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Luftschlag gegen Assad : Begrenzte Angriffsfläche

Bereit zum Angriff: Dieses vom britischen Verteidigungsministerium zur Verfügung gestellte Foto zeigt einen „Tornado“ auf dem britischen Militärflughafen Royal Air Force Akrotiri. Bild: dpa

Amerika und seine europäischen Verbündeten bestrafen die syrische Regierung für den mutmaßlichen Chemiewaffenangriff in Douma. Das Ausmaß der Operation hat eine klare Grenze: Russland und Iran sollten nicht herausgefordert werden.

          Der seit Tagen angekündigte Vergeltungsschlag Amerikas und seiner europäischen Verbündeten ist erfolgt. See- und Luftstreitkräfte der Vereinigten Staaten, Großbritanniens und Frankreichs haben am frühen Samstagmorgen Ziele in Syrien angegriffen, als Vergeltung für den mutmaßlichen Giftgasangriff syrischer Regierungstruppen vor genau einer Woche in Douma, bei dem über 40 Menschen ums Leben gekommen waren. Der amerikanische Präsident Donald Trump twitterte am Samstag: „Ein perfekt ausgeführter Schlag letzte Nacht. Hätten kein besseres Ergebnis haben können. Mission beendet!“

          Nach Angaben des Vorsitzenden des amerikanischen Generalstabs, General Joseph F. Dunford, richteten sich die Angriffe gegen drei Ziele auf syrischem Boden: Ein Forschungszentrum für Chemiewaffen im Großraum Damaskus, ein Militärlager für das Giftgas Sarin nahe der Stadt Homs sowie einen Kommandoposten mit einem weiteren Chemiewaffenlager in unmittelbarer Nachbarschaft. Ausgeführt wurden sie von Schiffen im Mittelmeer, Langstreckenbombern sowie Kampfflugzeugen, die jedoch nicht in den syrischen Luftraum eindrangen. Laut Angaben von Amerikas Verteidigungsminister Jim Mattis wurden bei dem Vergeltungsschlag über hundert Raketen abgefeuert.

          Das Ausmaß der Angriffe übersteigt damit erkennbar den amerikanischen Vergeltungsschlag vor einem Jahr. Am 7. April 2017 hatten die Vereinigten Staaten in Reaktion auf einen später von unabhängigen Experten bestätigten Chemiewaffeneinsatz syrischer Regierungstruppen über der Ortschaft Chan Sheikoun die Luftwaffenbasis Shayrat mit 59 Marschflugkörpern angegriffen, die von zwei amerikanischen Zerstörern im östlichem Mittelmeer aus abgefeuert worden waren. Mit der mutmaßlichen Verdoppelung der Feuerkraft bestätigte Präsident Trump die Erwartungen von Experten, dass die Vereinigten Staaten bei einem abermaligen Luftschlag härter reagieren müssten. Schließlich hatte der Angriff im vergangenen Jahr offenkundig nicht die gewünschte Wirkung entfaltet, das Assad-Regime von abermaligen Einsätzen chemischer Kampfstoffe abzuhalten.

          Das Ziel, das Regime härter zu treffen, lässt sich auch bei der Auswahl der Ziele erkennen. Vor einem Jahr hatten die Marschflugkörper Flugzeuge und Infrastruktur der syrischen Luftwaffe zerstört oder beschädigt. Mutmaßliche C-Waffenlager wurden ausgespart. Dieses Mal hingegen war die Operation breiter angelegt. Sie traf eine mutmaßliche Entwicklungseinrichtung ebenso wie C-Kampfstoffe selbst und ein Objekt, das bei ihrem Einsatz eine wichtige Rolle gespielt haben soll. Wie schwer der Schaden für die mutmaßlichen C-Waffen-Fähigkeiten des Assad-Regimes dabei sein könnte, ist bislang völlig offen. Offiziell verfügt die syrische Regierung über keine C-Kampfstoffe mehr. Das Regime war unter internationalem Druck 2013 dem Chemiewaffenübereinkommen beigetreten, dessen Unterzeichner sich zu ihrem vollständigen Verzicht bereiterklären. Über das mutmaßliche Sarin-Lager, über das General Dunford am Samstag informierte, war bis dato nichts bekannt. Indizien dafür, dass Syrien an der Entwicklung neuer Chemiewaffen arbeiten könnte, wurden Ende Februar konkreter. Die „New York Times“ hatte unter Bezugnahme auf ein nicht veröffentlichtes Papier von UN-Experten berichtet, dass Nordkorea Teile geliefert habe, die für die Produktion von Chemiewaffen benutzt werden können.

          Während Quantität und Qualität der Angriffe offenkundig dem Ziel dienten, den Druck auf Präsident Baschar al Assad zu erhöhen, achteten die Amerikaner und ihre Verbündeten zugleich darauf, das Risiko einer Provokation Russland und Irans gering zu halten. Zwar informierten die Amerikaner nicht, wie im vergangenen Jahr, die russische Seite über die bestehende Deeskalations-Hotline. Doch wurden militärische Stützpunkte, auf denen sich Truppen Moskaus und auch Teherans befinden könnten, von vornherein ausgespart. Bislang gibt es auch keine Berichte über Todesopfer auf syrischer Seite. Ferner lagen zwischen den ersten Hinweisen auf einen möglichen Vergeltungsschlag der Amerikaner und dem tatsächliche Angriffen fünf Tage. Letztes Mal war er nach drei Tagen erfolgt. Die amerikanische Denkfabrik „Institute for the Study of War“ hatte unter Bezug auf Quellen aus der Region bereits am Donnerstag berichtet, dass von Iran abhängige Milizen wie die Hizbullah sich über die Grenzen in den Libanon und den Irak in Sicherheit gebracht hätten. Zudem habe die syrische Luftwaffe ihre Kampfflugzeuge verlegt. Verteidigungsminister Mattis teilte nach Abschluss der Operation am Samstagmorgen mit, dass keine weiteren Angriffe vorgesehen seien.

          Hinter den Befürchtungen, die das Twitter-Gebrüll des amerikanischen Präsidenten zwischenzeitlich entfaltet hatte, blieb die Operation weit zurück. Anzeichen für Ambitionen, gegen den syrischen Präsidenten selbst vorzugehen, gibt es keine. Alles deutet darauf hin, dass Präsident Trump am Ende den Empfehlungen seines Verteidigungsministers  gefolgt ist. Mattis hatte vor einem schnellen Angriff gewarnt und stattdessen für eine durchdachte Strategie geworben. Die könnte sein, konsequent gegen Chemiewaffeneinsatz vorzugehen, um eine globale Renaissance der Massenvernichtungswaffen zu unterbinden – ohne aber sich tiefer in den syrischen Machtkampf hineinziehen zu lassen.

          Inwiefern das gelingt, lässt sich nach Meinung von Fachleuten noch nicht sagen. „Es ist noch früh, zu sagen, ob der Preis für Assad nun so hoch ist, dass er eine abschreckende Wirkung haben wird“, sagt Jan Techau, Senior Fellow beim German Marshall Fund in Berlin. Eines aber habe er erreicht: Innenpolitisch Tatkraft zu demonstrieren. Oder wie Trump es wohl sagen würde: Mit Blick auf Syrien besser auszusehen als Barack Obama.

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