24.05.2009 · Die libanesische Hizbullah und nicht Syrien soll für den Mord am früheren libanesischen Ministerpräsidenten Hariri verantwortlich sein. Darauf weisen jetzt Dokumente des UN-Sondertribunals zur Aufklärung des Attentats hin.
Von Rainer HermannAuftraggeber des Mords am früheren libanesischen Ministerpräsidenten Hariri soll nicht Syrien, sondern die libanesische Hizbullah gewesen sein. Die Zeitschrift „Spiegel“berichtete unter Berufung auf Einsicht in Dokumente des Sondertribunals der Vereinten Nationen zur Aufklärung des Attentats, eine Sondereinheit der Hizbullah habe den Mord auch durchgeführt. Namen wurden in dem Bericht indes nicht genannt.
Auf diese Spur, die Syrien entlasten würde, seien die Ermittler über zwei Gruppen von Mobilfunkbenutzern gekommen, heißt es in dem Bericht. Der libanesische Sicherheitsoffizier Wissam Eid, der im Januar 2008 bei einem Anschlag getötet wurde, habe die Benutzer von acht Mobilfunkgeräten identifiziert, die in Tripolis gekauft, sechs Wochen vor dem Attentat aktiviert und lediglich von der gleichen Gruppe benutzt worden seien. Um sie herum identifizierten die Ermittler einen zweiten Ring mit 20 Mobilfunkgeräten.
Motiv möglicherweise die große Popularität Hariris
Alle Nummern seien auf den militärischen Arm der Hizbullah zurückzuführen, in deren Zentrum Hajj Salim gestanden habe, der heutige Chef des militärischen Arms der Hizbullah. Seine Sondereinheit habe direkt dem Generalsekretär der Hizbullah, Nasrallah, berichtet. Hajj Salim hat nach der Ermordung von Imad Mughniyah in Damaskus die Führung des gesamten militärischen Flügels der Hizbullah übernommen. Er berichte in dieser Funktion neben Nasrallah auch einem General der iranischen Revolutionswächter mit Namen Kassim Sulaimani in Teheran, hieß es. Zudem hätten die Ermittler das Mitglied der Hizbullah ausfindig gemacht, das den Kleinstlastwagen erworben habe, der den Sprengstoff transportiert habe. Auch sei die Spur des Sprengstoffs nachverfolgt worden. Dem Sondertribunal lägen diese Erkenntnisse seit einem Monat vor. Aus Furcht, dass sechs Wochen vor den Parlamentswahlen die Bekanntgabe die Lage im Libanon anheizen könne, halte es sie zurück.
Vor einem Jahr hatte die Hizbullah einen Konflikt mit der Regierung genutzt, um vorübergehend Beirut militärisch unter Kontrolle zu bringen. Für die These der Täterschaft der Hizbullah könnte sprechen, dass das Sondertribunal am 29. April vier ranghohe libanesische Sicherheitsoffiziere wieder auf freien Fuß gesetzt hat, die wegen einer mutmaßlichen Beteiligung am Mord an Hariri Ende 2005 verhaftet worden waren. Sie waren in enger Verbindung zu Syrien gestanden hatten. Freigelassen wurden sie aufgrund unzureichender Beweise. Motiv der Hizbullah wäre möglicherweise die große Popularität Hariris gewesen, der den seither unaufhaltsamen Aufstieg der Hizbullah hätte verhindern können.
Viele Verantwortliche in der Hizbullah wurden ermordet
Allerdings ist nicht eindeutig, auf welche neuen Erkenntnisse sich der Bericht der Zeitschrift stützt. Seit 2006 ist das enge Netz von acht Mobilfunkgeräten bekannt, über die sich die Attentäter in den Minuten vor und nach dem Attentat am Tatort verständigt hatten. Damals hatte es geheißen, die acht hätten sich mit einem kurzfristig eingerichteten Posten des syrischen Geheimdienstes abgestimmt, der in der Nähe des Tatorts gelegen habe. Der „Spiegel“-Bericht geht nicht darauf ein, ob nun andere Personen als Benutzer der acht Telefone verdächtigt würden.
Derweil nimmt der Druck auf das Sondertribunal nimmt zu, zu dem Bericht Stellung zu nehmen. Möglicherweise hatte es in den vergangenen Jahren neue Zeugenaussagen erhalten, die bisher nicht bekannt sind. Die Verifizierung des Berichts ist umso schwieriger, als viele Personen, die - wie Mughniyah und Eid - damals in der Hizbullah operative Verantwortung hatten oder den Mordfall Hariri aufklären wollten, ermordet worden sind.
„Al Manar“ verurteilte den Bericht als eine „Erfindung“
Sollte sich die Täterschaft der Hizbullah erhärten, nähme der Druck auf die Schiitenorganisation zu. Ägypten hatte jüngst eine Zelle von Mitgliedern der Hizbullah ausgehoben, die offenbar Unruhen hätten vorbereiten sollen. Die Hizbullah war seit einigen Wochen wieder in der Offensive. Nasrallah hatte am 18. Mai bekannt gegeben, er habe seine Kämpfer in Bereitschaft versetzt, jederzeit auf einen Krieg mit Israel gefasst zu sein. Vorgegebener Anlass war, dass sich einige Libanesen, die offenbar für Israel spioniert hatten, nach Israel absetzten. Bekannt wurde der Fall des Mathematikprofessors Elie Hayek. Eine unbekannte Zahl von mutmaßlichen Spionen ist im Libanon jüngst verhaftet worden. Die Hizbullah nutzte diese Vorfälle, um die Spannungen an der Grenze zu Israel zu erhöhen, sich als Hüter der territorialen Unversehrtheit des Landes zu präsentieren und vielleicht auch von den Erkenntnissen des Sondertribunals der Vereinten Nationen abzulenken.
Ein Sprecher von Saad Hariri, des Sohnes des ermordeten Rafik al Hariri, sagte, er wolle nur Informationen kommentieren, die direkt vom Sondertribunal kämen. Der Fernsehender der Hizbullah, „Al Manar“, verurteilte den Bericht als eine „Erfindung“. Die Hizbullah hält gegenwärtig 14 der 128 Parlamentsmandate und hatte gehofft, die Zahl ihrer Sitze im Parlament am 7. Juni deutlich zu erhöhen.
Wers glaubt....
Günter Busse (guenter.b)
- 25.05.2009, 00:16 Uhr
Rainer Hermann Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.
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