28.01.2009 · Bei den seit vier Tagen anhaltenden Unruhen in Madagaskar sind nach Medienangaben Dutzende Menschen ums Leben gekommen. Die Unzufriedenheit mit Präsident Ravalomanana entzündet sich vor allem an den drastischen Preissteigerungen.
Bei den seit vier Tagen anhaltenden Unruhen in Madagaskar sind Dutzende Menschen ums Leben gekommen. Lokale Medien geben die Zahl der Todesopfer derzeit mit 43 bis 85 an. Mehr als hundert Menschen sollen verletzt worden sein. Nach Angaben der Gendarmerie in der Hauptstadt Antananarivo sind die meisten Toten aber Opfer von Unfällen im Zusammenhang mit Plünderungen geworden.
Am Mittwoch waren in einem Einkaufszentrum der Stadt 25 Leichname gefunden worden. Es soll sich bei ihnen um Plünderer gehandelt haben, die nicht mehr rechtzeitig aus dem brennenden Gebäude fliehen konnten. Sechs weitere Leichname seien in einem geplünderten Warenhaus der Firma Tiko gefunden worden, die dem madagassischen Präsidenten Marc Ravalomanana gehört. Weitere Todesopfer habe es bei einer Gefängnisrevolte sowie bei einer Großdemonstration gegen die Regierung gegeben.
Schließung von Fernsehsender löste Proteste aus
Die Unruhen gehen auf eine Auseinandersetzung zwischen dem Präsidenten Marc Ravalomanana und dem Bürgermeister von Antananarivo, Andry Rajoelina, zurück, der Ravalomanana „diktatorisches Verhalten“ und „Missachtung der Pressefreiheit“ vorwirft. Im vergangenen Monat hatte die Regierung einen Fernsehsender, der dem Bürgermeister gehört, schließen lassen, nachdem dieser ein Interview mit dem ehemaligen madagassischen Präsidenten Didier Ratsiraka ausgestrahlt hatte.
Ratsiraka lebt seit 2002 im französischen Exil. Er hatte die Wahl 2001 gegen Ravalomanana zwar verloren, seine Niederlage aber nicht eingestanden. Erst nach acht Monaten dauernden, teilweise blutigen Ausschreitungen hatte Ratsiraka nachgegeben und das Land verlassen.
Als Reaktion sowohl auf die Schließung seines Senders Viva als auch stark gestiegener Lebensmittelpreise hatte Rajoelina in der vergangenen Woche zu einem Generalstreik aufgerufen, in dessen Verlauf es zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen seinen Anhängern und Sicherheitskräften gekommen war. Die Gebäude zweier weiterer Sender, von denen einer dem Staat und ein anderer Ravalomanana selbst gehören, waren dabei schwer beschädigt worden.
Rajoelina fordert Rücktritt Ravalomananas
Ravalomanana hatte am Dienstag zur Ruhe aufgerufen und sich gesprächsbereit gezeigt. „Wir müssen reden und sollten dabei unsere Egos für einen Moment beiseite lassen“, hatte er an die Adresse des erst 34 Jahre alten Rajoelina gesagt. Dieser will sich aber solange nicht mit dem Präsidenten treffen, wie die Soldaten, die mutmaßlich für den Tod zweier seiner Anhänger zu Wochenbeginn verantwortlich sind, nicht verhaftet worden sind.
Rajoelina, der im Dezember 2007 als unabhängiger Kandidat zum Bürgermeister gewählt worden war, fordert den Rücktritt Ravalomananas und die Bildung einer Übergangsregierung unter seiner Führung. Kritiker werfen ihm vor, er sei von der Clique des als korrupt geltenden ehemaligen Präsidenten Ratsiraka gesteuert. Ratsiraka hatte Madagaskar 23 Jahre lang bis 2001 regiert und dabei wirtschaftlich ruiniert.
Drastische Preissteigerungen für Grundnahrungsmittel und Treibstoff
Die Unzufriedenheit mit Ravalomanana entzündet sich vor allem an den drastischen Preissteigerungen für Treibstoff und Grundnahrungsmittel in Madagaskar. Ravalomanana lehnt Subventionen ab und glaubt an die Selbstheilungskräfte der freien Wirtschaft. Der Millionär, der aus der kleinen Molkerei seines Vaters das größte Unternehmen des Landes gemacht hat, hatte nach seiner Wiederwahl 2006 ein international hoch gelobtes Wirtschaftsprogramm aufgelegt, das weniger auf Hilfsgelder als auf Privatinvestitionen zur Stimulierung der Wirtschaft setzt.
Diesem „Madagascar Action Plan“ genannten Programm, das die Armut innerhalb der nächsten fünf um 50 Prozent senken soll, muss sich auch das Kabinett unterwerfen. Minister, die Zielvorgaben nicht schaffen, werden unverzüglich ausgetauscht. Gleichwohl ist das Programm aufgrund der mit ihm einhergehenden sozialen Härten umstritten. 70 Prozent der rund 21 Millionen Madegassen leben unterhalb der Armutsgrenze; sie haben weniger als einen Dollar am Tag. Zudem gilt Ravalomanana als extrem autoritär und unempfänglich für Kritik. Dass er zusätzlich der größte Unternehmer und der vermutlich reichste Mann des Landes ist, macht ihn auch nicht beliebter.