04.05.2009 · Das Städtchen Limerick im Westen Irlands leidet besonders unter der Krise. Denn die Arbeitslosenrate stieg in diesem Jahr um 70 Prozent. Und in den Straßen bekriegen sich zwei Drogenbanden bis aufs Blut - Kalaschnikows, Uzis und Granatwerfer inklusive.
Von Jochen StahnkeIn Limerick herrschen Zustände wie in der Dritten Welt - das zumindest behaupten Abgeordnete aus dem Petitionsausschuss des Europäischen Parlaments, die in Brüssel vor kurzem eine Delegation von Unternehmern und Lokalpolitikern aus der Stadt im Westen Irlands empfangen haben.
In Limerick gibt es das wohl günstigste Heroin Nordeuropas, zwei waffenstarrende Gangs und eine der höchsten Mordraten in der Europäischen Union. Und auch wirtschaftlich steht es schlecht um die Stadt mit ihren etwa 90.000 Einwohnern. So will der größte Arbeitgeber der Region, der Computerhersteller Dell, zum Ende des Jahres sein Werk in Limerick schließen, Tausende Arbeitsplätze gehen verloren.
„Es ist schlimm momentan“
Limericks Bürgermeister John Gilligan sieht mit seinem wohlgenährten Gesicht und den roten Wangen nicht aus, als bereite ihm dies schlaflose Nächte. Im Juni vergangenen Jahres wurde Gilligan gewählt; er ist beliebt, auch, weil er keiner Partei angehört. Hier im Westen Irlands wurde er geboren, hier hat er 18 Jahre lang als Stadtrat gearbeitet.
Von dem Balkon vor seinem Büro hat Gilligan einen schönen Blick auf den Shannon, Irlands längsten Fluss; linker Hand liegt die Ruine der King John's-Burg, rechts beginnen Irlands grüne Wiesen. Um die Ecke bewirbt ein Restaurant seine Menüs als „Rezessions-Knacker“. „Es ist schlimm momentan“, sagt Gilligan. „Und eines will ich auch gar nicht schönreden - dass es noch schlimmer wird.“ Im Vergleich zum vergangenen Jahr ist die Zahl der Arbeitslosen in Limerick um 70 Prozent angestiegen; jetzt liegt die Arbeitslosenrate offiziell bei zwölf Prozent. Bis zum Ende des Jahres erwartet Gilligan eine Rate von 25 Prozent.
Katzen, Hunde und Ponys an jeder Ecke
In Vierteln wie Moyross dürfte sie schon jetzt über 50 Prozent liegen. Vor allem die Zustände dort waren Anlass der Schelte aus Brüssel. So könne es nicht weitergehen, ereiferte sich ein rumänischer Abgeordneter. Er hat nicht ganz Unrecht: An der Straßenecke am Saint Mary's Park steht ein ausgebranntes Auto vor einer Häuserzeile, in der jede dritte Fensterscheibe mit Brettern vernagelt ist.
Schilder mit der Aufschrift „Zu vermieten“, wie sie im schmucken Zentrum Limericks oft zu sehen sind, werden hier schon gar nicht mehr aufgestellt. Junge Mütter stehen in schmutzigen Trainingsanzügen an der Straße und rauchen, etliche von ihnen sind übergewichtig. Der Müll schichtet sich vor den Häusern; mancherorts wird er angezündet, ein süßlich-scharfer Geruch liegt über dem Viertel. Überall spielen Kinder, streunen Katzen, bellen Hunde, suchen Ponys und Pferde nach Essbarem - sie werden hier überall dort gehalten, wo es möglich ist.
5000 Menschen haben buchstäblich nichts
Auf der Hauptstraße veranstalten fünf Männer ein offenbar spontanes Trabrennen, ihre Pferde befinden sich in erbärmlichem Zustand. Die Polizei, die innerhalb einer halben Stunde viermal die Straße auf- und abfährt, scheint daran keinen Anstoß zu nehmen. Sie hat Wichtigeres zu verhindern: Vor ein paar Wochen ist hier ein 18 Jahre alter Junge erstochen worden. Frank O'Dea, der Priester der Corpus-Christi-Kirche in Moyross, hat ihn beerdigt. „Hier leben 5000 Menschen und haben buchstäblich nichts“, sagt Pater Frank. Kein Café, keinen Supermarkt, kein Sonnenstudio, nicht einmal ein Pub gibt es hier.
Und seit 2001 tobt in Moyross ein mörderischer Krieg zwischen zwei Gangs, der schon viele Opfer gefordert hat und Limerick den Ruf „Stab City“ eingebracht hat - „Erstech-Stadt“. In Moyross herrschen die Keane-Collopies, während in Ballinacurry Weston im Süden Limericks die Dundon-McCarthys dominieren. Zum Waffenarsenal der Gangs gehören Kalaschnikows, Uzis und Granatwerfer. Über die zerklüftete und dadurch Tausende Kilometer lange Westküste Irlands führen die Banden Drogen ein; für die Region um Galway steht der irischen Küstenwache nur ein Schiff zur Verfügung. Über den Shannon gelangen Kokain, Heroin und Waffen nach Limerick. „Eine alte Stadt, versiert in der Kunst des Krieges“ steht unter dem Wappen Limericks - der Leitspruch hat heute unfreiwillige Gültigkeit.
