14.02.2005 · Nach dem verheerenden Bombenanschlag in der libanesischen Hauptstadt, bei dem der frühere Ministerpräsident Rafik Hariri und zwei weitere ehemalige Minister getötet wurden, wächst die Sorge vor einem blutigen Konflikt.
Fünfzehn Jahre nach dem Ende des blutigen Bürgerkrieges kehrte am Montag das Grauen nach Beirut zurück. Ein tödliches Attentat auf den früheren libanesischen Ministerpräsidenten Rafik Hariri hat die politischen Spannungen im Libanon verschärft.
Neben der bestimmenden Persönlichkeit in der libanesischen Politik im vergangenen Jahrzehnt kamen bei dem Anschlag in einem belebten Viertel im Westen von Beirut direkt am Mittelmeer neun weitere Menschen ums Leben. Dutzende Menschen wurden verletzt. Vermutlich wurde die heftige Explosion durch eine Autobombe verursacht. Umliegende Gebäude wurden schwer beschädigt.
Tödliche Sprengkraft
Nach Angaben aus Sicherheitskreisen enthielt die Bombe rund 300 Kilogramm des Sprengstoffs TNT. Vier Leibwächter Hariris und zwei weitere ehemalige Minister kamen ums Leben. Es handle sich um Samir al-Jisr und Bassel Fleihane, berichtete der Sender LBCI. Der Tod Hariris wurde von der amtlichen Nachrichtenagentur ANI bestätigt.
Am Nachmittag bekannte sich eine bisher unbekannte angeblich islamistische Gruppe für sich, die Bluttat begangen zu haben. In einem vom arabischen Fernsehsender Al Dschazira ausgestrahlten Video erklärte ein Mann, eine Gruppe namens „Sieg und Dschihad im Lande Al-Scham (Groß-Syrien)“ habe Hariri ermordet, weil dieser ein „Agent“ Saudi-Arabiens gewesen sei.
Der Anschlag war der schwerste in Beirut seit 1991. Damals tötete - ein Jahr nach Ende des jahrelangen Bürgerkriegs - eine Autobombe 16 Menschen. Danach blieb es in der libanesischen Hauptstadt, die einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebte, weitgehend ruhig.
Grauen im Touristenviertel
Die Detonation ereignet sich, als der Autokonvoi Hariris durch das belebte Geschäftsviertel an der Corniche fuhr. Die Bombe riß einen riesigen Krater in die Straße. Der Anschlag war trotz des Ausmaßes der Zerstörung offenbar ein gezieltes Attentat auf den früheren Ministerpräsidenten. Mehrere Gebäude wurden verwüstet, darunter eine Filiale der britischen HSBC-Bank.
Libanesische Fernsehsender zeigten Bilder von verkohlten Leichen, zerstörten Gebäuden und Autos in Flammen. Die Explosion ereignete sich in der Nähe der Hotels St. George und Phoenicia am Meer. Starker Rauch und mehrere Meter hohe Flammen verhinderten die Rettung von Menschen, die in ihren Fahrzeugen eingeschlossen waren.
Opposition gegen Syrien
Hariri war zunächst ins Krankenhaus der Amerikanischen Universität eingeliefert worden, wo er nach Angaben aus Sicherheitskreisen seinen schweren Verletzungen erlag. Der Politiker sei auf dem Weg von der Innenstadt, wo er mit Parlamentsabgeordneten Kaffee getrunken hatte, nach Hause gewesen, berichtete einer seiner überlebenden Leibwächter der Deutschen Presse-Agentur.
Als der Konvoi in das Viertel an der Corniche eingefahren sei, seien die installierten Sprengstoff-Spürgeräte abgeschaltet worden, sagte der Leibwächter, ohne Gründe zu nennen.
Hariri war im vergangenen Oktober nach einem Machtkampf mit dem Syrien-freundlichen Präsidenten Émile Lahoud als Ministerpräsident zurückgetreten. Der Politiker war auch ein milliardenschwerer Geschäftsmann und hatte sich in jüngster Zeit hinter die Forderung oppositioneller Gruppierungen im Land gestellt, daß Syrien seine Rolle als Ordnungsmacht im Libanon vor den Wahlen im Mai aufgeben müsse. Ein Befürworter des syrischen Abzugs
Sorge vor blutigem Konflikt
Staatspräsident Emile Lahud, ein langjähriger politischer Rivale Hariris, bezeichnete den Anschlag in einer Erklärung als „einen dunklen Punkt in unserer Geschichte“. Der Oberste Verteidigungsrat rief nach einer Krisensitzung eine dreitägige Staatstrauer aus. Dem Gremium, dem der Staatspräsident, das Sicherheitskabinett und führende Vertreter der Streitkräfte
angehören, wies die Sicherheitskräfte an, alles zu tun, um die Ordnung aufrechtzuerhalten.
Beobachter befürchten, daß nach dem gewaltsamen Tod Hariris der anhaltende Streit um die Rolle Syriens im Land abermals in einen blutigen Konflikt münden könnte.
„Furchtbare kriminelle Tat“
Die Europäische Union, die amerikanische Regierung und auch Libanons Schutzmacht Syrien verurteilten das Attentat. Frankreich verlangte eine eingehende Untersuchung. Der EU-Außenbeauftragte Javier Solana verurteilte die „abscheuliche“ Tat und nannte Hariri „einen Mann des Friedens und einen großen Freund“, der dem jahrelangen Bürgerkrieg 1990 ein Ende gesetzt habe. Der Sprecher des Weißen Hauses, Scott McClellan, sagte, das Attentat erinnere auf schreckliche Art daran, „daß das libanesische Volk in der Lage sein muß, seine Ziele zu verfolgen und seine politische Zukunft frei von Gewalt, Einschüchterung und syrischer Besatzung zu gestalten“.
Der syrische Präsident Assad bezeichnete den Anschlag auf Hariri als eine „furchtbare kriminelle Tat“. Die Regierung und das Volk Syriens seien in dieser gefährlichen Lage an der Seite ihres Bruders, des Libanon, berichtete die amtliche syrische Nachrichtenagentur SANA.
Chirac: „Umstände der Tragödie rasch klären“
Ein Sprecher des iranischen Außenministeriums vermutete Israel hinter der Tat. Der französische Präsident Jacques Chirac forderte eine „unverzügliche“ internationale Untersuchung. „Die Umstände dieser Tragödie“ müßten rasch geklärt werden, die Schuldigen festgestellt und bestraft, erklärte das Pariser Präsidialamt. Frankreich verurteile den Beiruter Anschlag „mit größter Entschlossenheit“.
Hariri hatte von 1992 bis zu seinem Rücktritt im Oktober vergangenen Jahres mit wechselnden Kabinetten und Unterbrechungen den Libanon regiert. Der Sunnit hatte sich mit dem syrischen Einfluß auf sein Land zunächst über Jahre arrangiert, war aber vor vier Monaten aus Protest gegen die von Damaskus durchgesetzte Amtszeitverlängerung des pro-syrischen Präsidenten Lahoud zurückgetreten. Damaskus zieht bei seinem Nachbarn politisch die Fäden und unterstützt die pro-iranische schiitische Gottespartei (Hisbollah), deren bewaffnete Milizen die südlibanesische Grenzregion zu Israel kontrollieren.