29.08.2011 · Der große Rachefeldzug der Rebellen ist bislang ausgeblieben, Plünderungen beschränken sich auf Regierungsgebäude. Das Schicksal der gefangenen Gaddafi-Kämpfer hängt davon ab, in wessen Hände sie fallen.
Von Kurt Pelda, TripolisDie Autobahn zum Flughafen von Tripolis ist gespenstisch leer und wirkt unheimlich. Gibt es hier noch versteckte Kämpfer oder Scharfschützen Gaddafis? Obwohl in der Stadt akuter Wassermangel herrscht, laufen zu beiden Seiten des Asphaltbands Sprinkleranlagen, die Pflanzungen mit Fruchtbäumen und Reben bewässern. Im Schatten einer Brücke taucht endlich eine Straßensperre der Rebellen auf. Damit ist klar, dass der Weg zum Flughafen unter ihrer Kontrolle ist. Aber bei den Abflugterminals ist am Wochenende die Reise in der letzten Deckung vor dem Rollfeld vorerst zu Ende. Über die Köpfe einiger Sanitäter, die vor der leeren Flughafenklinik auf Verwundete warten, surren immer noch gelegentlich Kugeln. Jenseits der Startbahn steigt dunkler Rauch auf. Dort haben Nato-Flugzeuge Bomben abgeworfen. „Komm morgen wieder vorbei“, sagen die Sanitäter. „Dann wird es hier sicher sein, und wir können uns Gaddafis Privatflugzeug angucken.“
Am nächsten Tag ist die Autobahn schon etwas belebter. Wie überall in Tripolis kehren die Bewohner langsam auf die Straßen zurück, doch von Normalität scheint die Hauptstadt noch weit entfernt zu sein. Diesmal fährt das Auto bis auf das Rollfeld, vorbei an einem völlig ausgebrannten Flugzeug der libyschen Fluggesellschaft Afriqiyah. Auf ihrem Rückzug hatten Gaddafis Truppen den Flughafen mit Raketen und Flugabwehrkanonen beschossen. Mehrere Flugzeuge wurden zerstört oder beschädigt. Vor der Abflughalle stehen noch rund ein Dutzend ziviler Flieger, außer einer riesigen Transportmaschine alles Verkehrsflugzeuge. Ein vierstrahliger Airbus A 340 diente Gaddafi als Privatflugzeug. Unter dem Cockpit klaffen Löcher von Granatsplittern, und dahinter erinnert die Aufschrift 9999 an den 9. September 1999, den Tag, als die versammelten Staatsoberhäupter Afrikas in Gaddafis Heimatstadt Sirte gelobten, die Vereinigten Staaten von Afrika zu gründen. Daraus ist nichts geworden – wie aus so vielen anderen von Gaddafis hochtrabenden Plänen.
„Willkommen in Gaddafis Privatjet“
Noch befindet sich die Gangway bei einer Boeing-737, deren Triebwerke die Rebellen gerade testen. Die Sanitäter von gestern kommen mit ihrer Ambulanz angebraust, und kurze Zeit später fährt Flughafenpersonal die Gangway mit dem roten Teppich heran. „Willkommen in Gaddafis Privatjet“, sagt ein Kämpfer lachend. „Damit wird der Strubelkopf nicht mehr in der Welt umherfliegen.“ Im Innern des Flugzeugs ist es dunkel. In der Nähe des Cockpits befindet sich Gaddafis Schlafzimmer mit einem Doppelbett und einem Sofa daneben. Ein Koran liegt auf einer Kommode. Wer goldene Verzierungen erwartet hat, wird enttäuscht. Nach dem Schlafzimmer folgt der Salon mit einer langen Couch und drei Sesseln. In der Ecke steht ein künstliches Blumenarrangement. Die Inneneinrichtung wirkt protzig, Geschmack war nicht die Stärke des Gaddafi-Clans.
Die Rebellen im Privatflugzeug drängen plötzlich zur Eile. „Unsere Kameraden haben Gefangene gemacht, schnell“, rufen sie und drängen die Gangway hinab. Einige hundert Meter von der Abflughalle entfernt befindet sich das Hauptquartier der Einheit, die den Flughafen bewacht. Ein Kleinlastwagen fährt vor, auf der Ladefläche etwa 30 dunkelhäutige junge Männer in Zivilkleidung, deren Hände mit Plastikbändern auf dem Rücken zusammengebunden sind. Sie versuchen zu gestikulieren und beschweren sich im Vorbeifahren lautstark über ihre Fesseln. Auf dem Parkplatz dürfen sie absteigen und müssen sich in einer Reihe aufstellen. Sie geben alle an, aus Sebha zu stammen, Gaddafis Garnisonsstadt im Süden des Landes. Die Rebellen glauben ihnen nicht. Einer der Gefangenen wird auf die Knie gezwungen und erhält ein paar Fußtritte. Daraufhin darf er aufstehen und mit dem Kommandanten der Revolutionäre sprechen. Überraschend durchtrennen diese seine Handfesseln. Die umherstehenden Kämpfer erzählen, der Mann sei mit einer Bombe erwischt worden. Auch seine Kameraden hätten bei der Gefangennahme alle Waffen getragen. Es seien ohne Zweifel Kämpfer Gaddafis.
Großer Rachefeldzug bislang ausgeblieben
Nur wenige Schritte entfernt sitzen nochmals rund 30 Kriegsgefangene am Boden, ohne Fesseln. Im Gegensatz zu den Neuankömmlingen befinden sie sich schon länger in Haft, und sie geben zu, aus Ländern wie Mali, Tschad oder Sudan zu stammen. Ein besonders hellhäutiger Mann sagt, er sei Libyer und guten Mutes, denn die Rebellen würden ihn jetzt freilassen. Tatsächlich stellt sich gerade einer der Kommandanten vor den Gefangenen auf und verkündet, dass ihr weiterer Verbleib im Gewahrsam der Revolution mit dem Islam unvereinbar sei. Daraufhin führen die Rebellen die Gefangenen in ihr Hauptquartier, wo die Entlassungspapiere ausgestellt werden sollen. Auch wenn ausländische Journalisten Misshandlungen von Gefangenen selten zu Gesicht bekommen, gibt es hartnäckige Berichte über summarische Exekutionen von Gaddafi-Kämpfern durch die Aufständischen. Wahrscheinlich hängt das Schicksal von Gefangenen vor allem davon ab, in wessen Hände sie fallen. Es gibt einigermaßen aufgeklärte Gruppen wie jene am Flughafen und andere, die mit schwarzafrikanischen Söldnern kurzen Prozess machen.
Aber der große Rachefeldzug ist bis jetzt ausgeblieben. Die Plünderungen haben sich auf Regierungsgebäude beschränkt, während private Geschäfte verschont blieben. Äußerlich völlig unversehrt geblieben sind im Stadtzentrum von Tripolis auch große Hotels wie das Grand Hotel und das Marriott Hotel – und sogar das nach Gaddafis Tochter Aischa benannte Einkaufszentrum.
auch viele Libyer, vor allem im Fezzan sind schwarzhaeutig. Die Hatz auf die
Torsten Krause (tkrause)
- 30.08.2011, 01:22 Uhr
Schwarzafrikaner kurzer Prozess ... es wird ein Echo geben!
Gunnar Sturm (Tangram)
- 29.08.2011, 23:01 Uhr