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Machtdemonstration Fleisch und Spiele in Afghanistan

26.08.2008 ·  Afghanische Warlords nutzen die traditionellen Buzkashi-Turniere, um ihre Macht zu demonstrieren. Ein wenig erinnert das an Olympia in China. Jedoch traut sich niemand, die Öffentlichkeit der Spiele dafür zu nutzen, an die Opfer des Bürgerkriegs zu erinnern.

Von Friederike Böge
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Wenn die Warlords im Nordosten Afghanistans das Volk zu Brot und Spielen einladen, steigen in der Provinz Badakhshan die Preise für die Mietwagen. 200 Dollar will der Fahrer für die Fahrt zum Buzkashi-Turnier von Shiwa haben; 50 Dollar mehr als üblich. Nasir Mohammad, ein lokaler Warlord, habe fast alle Mietwagen in der Stadt für sich reserviert, um seine Gäste nach Shiwa zu bringen.

Dort auf dem Hochplateau drei Autostunden östlich der Provinzhauptstadt Faizabad findet jedes Jahr ein sportliches Großereignis statt: Eine Woche lang kämpfen die besten Reiter der Region um eine tote Ziege. Das ist Buzkashi - der afghanische Nationalsport. Und so wie China gerade die Olympischen Spiele zur Demonstration seines neuen Selbstbewusstseins nutzte, so ist Buzkashi für die afghanischen Warlords eine gute Gelegenheit, ihre inzwischen wieder gefestigte Macht zur Schau zu stellen. Die misst sich daran, wie viel Fleisch sie ihren Gästen servieren können, wie viele teure Pferde sie ins Rennen schicken und wie viel Preisgeld sie den Reitern stiften.

Sicherheit ohne Waffen

Nasir Mohammad ist gleich am ersten Tag angereist. Seine Männer haben die Zelte aufgebaut, Satellitenfernsehen installiert, die Autos gewaschen, Tee und Fleisch zubereitet. Die Schafe dafür hätten sie den Hirten als Wegezoll abgepresst, sagen die Leute in der Gegend. Der Mann selbst sieht eigentlich harmlos aus: Ein unscheinbarer Typ mit Dreitagebart und einer sanften Stimme. Er trägt die landesübliche Kleidung, Shalwar Kameez, und sitzt auf einem weißen Plastikstuhl mitten auf der Wiese. Seine linke Hand ist durch eine Kriegsverletzung verkrüppelt.

Der ehemalige Bürgerkriegskommandeur gilt als mächtigster Mann in der Provinzhauptstadt Faizabad. Obwohl er keine offizielle Position bekleidet, hat er mehr Einfluss als der von Kabul eingesetzte Gouverneur. Er verteilt Land an die Bauern aus seinem Distrikt und schlichtet Landkonflikte per Handstreich. Fürsprecher halten ihm zugute, dass er während des Bürgerkriegs gegen den Druck seiner islamistischen Weggefährten ein vergleichsweise liberales Regime geführt habe. Im Lokalfernsehen in Badakhshan durften sogar Frauen moderieren.

„Mit dem Buzkashi-Turnier wollen wir den Leuten zeigen, dass die Sicherheitslage in Badakhshan gut ist“, sagt der ehemalige Kriegsherr, der selbst vier Pferde im Wert von je 20 000 Dollar ins Rennen schickt. Sicherheit ist die Währung, in der die Macht in Badakhshan ausgezählt wird. Nasir Mohammad lässt keinen Zweifel daran, dass diese Sicherheit nicht das Verdienst der Regierung sei. „General Kentuz, der Polizeichef von Badakhshan, kann nicht einmal mit 300 Leibwächtern hierherkommen. Er ist nicht von hier. Aber wir leben mit den Menschen.“ Offiziell sind die Milizen längst entwaffnet. „Wir schaffen Sicherheit ohne Waffen“, sagt er daher. Seine Kritiker sprechen jedoch von einer Atmosphäre der Angst, die seine Männer nach wie vor in der Region verbreiteten. Zu „seinen Männern“ zählen offenbar auch eine Reihe von Polizisten, die wohl gegen den Willen ihres Dienstherrn gekommen sind, um sich die Spiele anzuschauen. Mehrere Polizeiwagen sind neben der Ehrentribüne geparkt.

Kultur statt Krieg

Ein paar Meter weiter hat Abdul Baseer Khalid sein Zelt aufgebaut. Er soll früher ein furchteinflößender Führer der Dschiadi gewesen sein, der einen großen Teil der Provinz unter seiner Kontrolle hatte. Heute hat er sich auf sein Altenteil zurückgezogen und schwelgt in Erinnerungen. Er habe damals im Krieg gegen die Sowjettruppen das Buzkashi-Turnier von Shiwa gegründet, sagt Baseer. Es sollte ein Zeichen der Einheit der verschiedenen Mudschahedin-Parteien gegen die Kommunisten sein. „Hier trafen sich die Kommandeure, um ihre Konflikte zu lösen und Pläne für neue Angriffe zu schmieden“, erinnert sich der freundliche alte Herr und reicht Tee und Bonbons.

