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London Getöteter Brasilianer: Videos stellen Polizeiversion in Frage

17.08.2005 ·  Dreieinhalb Wochen nach der Tötung eines unschuldigen Brasilianers in der U-Bahn durch britische Terrorfahnder sind Aufnahmen von Überwachungskameras aufgetaucht, die die Darstellung des Londoner Polizeichefs erheblich in Frage stellen.

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Dreieinhalb Wochen nach der Tötung eines unschuldigen Brasilianers durch britische Terrorfahnder sind Aufnahmen von Überwachungskameras aufgetaucht, die die Darstellung der Polizei erheblich in Frage stellen.

Der britische Sender berichtete aufgrund dieser Aufnahmen, daß sich der 27 Jahre alte Jean Charles de Menezes in keinster Weise verdächtig verhalten habe, als er die U-Bahn-Station Stockwell betrat. Auch habe er keine dicke Jacke, sondern eine normale Jeansjacke getragen.

Der Londoner Polizeichef Ian Blair hatte die tödlichen Schüsse auf den Brasilianer damit erklärt, daß der Mann von den Polizisten angesprochen worden sei und nicht auf ihre Anweisungen gehört habe. Augenzeugen hatten zudem berichtet, der Brasilianer sei durch die U-Bahn-Station gerannt, von Polizisten in Zivil zu Boden geworfen und dann erschossen worden.

Irrtümlich verfolgt

Nach dem ITV-Bericht zeigen die Überwachungskamera-Aufzeichnungen aber, daß Menezes die U-Bahn-Station Stockwell ohne jede Hast betrat und sich eine Zeitung kaufte, ehe er in eine Bahn stieg und sich hinsetzte. Aus einem Untersuchungsbericht gehe zudem hervor, daß die Polizisten Menezes für einen der Bombenleger vom 21. Juli hielten. Obwohl ihnen eine Kamera zur Verfügung gestanden hätte, um diese Einschätzung durch Kollegen überprüfen zu lassen, sei das aber nicht geschehen.

Die unabhängige Beschwerdekommission der Polizei, die den Fall untersucht, wollte sich zum Wahrheitsgehalt der von ITV zitierten Dokumente nicht äußern. „Wir wissen nicht, von welcher Organisation oder von wem die im Fernsehen gezeigten Dokumente stammen“, erklärte die Kommission.

Angehörige des Getöteten forderten eine öffentliche Untersuchung des Falls, der in Großbritannien und in Brasilien für große Empörung und Anteilnahme gesorgt hatte. Es habe offensichtlich einen gewissen „Grad an Inkompetenz“ oder eine schwerwiegende Kommunikationsstörung gegeben, sagte die Anwältin der Familie Menezes, Harriet Wistrich, dem TV-Sender Channel Four. Ein Cousin des Getöteten, Allessandro Pereira, forderte „die ganze Wahrheit über diesen Mord“. Sie müsse veröffentlicht werden.

Richter stimmt Auslieferung zu

Ein italienisches Gericht hat unterdessen am Mittwoch der Auslieferung von einem der mutmaßlichen Rucksackbomber von London zugestimmt. Großbritannien verdächtigt ihn, an den gescheiterten Anschlägen auf Pendler im Nahverkehrssystem im Juli beteiligt gewesen zu sein.

Der in Äthiopien geborene Hamdi Issac solle binnen 35 Tagen ausgeliefert werden, teilte Richter Domenico Massimo Miceli am Mittwoch mit. Issac hat nun zehn Tage Zeit, gegen das Urteil Einspruch einzulegen. Der Verdächtige will seiner Anwältin zufolge in die Berufung gehen.

Anwältin: Ohne Aussicht auf faires Verfahren

Nur Issac wird verdächtigt, gemeinsam mit drei Komplizen am 21. Juli Bombenanschläge auf drei U-Bahnen und einen Bus in der britischen Hauptstadt verübt zu haben. Der auch unter dem Namen Osman Hussein bekannte Mann war am 29. Juli in Italien festgenommen worden und hat bereits eine Beteiligung an den Anschlägen gestanden. Er habe dabei allerdings nicht töten, sondern London lediglich in Schrecken versetzen wollen, hatte Issac gesagt. Die Anschläge verliefen glimpflich, weil die Sprengsätze nicht richtig zündeten. Bei einer ähnlichen Anschlagsserie zwei Wochen waren am 6. Juli waren mehr als 50 Menschen getötet worden.

Nach einer Berufung Issacs hätte das italienische Kassationsgericht 15 Tage Zeit für ein abschließendes Urteil. Damit könnte Issac den britischen Behörden noch vor Ende September überstellt werden, schneller als von Anwälten zunächst erwartet worden war. „Es gibt keine Möglichkeit, daß er (in Großbritannien) ein faires Verfahren bekommt“, sagte die Anwältin Issacs, Antonietta Sonnessa, am Mittwoch vor der Gerichtsentscheidung.

Die italienische Staatsanwaltschaft hatte sich dafür eingesetzt, über eine Auslieferung erst später zu entscheiden. Zuvor müssten die britischen Behörden Italien noch weitere Informationen zukommen lassen, sagte der italienische Staatsanwalt Alberto Cozzella. Der Anwalt, der Großbritannien bei den Anhörungen vertritt, sagte dagegen, der britische Haftbefehl gegen Issac enthalte bereits alle notwendigen Informationen.

Quelle: FAZ.NET mit Material von AP/Reuters
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