein erklärt den unerwarteten Triumph im ganzen Land aber nicht. Möglich wurde der erst, weil der religiöse Führer Chamenei Ahmadineschad zu seinem Kandidaten gekürt hat.
Zuweilen geht aber selbst Chamenei der ideologische Überschwang seines Novizen zu weit. Erst jüngst verhinderte er in letzter Minute die Veröffentlichung einer Karte, die Ahmadineschad eigenhändig angefertigt hatte und in die er die Route einzeichnete, auf der sich der entschwundene zwölfte Imam, auf dessen Wiederkehr die Schiiten warten, den Gläubigen wieder zeigen werde. Selten aber hatte man den verkniffenen Chamenei so entspannt lachen sehen wie am Wahlabend, als er sich zum Wahlergebnis äußerte.
Hilfe vom Geheimdienst
Ahmadineschad war wohl der dritte Kandidat, auf den Chamenei in dieser Wahl setzte. Den früheren Leiter des staatlichen Fernsehens, den radikalen Ali Laridschani, hatte er fallenlassen, als er einsehen mußte, wie verhaßt er bei der Bevölkerung war. Dann galt der frühere Polizeichef Muhammad Bagher Ghalibaf als Chameneis Wunschkandidat. Der aber legte sich unverhofft bonapartische Attitüden zu und entfernte sich um so mehr von seinen revolutionären Idealen, je mehr er sich die Anliegen der iranischen Jugend zu eigen machte. Da fiel die Wahl auf den servilen und einfach gestrickten Ahmadineschad.
Zwei Wochen vor dem Wahltag habe der frühere stellvertretende Geheimdienstminister Pour-Mohammadi zu einem geheimen Treffen geladen, um alle Truppen Chameneis auf Ahmadineschad einzuschwören, flüstert man sich heute in Teheran zu. Pour-Mohammadi ist kein Unbekannter. Zu Beginn der ersten Amtszeit des Reformpräsidenten Chatami hatte er die Morde an iranischen Intellektuellen orchestriert. Heute soll er einer der Köpfe des parallelen Staats sein, den Chamenei zur Kontrolle der Regierung Chatami aufbauen ließ und der sich seither anschickt, die Parallelstrukturen mit dem sichtbaren wieder zu vereinen. Bei diesem Treffen habe Pour-Mohammadi die Devise ausgegeben, alles zu tun, um zu verhindern, daß der Reformer Moin in die Stichwahl komme.
Wahlhilfe aus den Moscheen
Die Milizen des Parallelstaats, der Volksmund nennt sie „die zivil Gekleideten“, sprengten daraufhin Wahlveranstaltungen der Reformer und verprügelten ihre bekannten Männer, wie in Qom Behzad Nabavi. Damit wurde den Reformern der Kontakt zur Bevölkerung abgeschnitten. Immer mehr glauben nun auch, daß die Explosionen, die in den vergangenen Wochen Ahvaz, Teheran und Zahedan erschüttert haben, auf das Konto der Leute vom Parallelstaat gehen. Gleichzeitig sandten sie über ihre Kanäle - ob die Revolutionsgarden der Pasdaran oder die von ihnen abhängigen Imame der kleinen Moscheen - die Botschaft aus, für Ahmadineschad zu stimmen. Genutzt hat dem Teheraner Oberbürgermeister auch, daß sich einer der radikalsten Ajatollahs Irans, Misbah Yazdi, für ihn aussprach. Am Donnerstag sollt ihr fasten und am Freitag eure Stimme Ahmadineschad geben, hatte er gepredigt. Damit waren die Bedenken jener Gläubigen beseitigt, die lieber einem Turbanträger ihre Stimme gegeben hätten.
Dieser Aufruf fiel auch im Süden Teherans auf fruchtbaren Boden. Ahmadineschads ideologische Reinheit spielt dort aber weniger eine Rolle als seine Volksverbundenheit. Mehdi Dorustgah macht aus seiner Bewunderung für den Kandidaten keinen Hehl: „Er kleidet sich einfach wie wir, er lebt bescheiden wie wir, und er spricht unsere Sprache.“ Voller Bewunderung erzählt der 52 Jahre alte Leiter eines städtischen Fuhrparks im Süden Teherans, daß Ahmadineschad die Luxuswohnung, die ihm als seine Residenz angeboten worden sei, verkauft habe, um mit dem Erlös Sozialwohnungen bauen zu lassen. Er sei eben keiner von jenen da oben, jenen im Norden.
Natürlich verkörpere Ahmadineschad auch die Ideale der Revolution, beteuert Dorustgah. Die hätten die meisten Politiker der Islamischen Republik ja verraten, sagt er verständnislos und reibt seine Bartstoppeln. Ahmadineschad sei sich nicht zu schade, auch die einfachen Arbeiter zu besuchen, wirft einer im grünen Overall ein. Und doch beschleichen Dorustgah leichte Zweifel. Natürlich bringe Rafsandschani die besseren Voraussetzungen mit, um Iran in einer schwierigen Zeit zu führen, gibt er nachdenklich zu. „In der ersten Runde habe ich aber Ahmadineschad gewählt, weil er auf unsere Probleme eingeht und nicht wie Rafsandschani nur über die internationale Politik spricht“, verteidigt er sich. Aber auch Dorustgah weiß, daß Ahmadineschad über keinerlei außenpolitische Erfahrungen verfügt. Keiner bestreitet, daß der radikale Heißsporn keine Skrupel hätte, die Atombombe entwickeln zu lassen. Und im Wahlkampf hatte er auf die Frage, wie er sich denn die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten vorstelle, geantwortet: „Mit den Vereinigten Staaten werden wir an dem Tag wieder Beziehungen haben, an dem wir die islamische Revolution auf deren Boden exportieren.“
Rainer Hermann Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.
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