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Pakistanische Lynchjustiz : Machtkämpfe um den Erhalt des Blasphemie-Gesetzes

Nach dem Freispruch der Chritin Asia Bibi: Tobende Mobs fordern ihren Tod. Bild: EPA

Weil sie den Propheten beleidigt haben soll, saß die Pakistanerin Asia Bibi acht Jahre im Gefängnis. Nun ist sie frei – doch auf den Straßen fordert ein Mob ihren Tod.

          Asia Bibi ist frei. Mehr als acht Jahre lang saß sie im Gefängnis, mit der Aussicht, hingerichtet zu werden. Sie soll den islamischen Propheten Mohammed beleidigt haben; einen Propheten, der nicht ihrer ist, denn Asia Bibi ist Christin. Nachdem Pakistans Oberstes Gericht sie am Mittwoch in einer spektakulären Entscheidung freigesprochen hatte, sollte die etwa 51 Jahre alte Frau und Mutter von fünf Kindern das Gefängnis sofort verlassen dürfen. „Ich kann es kaum glauben“, sagte sie. Aber was heißt Freiheit schon, wenn nur Minuten nach dem Urteilsspruch in aller Öffentlichkeit zum Mord an ihr – und an den drei Richtern – aufgerufen wurde?

          Christian Meier

          Redakteur in der Politik.

          Liberale hofften, dass ihr Freispruch den Weg für ein weniger streng religiöses Pakistan bereiten würde. Aber seit dem Urteil ist das Land in Aufruhr. Tausende Menschen gingen auf die Straße, um gegen Asia Bibis Freiheit zu protestieren, Schulen und Behörden blieben vielerorts geschlossen, es gab Straßenblockaden und Plünderungen. In mehreren Städten mussten Soldaten eingesetzt werden, um Regierungsgebäude vor Plünderern zu schützen. Ministerpräsident Imran Khan, seit August im Amt, wandte sich noch am Abend des Urteilsspruchs in einer Fernsehansprache an die Bevölkerung und warnte, die Regierung werde Aufrufe zur Lynchjustiz nicht hinnehmen.

          Es half wenig. „Wir werden uns nicht zurückziehen, bis die Richter entlassen sind und Bibi gehängt wird“, sagte der Führer der Islamistenpartei TLP am Freitag. Sein Stellvertreter rief sogar offen zum Mord an Asia Bibi auf: „Entweder ihr Leibwächter, ihr Fahrer oder ihr Koch soll sie umbringen“, rief er bei einer Protestveranstaltung.

          Die Christin Asia Bibi auf einem undatierten Foto, das von der britischen Organisation British Pakistani Christian Association am 1.11.2018 zur Verfügung gestellt wurde.

          Die TLP hat mittlerweile Übung im Demonstrieren. Im vergangenen November legte sie durch Straßenblockaden drei Wochen lang die Hauptstadt Islamabad lahm. Ihre Forderung: Der Amtseid für Abgeordnete darf sich nicht ändern. Die Eidesformel sollte ursprünglich leicht abgeschwächt werden, aber die TLP sah das als Blasphemie; eine Einschränkung des Bekenntnisses zu Mohammed. Die Regierung gestand Fehler und nahm die Änderung zurück. Den Islamisten reichte das nicht – sie wollten politische Köpfe rollen sehen.

          Die Lage eskalierte, als die Polizei die Blockade auflösen wollte, es gab mehrere Tote und rund 200 Verletzte. Schließlich vermittelte die Armee, und die Regierung gab nach: Der Justizminister musste zurücktreten. Im Gegenzug versprachen die Islamisten, dass sie keine Fatwa gegen ihn erlassen würden. Die Regierung hatte sich von den Islamisten erpressen lassen. Und vielleicht auch von der Armee, von der immer wieder behauptet wird, sie stehe hinter den Islamisten.

          Mit einem Glas Wasser fing es an

          Mit vollständigem Namen heißt die TLP „Tehreek-e-Labbaik Pakistan Ya Rasul Allah“, was man ungefähr übersetzen könnte mit „Bewegung derjenigen, die rufen: Ich folge dir, o Gesandter Gottes“. Die unbedingte Verehrung Mohammeds ist der zentrale Punkt, um den ihre Aktionen kreisen. Man könnte sie auch als Anti-Blasphemie-Partei bezeichnen. Durch den Freispruch Asia Bibis sieht die TLP sich nun in besonderer Weise zum Widerstand aufgerufen. Die Verstrickung der Partei in den Fall reicht aber noch tiefer.

          Asia Bibi war 2009 in einen Streit mit Musliminnen geraten, mit denen sie zusammen auf einem Feld arbeitete. Es soll darum gegangen sein, dass sie den anderen ein Glas Wasser geholt hatte, daraus aber auch selbst getrunken hatte. Dies machten die Musliminnen ihr zum Vorwurf – als Christin gehört Asia Bibi einer religiösen Minderheit an, die regelmäßig diskriminiert wird. 96 Prozent der Pakistaner sind muslimisch, der Islam ist das Fundament des Staates. Asia Bibi bestreitet, dass sie im Streit den Propheten Mohammed beleidigt habe. Aber die Situation eskalierte. Der Dorfprediger prangerte sie öffentlich an, ein Mob versammelte sich und schlug auf sie ein.

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