Schon damals ging es auch um eine Demonstration der Macht. „Trotz ihrer Flugzeuge konnten die Kommunisten unser Buzkashi nicht stoppen“, sagt Baseer. Denn seine Männer saßen mit amerikanischen Flugabwehrraketen vom Typ Stinger in den Bergen rund um das Spielfeld. Mit der Ausrichtung der traditionsreichen Reiterspiele unterstrichen die Mudschahedin die Autonomie der von ihnen „befreiten Gebiete“. „Wir wollten zeigen, dass wir nicht nur Krieg führen können, sondern auch Kultur haben. Und dass wir die wahren Afghanen sind“, sagt Baseer. Die kommunistische Regierung setzte dem eigene Wettkämpfe in den Städten entgegen. „Aber ihre Pferde waren schwach“, sagt Baseer abfällig.

Kampf um eine tote Ziege

Die Spiele beginnen ohne Eröffnungsfeier. Der Ansager gibt über Mikrofon das Startsignal, und vier Dutzend Reiter mit Fellmützen, schweren Lederhosen und Peitschen zwischen den Zähnen stürmen auf die tote Ziege los, die geköpft am Boden liegt. Das lokale Fernsehen ist auch dabei. Wie beim American Football ist „der Ball“ meistens in einem Pulk von Spielern verborgen, die zerren, schubsen und mit der Peitsche um sich schlagen. Irgendwann stürmt dann ein Reiter aus der Menge und rast mit dem Tiertorso im Schlepptau auf ein weiß markiertes Feld zu. Es fällt das erste Tor.

Nach jedem Punktgewinn eilt der Sieger an die Ehrentribüne, um sich von den Notablen das Preisgeld in kleinen Scheinen zustecken zu lassen. „Hundert Afghani, gespendet von Abdul Khan“, hallt es aus den Lautsprechern. Das sind rund zwei amerikanische Dollar. Die reichen Sponsoren halten sich zurück, denn noch ist die Zahl der Zuschauer gering. Das Wochenende kommt erst. Bis zu tausend Dollar pro Punktgewinn lassen sich die Mächtigsten diese Eigenwerbung kosten. „Ihr Ansehen steigt, wenn ihr Name ausgerufen wird“, erklärt einer der Zuschauer.

Fester Platz im Machtgefüge

Die Regierung von Präsident Hamid Karzai kann sich nur einige kleine Turniere in Kabul leisten. Den „Grand Slam“ unter den Buzkashi-Wettkämpfen richten nach wie vor die alten Dschihadi-Führer aus, die selbstbewusst ihren neuen Reichtum demonstrieren. Nach dem Sturz der Taliban vor knapp sieben Jahren schien ihre Macht zu schwinden. Nach mehr als zwanzig Jahren Krieg war die Bevölkerung der Milizenführer überdrüssig. Doch um ihre Unterstützung im Kampf gegen die Taliban und für die neue Regierung zu gewinnen, gewährten ihnen die amerikanisch geführten Koalitionstruppen und der neue Präsident einen festen Platz im Machtgefüge. Den haben sie seither geschickt ausgebaut. Sie stellen eine Mehrheit im Parlament, beanspruchen Posten in der Verwaltung, dominieren den Rauschgifthandel und profitieren über eigene Baufirmen von den internationalen Hilfsgeldern.

Genauso wie zuletzt in Peking wird auch in Shiwa eifrig über die Frage diskutiert, wer bei den Spielen dabei ist und wer nicht. Der prominenteste Gast ist der frühere Präsident Burhanuddin Rabbani, der im Hubschrauber aus Kabul anreist. Der ehemalige Mudschahedin-Führer hat seine Machtbasis in Badakhshan und führt im Parlament die einzige ernstzunehmende Oppositionspartei an. Sein Gegenspieler in der Provinz, der von der Zentralregierung eingesetzte Gouverneur Munshi Abdul Majeed, hat zur Buzkashi-Zeit immer wichtige Termine in Kabul, damit er nicht neben den tatsächlichen Machthabern auf der Tribüne sitzen muss. Auch viele Ausländer boykottieren die Spiele absichtlich. „Wir versuchen es zu vermeiden, mit solchen Strukturen in Verbindung gebracht zu werden“, sagt ein deutscher Aufbauhelfer.

Anders als in China traut sich aber niemand, die Öffentlichkeit der Spiele dafür zu nutzen, an die Opfer des Bürgerkriegs zu erinnern. Ob die Reiter selbst sich politisch äußern dürfen, ist nicht bekannt.

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