„Lass sie Granatwerfer haben, wir kriegen sie alle“
Versiert gehen die Gangs allerdings nicht immer vor: Vor einem Monat schoss sich ein Gang-Anführer versehentlich eine Kugel in den Kopf, als er auf einer Party mit seiner Waffe prahlte. Vor einem Jahr erschossen die Dundon-McCarthys einen Jungen, der nach einem für sie ausgeführten Auftragsmord unter Panikattacken litt und damit drohte, die Polizei zu informieren. Im November wurde ein bekannter Rugbyspieler ermordet, weil er einem verfeindeten Gangmitglied ähnlich sah.
„Lass sie Granatwerfer haben, wir kriegen sie alle“, sagt Bürgermeister Gilligan, während er seine Füße auf den Tisch in seinem Büro legt, wo schon ein Glas Wein steht. Hundert bewaffnete Polizisten habe man als Verstärkung schon seit einigen Monaten im Einsatz. Am Donnerstag vergangener Woche wurden 40 Gebäude in Ballinacurra Weston durchsucht. Gilligan sagt, er glaube fest an eine positive Zukunft: „Wir haben schon Hungersnöte überlebt, da werden wir auch diese Krise überstehen.“ In der Eingangshalle des Rathauses liegt ein Kondolenzbuch aus - Anfang April wurde der 35 Jahre alte Roy Collins vor einem Pub in Ballinacura Weston ermordet. Der Geschäftsmann, dessen Familie das Pub mitsamt angrenzendem Einkaufszentrum gehört, hatte den Dundon-McCarthys verboten, auf ihrem Gelände Drogen zu verkaufen.
Zweimal täglich brennt ein Auto
Marty Mannering ist Feuerwehrmann. Seine Wache befindet sich in der Mulgrave Street, direkt neben dem Gefängnis. „Heute habe ich zwei ausgebrannte Autos gelöscht, ein ganz normaler Tag“, sagt der 44 Jahre alte Familienvater. Viel Unterstützung bekommen er und seine Kollegen nicht. Das Feuerwehrauto ist übersät mit Dellen und Kratzern, die Folge unzähliger Steinwürfe wütender oder gelangweilter Jugendlicher. Vor fünf Jahren habe Mannering selbst mal einen Stein abbekommen. Zehn Tage lag er daraufhin im Krankenhaus. Seit 17 Jahren lebt Mannering in Limerick, seit neun ist er bei der Feuerwehr. Zu Einsätzen in Moyross und Ballinacurry Weston fahren er und seine Kollegen nur noch zusammen mit einer Polizeieskorte. Dabei kriegen sie mittlerweile weniger Geld als früher: Im Durchschnitt wird Angestellten im öffentlichen Dienst in Irland 7,5 Prozent des Gehaltes als sogenannter Pensionsbeitrag einbehalten, zudem sind Steuern wie die Mehrwertsteuer erhöht worden. Mannering sagt, er bekomme nur noch zwei Drittel seines früheren Gehalts.
Dass es in Limerick demnächst besser wird, steht nicht zu erwarten. Seit zwei Jahren wusste man hier, dass Dell im polnischen Lodz eine doppelt so große Fabrik baut, auch Arbeiter aus Limerick waren daran beteiligt. Polen lockt mit niedrigen Unternehmenssteuern, geringerem Lohnniveau und EU-Fördergeldern - Faktoren, die einst dem „keltischen Tiger“ Irland zum Boom verhalfen, ehe Löhne, Lebenshaltungskosten und Immobilienpreise drastisch stiegen. Seinen 1900 Arbeitern in Limerick hat Dell schon gekündigt. „Und an jedem dieser Arbeitsplätze hängen zehn weitere in den Zulieferfirmen“, sagt Bürgermeister Gilligan.
Kaffee schenkt im Arbeitsamt niemand aus
Seine Familie steht gleichsam sinnbildlich für die Krise in der Stadt, die mittlerweile auch den Mittelstand erreicht hat: Sein Schwiegersohn war bei Dell beschäftigt, auch ihn hat die Kündigung getroffen. Gilligans Tochter arbeitete bei Vodafone, ihr wurde vor drei Wochen gekündigt. „Was sollen sie machen, die haben eine Hypothek, zwei Autos und zwei Kinder“, sagt Gilligan. Neue Stellen haben die beiden nicht in Aussicht. Und auch Limerick erwartet einstweilen keine neuen Inverstoren. Gilligans Rezept gegen die Krise ist so pragmatisch wie fragwürdig: „Wir gehen jetzt in den Überlebensmodus.“
Der führt diejenigen, die nun ihre Stelle verloren haben, ins Arbeitsamt - unter ihnen viele Polen. Der 30 Jahre alte Tomasz Smietanka hat beim Computer-Zulieferer Banta gearbeitet, ist seit Januar arbeitslos. Nach Polen möchte er aber nicht zurück - die Löhne seien kaum besser als das, was er hier jetzt an Arbeitslosengeld kassiert: Etwas mehr als 800 Euro bekommt in Irland jeder, der vor weniger als einem Jahr seine Arbeit verloren hat, gleich, um welche es sich gehandelt hat. Der 59 Jahre alte Francis McMahon hat hingegen schon vor drei Jahren seine Stelle als Flugabfertiger verloren. Früher, sagt McMahon, hätten die Menschen bei Rooney Schlange gestanden, einem Immobilienmakler. Damals explodierten die Immobilienpreise, jeder wollte mitverdienen. Dort sei den Wartenden sogar Kaffee ausgeschenkt worden. Jetzt stehen sie hundert Meter weiter nördlich in der Dominic Street, dem Arbeitsamt. Aber Kaffee schenkt dort niemand aus.