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Lockerbie-Attentat Der Verurteilte geht - die Zweifel bleiben

13.08.2009 ·  Drei Tage vor Weihnachten 1988 stürzte eine Boeing 747 auf die schottische Ortschaft Lockerbie. Ob der Libyer Megrahi wirklich der Urheber des Anschlags war, ist unklar. Nun steht seine Freilassung kurz bevor.

Von Johannes Leithäuser, London
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Die vorzeitige Freilassung Abdelbaset Ali al Megrahis beendet voraussichtlich in der kommenden Woche einen der grausamsten und spektakulärsten Terrorfälle des 20. Jahrhunderts - ohne dass dieser vollständig aufgeklärt worden wäre. Drei Tage vor Weihnachten 1988 stürzte die Boeing 747 des PanAm-Fluges 103 auf die schottische Ortschaft Lockerbie.

270 Passagiere, Besatzungsmitglieder und Einwohner des Ortes starben durch den Absturz und die Explosionen am Boden. Mehr als zwölf Jahre nach der Katastrophe wurde der libysche Geheimdienstoffizier Megrahi von einem schottischen Gericht, das in den Niederlanden tagte, für schuldig befunden, die Bombe in das PanAm-Flugzeug geschmuggelt zu haben.

Libyen am Pranger

Dass der Prozess überhaupt stattfinden konnte, war dem Beginn des Annäherungsprozesses an den Westen geschuldet, den der libysche Herrscher Gaddafi seit der Jahrtausendwende steuerte: Nach jahrelangen Weigerungen lieferte Libyen damals Megrahi und seinen - später freigesprochenen - Mitangeklagten Fhimah an die schottische Justiz aus. Libyen bezichtigte sich zwar nie des Lockerbie-Anschlags, erklärte sich in der Folge aber auch zu Schadensersatzzahlungen an die Angehörigen der Opfer bereit, um seine Beziehungen zu den Vereinigten Staaten und den europäischen Ländern weiter normalisieren zu können. Die vorzeitige Haftentlassung des unheilbar krebskranken Megrahi in sein Heimatland könnte Gaddafi als deutliches Zeichen dafür deuten, dass der Normalisierungsprozess zum erfolgreichen Abschluss gekommen ist.

Video: Lockerbie - 20 Jahre nach dem Bomben-Terror

Die libysche Führung nimmt dabei offenbar gerne in Kauf, dass die Freilassung Megrahis alle Zweifel zudeckt, ob er tatsächlich der Bombenleger war - und ob damit Libyen zu Recht wegen dieser Tat international am Pranger stand. Gleich nach dem Abschluss des Verfahrens, das 2001 zu seiner Verurteilung führte, waren Zweifel aufgekommen, ob die vorgelegten Indizien tatsächlich einen Schuldspruch rechtfertigten. Ein österreichischer Wissenschaftler, der von den Vereinten Nationen zum Prozessbeobachter bestimmt worden war, sprach damals von einem „Fehlurteil“.

Zweifel an der Rechtmäßigkeit

Die Zweifel an der Rechtmäßigkeit waren stark genug, um eine schottische Berufungskommission dazu zu bewegen, eine Wiederaufnahme des Falles zuzulassen. Das neue Verfahren wurde im Frühjahr in Edinburgh zwar formell begonnen, ist jedoch durch das Gnaden- und Abschiebeersuchen Megrahis inzwischen faktisch außer Kraft gesetzt. Denn das gegenseitige Auslieferungsabkommen, das Großbritannien inzwischen mit Libyen geschlossen hat - ein weiteres Beispiel der Normalisierung - enthält die übliche Klausel, dass die Überstellung in das andere Land nur geschehen kann, wenn im ausliefernden Land kein juristisches Verfahren gegen den Betreffenden mehr anhängig ist.

