20.07.2005 · Zwei Wochen nach den Terroranschlägen in London hat die pakistanische Polizei nach Angaben eines Geheimdienstoffiziers einen Hauptverdächtigen verhaftet. Er stehe „in direkter Verbindung zu den Londoner Anschlägen“. FAZ.NET-Spezial.
Zwei Wochen nach den Terroranschlägen in London hat die pakistanische Polizei offenbar einen Hauptverdächtigen verhaftet. „Wir haben einen wichtigen Mann in unserem Gewahrsam“, sagte der Geheimdienstoffizier in Lahore. Er stehe „in einer direkten Verbindung zu den Londoner Anschlägen“.
Die Verhaftung dieses Mannes habe zu weiteren Verhaftungen geführt. Der Geheimdienstoffizier nannte weder den Namen des Verdächtigen noch den Zeitpunkt der Verhaftung oder die Art seiner Verbindung zu den Anschlägen auf den Londoner Nahverkehr am 7. Juli.
Unter den in Karachi festgenommenen Personen seien zwei führende Mitglieder der Organisationen Jamaat-e-Islami und Sipah-e-Sahaba. Letztere Gruppe wurde verboten, weil ihre Mitglieder in Anschläge auf die schiitische Minderheit in Pakistan verwickelt sein sollen.
„Times“ berichtet von Verbindungen zu Al Qaida
Ein anderer ranghoher Sicherheitsvertreter hatte zuvor in Islamabad noch einen britischen Zeitungsbericht zurückgewiesen, wonach es es gelungen sei, ein ranghohes Mitglied des Terrornetzes Al Qaida, das mutmaßlich in die Anschläge von London verstrickt sei, festzunehmen.
Nach seinen Angaben sei es den pakistanischen Ermittlern bisher nicht gelungen, die „Verbindungen der Attentäter zurückzuverfolgen, die vor den Anschlägen nach Pakistan gereist waren“. Die Londoner Zeitung „Times“ hatte zuvor berichtet, der Pakistaner sei am Dienstag bei Durchsuchungen in Lahore und Karachi gefaßt worden. Er solle eine wichtige Rolle bei Al Qaida spielen und enge Verbindungen mit den Attentätern von London unterhalten haben.
Drei der vier Selbstmordattentäter von London waren junge britische Muslime pakistanischer Herkunft und im vergangenen Jahr nach Pakistan gereist. Der vierte Attentäter war ein in Jamaika geborener Brite. Die drei Männer mit pakistanischen Wurzeln sollen in den Monaten vor den Anschlägen Pakistan besucht haben. Einer der mutmaßlichen Täter soll einige Tage in einer Religionsschule in Lahore verbracht haben. Bei den Attentaten wurden 56 Menschen getötet und 700 weitere verletzt.
„Klare Anweisungen“ von Musharraf
Bei der Großrazzia in ganz Pakistan nahmen die pakistanischen Behörden nach eigenen Angaben bisher mehr als einhundert mutmaßliche Islamisten fest. Die Verdächtigen seien bei Durchsuchungen von Koranschulen, Büros religiöser Organisationen und Privathäusern im ganzen Land gefaßt worden, sagte ein weiterer ranghoher Sicherheitsbeamter am Mittwoch.
Diese Festnahmen stünden nicht in direktem Zusammenhang mit den Ermittlungen zu den Londoner Anschlägen, hieß es zunächst. Doch habe Präsident Pervez Musharraf „klare Anweisungen“ erteilt, gegen militante Gruppen vorzugehen. Gegenüber Haßpredigern und Anstachlern zur Gewalt solle eine Null-Toleranz-Politik gefahren werden. Musharraf wollte am Mittwoch in einer Fernsehansprache zum islamischen Extremismus Stellung nehmen.
Al Qaida droht mit weiteren Anschlägen
Das islamistische Terrornetz Al Qaida soll unterdessen mit weiteren Anschlägen in Europa gedroht haben, sollten die im Irak militärisch engagierten europäischen Staaten ihre Truppen nicht binnen eines Monats abziehen.
Eine entsprechende Erklärung wurde am Dienstag auf einer islamistischen Internetseite veröffentlicht. Die Echtheit des Textes, der auf den 16. Juli datiert ist, konnte zunächst nicht überprüft werden. Es werde einen „blutigen Krieg“ geben, drohte die Al-Qaida-Gruppe „Brigaden Abu Hafs el Masri“ vor allem Großbritannien, Dänemark und den Niederlanden. Nach Ablauf der Frist, also Mitte August, werde es keine weiteren Botschaften mehr geben, sondern „Taten und Worte im Herzen Europas“.
Authentische Bekennerschreiben?
Die Al-Qaida-Gruppe hatte sich gemeinsam mit einer zweiten Gruppe im Internet zu den Anschlägen in London bekannt. Die Authentizität der bisher bekannten Bekennerschreiben wurde aber bisher noch von keiner offiziellen Seite bestätigt.
Vertreter der islamischen Gemeinschaft in Großbritannien setzten am Mittwoch ihre Gespräche mit der britischen Regierung fort. Dabei ging es um Wege zur Eindämmung extremistischer Strömungen. Zu diesem Zweck soll eine gemeinsame Einsatzgruppe gebildet werden. Diese soll nach Angaben eines Regierungssprechers auf den Religionsunterricht in den Moscheen Einfluß nehmen und die britischen Muslime ermuntern, sich in Organisationen des politischen Mainstreams zu engagieren. (Siehe auch: FAZ.NET-Spezial: Terror in London )
Im Londoner U-Bahn-Bahnhof Edgware Road wurde unterdessen einer der bei den Anschlägen zerstörten Wagen von den Schienen gehoben. Die Londoner U-Bahn will den Betrieb auf dieser Strecke bis zum 2. August wieder aufnehmen.