04.08.2004 · Vor einem amerikanischen Militärgericht muß sich Lynndie England wegen Mißhandlungen im irakischen Militärgefängnis Abu Ghraib verantworten. Ihr Anwalt beklagt, daß die 21jährige zum Sündenbock gemacht werden soll.
Die wegen Mißhandlung von Gefangenen im irakischen Abu-Ghraib-Gefängnis angeklagte amerikanische Soldatin Lynndie England ist der Anhörung gegen sie am Dienstag wegen Unwohlsein fern geblieben. Der Arzt habe seiner schwangeren Mandantin eine Untersuchung empfohlen, sagte Englands Anwalt Richard Hernandez am Rande der Anhörung in Fort Bragg. Er beschuldigte die amerikanische Regierung, an der Soldatin ein Exempel für den Gefangenen-Skandal statuieren zu wollen und sie als „Sündenbock“ zu mißbrauchen. Am Morgen hatte die 21jährige keinerlei Regung gezeigt, als sie in Uniform den Gerichtssaal betrat. Das Gericht muß über einen möglichen Prozeß gegen England befinden.
Die in den irakischen Folterskandal verwickelte amerikanische Soldatin Lynndie England soll sich aus Spaß und Langeweile an den erniedrigenden Fotos von Häftlingen beteiligt haben. Das habe England bei einer internen Befragung im Januar ausgesagt, erklärte ein Ermittler der Streitkräfte am Dienstag während einer Anhörung vor einem Militärausschuß.
„Großer Witz“, „nichts Ernstes“
Der Militärermittler Paul Arthur sagte, England habe erklärt, die Fotos im Bagdader Gefängnis Abu Ghraib seien entstanden, als die Soldaten während einer Nachtschicht herumgealbert hätten. England habe die Bilder ihm gegenüber als „großen Witz“ und „nichts Ernstes“ bezeichnet. Der Ermittler sollte in Abu Ghraib die Verhöre von Gefangenen überwachen. In der Nacht zum 13. Januar habe ihm ein Soldat eine CD mit mehreren der Fotos übergeben, erklärte Arthur. Daraufhin habe er mehrere Soldaten von Englands Einheit befragt. Der Ermittler Warren Worth sagte, England hätte in Abu Ghraib die Gefangenen-Trakte gar nicht erst betreten dürfen.
Die 21jährige war durch drastische Mißhandlungsfotos zur Symbolfigur des Skandals im Militärgefängnis Abu Ghraib geworden. Fotos gingen um die Welt, welche die lachende Soldatin mit einem nackten irakischen Gefangenen an einer Hundeleine zeigten. Neben England sind in dem Skandal sechs weitere amerikanische Soldaten angeklagt, unter ihnen Charles Graner, von dem die Soldatin ein Kind erwartet. Einer der Angeklagten wurde bereits zu einem Jahr Haft verurteilt.
38 Jahre Haft möglich
England wird Mißhandlung von Gefangenen in 13 Fällen vorgeworfen, außerdem der Besitz von Fotografien sexuellen Inhalts, auf denen nach Militärangaben aber keine Iraker zu sehen waren. Als Höchststrafe drohen der Soldatin 38 Jahre Haft und unehrenhafte Entlassung aus der Armee. Allerdings sind auch eine außergerichtliche Bestrafung oder eine Einstellung des Verfahrens möglich. Ihre Verteidiger haben argumentiert, die Fotos mit den Häftlingen seien auf Befehl von Vorgesetzten entstanden. Auch England selbst hatte erklärt, sie habe genaue Anweisungen erhalten, wie sie für die Fotos zu posieren habe.
Die ehemalige Leiterin von Abu Ghraib erhob in einem BBC-Interview Vorwürfe, es habe offenbar eine Verschwörung gegeben, um sie über die Vorfälle in Unkenntnis zu halten. Diese Verschwörung könne sich bis in die Regierung erstreckt haben, sagte Janis Karpinski in dem am Dienstag ausgestrahlten Interview. Karpinski war im Mai vom Pentagon aus Abu Ghraib abgezogen worden. Sie gab an, bis zum Auftauchen entsprechender Fotos Ende April nichts von den Mißhandlungen in dem Gefängnis gewußt zu haben.
Dänemark weitet Ermittlungen gegen Offizier aus
Die dänischen Streitkräfte weiten unterdessen Ermittlungen gegen einen aus dem Irak abgezogenen Offizier aus, der Gefangene mißhandelt haben soll. Ein Sprecher sagte am Dienstag, es sei unwahrscheinlich, daß nur eine Person in den Fall verwickelt gewesen sei. Die Streitkräfte bestätigten einen Bericht der Zeitung „Ekstra Bladet“ vom Montag, wonach ein Offizier Ende Juli zwei Wochen vor dem Ende seiner Dienstzeit aus dem Irak abgezogen wurde. Am Dienstag schrieben „Ekstra Bladet“ und „Politiken“, es handele sich um eine Soldatin. Dänemark hat im Irak rund 500 Soldaten unter britischem Kommando stationiert.
Die mehr als 100 Mitglieder der 372. Kompanie der Militärpolizei, zu der England und die anderen Angeklagten gehören, sind von ihrem eineinhalb Jahre währenden Einsatz in Kuweit und im Irak auf den Militärstützpunkt Fort Lee in Petersburg zurückgekehrt. Sie wurden dort am Montag in einer kleinen privaten Willkommensfeier von Familienangehörigen begrüßt. Hauptmann Donald Reese sprach von einer "schwierigen Entsendung". Er äußerte sich zuversichtlich, daß die Schuldigen in dem Folterskandal angemessen betraft würden.