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Libysche Menschenschmuggler : Heute Schleuser, morgen Partner

Erzwungene Rückkehr: Migranten, die im Mai von Sabratha aus gestartet waren, werden nach Tripolis gebracht. Bild: ddp Images

Libysche Milizenchefs bekommen offenbar Geld dafür, den Menschenschmuggel nach Europa zu unterbinden. Vor Ort stößt das auf scharfe Kritik.

          Der Bürgermeister von Sabratha ist einer der Unzufriedenen. Er giftet gegen die Abmachung mit Milizführern aus seiner Stadt, die dazu beigetragen haben dürfte, dass derzeit in Italien nur noch wenige Migranten ankommen. „Wir werden diesen Deal weder anerkennen, noch werden wir Teil davon sein“, verkündet Hassen Dhawadi. Das habe er auch den Italienern gesagt, die hätten aber abgestritten, etwas damit zu tun zu haben. Die Regierung in Tripolis habe ihre Beteiligung ebenfalls dementiert. Dhawadi steht dem örtlichen Rat vor, der die Verwaltung der libyschen Küstenstadt organisiert, die zuletzt eine wichtige Drehscheibe im Menschenschmuggel nach Europa war. In diesem Sommer, eigentlich Hochsaison für das Schleusergeschäft, sind die Zahlen drastisch zurückgegangen. Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) gelangten zwischen dem 1. und 30. August nur noch 3892 Migranten über die Mittelmeeroute nach Italien, vor einem Jahr waren es im gleichen Monat noch 21 294 Menschen gewesen.

          Christoph  Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Ein Grund für den Rückgang ist der Handel, von dem Lokalpolitiker wie Dhawadi, Mitarbeiter von Hilfsorganisationen vor Ort und politische Beobachter übereinstimmend berichten: Italienische Unterhändler hätten eine Übereinkunft mit mächtigen örtlichen Milizen erreicht, die nun gegen großzügige Vergütung die Schleuseraktivitäten im Auftrag der „Regierung der Nationalen Übereinkunft“ in Tripolis unterbinden. Derzeit scheint das Arrangement in Sabratha gut zu funktionieren. Von dem Küstenstreifen um die Stadt legen kaum noch Boote ab. Ein IOM-Sprecher berichtete, ihm hätten Ankömmlinge erzählt, dass es deutlich schwerer geworden sei, von Sabratha aus in See zu stechen. „Da sind Leute, die die Boote stoppen, bevor sie ablegen, und wenn sie es doch tun, werden sie sofort wieder zurückgeschickt.“ Aber das Geschäft ist heikel. Denn die Kommandeure dieser Brigaden, die jetzt die Strände abriegeln, waren vorher die Paten im Schleusergeschäft. Es herrschen daher große Zweifel, dass die Ruhe von Dauer ist.

          Europa steht unter Druck

          Der Handel von Sabratha ist ein weiteres Zeichen für den Handlungsdruck, unter dem sich Europa und allen voran Italien angesichts des Migrationsstromes aus Libyen sieht – und dafür, wie schlecht es um die unter UN-Vermittlung eingesetzte und von der EU massiv unterstützte „Regierung der Nationalen Übereinkunft“ von Ministerpräsident Fajez Serradsch steht. Nach den Sprechzetteln der europäischen Regierungen sollen die Übereinkunftsregierung und ihre Küstenwache zu einem Bollwerk gegen den Menschenschmuggel aufgebaut werden. Aber Sarradsch ist schwach. Seine eigene Regierung ist gespalten, er wird von verschiedenen Seiten herausgefordert: Vom mächtigen Kriegsfürsten Khalifa Haftar, dem Armeechef einer Gegenregierung im Osten Libyens. Von Teilen der alten Führung in der Hauptstadt Tripolis, die sich weigern, ihren Platz für Serradsch und seine Mannschaft zu räumen. Von den Milizen, die das Land dominieren. Sie sind die wahren Herrscher in den Straßen, kontrollieren wichtige Ölanlagen und Verkehrsrouten. Sie sind Alliierte, die, wenn es ihnen passt, die Seiten wechseln. Die Übereinkunftsregierung hat, um sich halten zu können, Zweckbündnisse mit Milizen geschlossen und stützt sich auch auf Brigaden, die eher in dem Ruf stehen, Mafiabanden als Ordnungshüter zu sein. Viele Libyer lehnen die Serradsch-Regierung ab. Die Wirtschaft des Landes liegt trotz der Öleinnahmen am Boden. Nur Schwarzmarkt und Schmuggel florieren.

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