18.07.2007 · Saif al Islam, Sohn des libyschen Revolutionsführers, macht durch staatsmännisches Auftreten auf sich aufmerksam. Dass er bald eine wichtige Rolle in Libyen spielen wird, zeichnet sich bereits ab.
Von Hans-Christian RösslerEs waren anfangs wohl seine beiden weißen bengalischen Tiger Freddo und Barny, denen Saif Islam al Gaddafi seine Bekanntheit in Europa verdankt. Ende der neunziger Jahre bestand der Sohn des libyschen Revolutionsführers darauf, dass die Raubtiere ihn zu seinem Wirtschaftsstudium nach Wien begleiten. Erst nach erheblichen diplomatischen Wirrungen fanden sie im Schönbrunner Zoo Asyl. Exzentrische Vorlieben und Beschäftigungen sind unter den acht Gaddafi-Kindern nicht ungewöhnlich: Saifs Bruder Saadi versuchte sich erfolglos in Italien als Profifußballer, Schwester Aisha gehörte zu den Verteidigern von Saddam Hussein.
Der 35 Jahre alte Saif al Islam („Schwert des Islam“) macht jedoch längst durch staatsmännisches Auftreten auf sich aufmerksam. Ein weiteres Mal hat er sich jetzt mit einem Vermittlungserfolg für höhere Aufgaben im „Volksmassenstaat“ seines Vaters empfohlen, der seinen ältesten Sohn aus zweiter Ehe gerne für heikle Missionen einsetzt. Denn seit vielen Jahren belastete der Rechtsstreit um die bulgarischen Krankenschwestern und den palästinensischen Arzt die Beziehungen zum Westen; aber auch innenpolitisch setzte die Massenifizierung mit dem Aidserreger HIV im Krankenhaus von Bengasi die Regierung unter starken Druck.
Saif Gaddafi: System reformieren
Erst die Entschädigungslösung für die Familien der infizierten Kinder brachte die Wende: Die von Saif Gaddafi 1997 gegründete und geleitete Gaddafi-Stiftung hatte sie zustande gebracht - ähnlich wie zuvor die Entschädigung für die Opfer der Anschläge auf ein amerikanisches und ein französisches Verkehrsflugzeug über Schottland und Niger sowie des Attentats in der Berliner Diskothek „La Belle“; auch bei der Befreiung deutscher und anderer Geiseln auf der Insel Jolo hat die Stiftung gute Dienste geleistet.
Es ist unklar, ob es an seiner Beschäftigung mit diesen politischen Altlasten lag oder seinen Erfahrungen während der Studienjahre in Wien und London: Saif Gaddafi, der neben Wirtschaftswissenschaften auch Architektur studiert hat, macht mittlerweile keinen Hehl daraus, dass das politische System Libyens, das sein Vater erfunden hat, dringend reformiert werden muss.
Sein Vater denkt noch nicht ans Aufhören
Schonungslos, wie es wohl sonst kaum jemand anderes in Libyen dürfte, bemängelt er fehlende Rechtssicherheit und verlangt, die marode Staatswirtschaft durch eine soziale Marktwirtschaft zu ersetzen. Viele junge Libyer, die auch seine Vorliebe für Designeranzüge aus den Schneidereien der früheren Kolonialmacht Italien und einen kahlgeschorenen Schädel teilen, scheinen ähnlich zu denken; aber auch bei moderaten Islamisten sollen seine Ideen Anklang finden.
Nur seinen Vater spart er in seiner Kritik aus. Und der lässt ihn gewähren. Er ist zwar der dienstälteste Herrscher in der arabischen Welt, ist aber erst 65 Jahre alt und denkt noch nicht ans Aufhören. Dass sein Sohn in der Zeit nach ihm eine wichtige Rolle spielen wird, zeichnet sich schon heute ab. Dabei interessiert Saif Gaddafi sich nicht nur für Politik. Von seinem Vater habe er die Neigung zur Religion und eine Vorliebe fürs Lesen geerbt, erzählte er einmal. Während der Revolutionsführer selbst gerne Bücher schreibt, malt Seif Gaddafi lieber. Seine Bilder waren auch schon in Berlin zu sehen. Der Ausstellung gab er damals den Titel „Die Wüste schweigt nicht“.
Hans-Christian Rößler Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.
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