Der heute 57 Jahre alte Megrahi war 1988 als Sicherheitschef der libyschen Fluggesellschaft LAA auf der Mittelmeerinsel Malta tätig. Er hatte durch seine Funktion die Möglichkeit, eine Gepäckbombe in einem amerikanischen Flugzeug zu plazieren. Ein zentrales Indiz der Anklage stellte 2001 die Aussage des maltesischen Ladenbesitzers Gauci da, der Megrahi als denjenigen erkannte, der in seinem Geschäft Kinderkleider eingekauft habe - jene Kleidungsstücke, mit denen die Bombe im Koffer des PanAm-Fluges umwickelt war. Doch Gauci war, kurz bevor er den Angeklagten im Gerichtssaal identifizierte, offenbar ein Zeitungsbild Megrahis gezeigt worden; außerdem wurden später die Fasern der Kinderkleider im Bombenkoffer auf ein älteres Herstellungsdatum datiert als die Ware in Gaucis Laden.

Lücke in die Beweisführung

Die schwerste Lücke in die Beweisführung riss jedoch der nachträgliche Widerruf einer Aussage, die der Schweizer Ingenieur Lumpert vor Gericht gemacht hatte. Er war bei einer Produktionsfirma für Zeitschaltungen beschäftigt, die Schalttafeln auch nach Libyen geliefert hatte. Lumpert hatte im Prozess zunächst angegeben, das verkohlte Teilstück eines Zündschalters, der ihm in der Verhandlung vorgehalten wurde, könne aus den Lieferungen nach Libyen stammen. Später wiederrief er diese Aussage und gab an, die nach Libyen gelieferten Schalter hätten eine andere Färbung - braun statt grün - gehabt. Es sei vielmehr möglich, dass das Beweisstück ein Teil eines Zündschalters sei, den er, Lumpert, selber an einen anonymen Fahnder übergeben habe, der ihn ein halbes Jahr nach dem Lockerbie-Absturz in der Schweiz aufsuchte.

Die schottische Regionalregierung wollte am Mittwoch den Bericht des Rundfunksenders BBC nicht bestätigen, wonach die Freilassung Megrahis kurz bevorstehe; sie teilte lediglich mit, eine Entscheidung über das libysche Überstellungsersuchen sei noch nicht getroffen worden. Doch die Indizien dafür mehren sich: Die schottische Justizministerin MacAskill besuchte Megrahi in der Haftanstalt Greenock bei Glasgow, wo er seit einigen Jahren seine Zeit mit „normalen Lebenslänglichen“ zubringt, nachdem er aus dem Hochsicherheitstrakt des Barlinnie-Gefängnisses dorthin verlegt worden war.

Der wirkliche Täter

Die schottische Begnadigungskommission hat überdies wissen lassen, sie habe den Fall Megrahi jüngst erörtert. Als weiteres Zeichen wird gewertet, dass der fünffache Familienvater, der an einem Prostata-Tumor leidet, auf libyschen Wunsch offenbar vor Beginn des Ramadans nach Hause zurückkehren soll, also vor dem Freitag der kommenden Woche. Die schottische Regionalabgeordnete Grahame, in deren Wahlkreis Lockerbie liegt, suchte Megrahi gleichfalls in seiner Haft auf; sie sagte, er sei „sehr krank“ und habe offenbar nicht mehr lange zu leben. Wenn er jetzt aus Barmherzigkeitsgründen entlassen werde, dann sei das nicht nur eine Geste für ihn, sondern auch für die Angehörigen der Opfer in Lockerbie.

Doch die gegen die Minderheitsregierung der Schottischen Nationalen Partei stehenden Oppositionsparteien im Edinburgher Regionalparlament sind offenbar entschlossen, durch Parolen demonstrativer Härte in der Bevölkerung Zustimmung zu sammeln. Sowohl die Liberaldemokraten als auch die Konservativen gaben an, es sei falsch, den Mann zu entlassen, der das „schlimmste Verbrechen“ in Schottland in neuerer Zeit begangen habe. Bei der BBC kamen hingegen auch Bürger von Lockerbie zu Wort, die sagten, sie seien alles andere als sicher, dass Megrahi wirklich der Täter war.

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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent in London.

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