Am Montag gab es eine Verschnaufpause: Zum jüdischen Neujahrsfest waren die meisten öffentlichen Schulen in Amerika ohnehin geschlossen. Doch am Dienstag war die Stille in den Klassen wieder ein politisches Problem: Die Lehrer an Chicagos öffentlichen Schulen streiken. Seit mehr als einer Woche werden die 350.000 Schüler der 675 Schulen im drittgrößten städtischen Schulsystem des Landes nicht unterrichtet. Bürgermeister Rahm Emanuel hat nun die Gerichte aufgefordert, dem Ausstand ein Ende zu setzen.
Chicago ist die Heimatstadt von Barack Obama. Rahm Emanuel, der seit Mai 2011 die Stadt regiert, ist ein enger Weggefährte des Präsidenten. Und für den hat die heiße Phase des Wahlkampfes begonnen. Deshalb bewegt der Lehrerstreik nicht nur die „Windy City“ am Michigan-See. Zumal die Lehrer an den öffentlichen Schulen von Chicago nicht eben zu den Benachteiligten in der amerikanischen Gesellschaft gehören. Mit einem durchschnittlichen Jahresgehalt von 76000 Dollar gehören sie zu den Spitzenverdienern unter den Lehrkräften im Land.
Leistungen der Schüler nicht ausreichend
Die von der Lehrergewerkschaft unter ihrer in mancherlei Hinsicht robusten Vorsitzenden Karen Lewis geforderte Gehaltserhöhung von 19 Prozent dürften viele Amerikaner als überzogen betrachten; auch Emanuel will davon nichts wissen. Außerdem lehnen die Lehrer die weithin übliche Zensurvergabe für das Lehrpersonal und die Umstellung auf eine leistungsbezogene Besoldung ab. Sie fürchten, dass dann bis zu 6000 der 25.000 gewerkschaftlich organisierten Lehrer entlassen und womöglich 200 öffentliche Schulen geschlossen oder mit neuem Personal und unter privater Trägerschaft weiterbetrieben werden.
Dass Amerikas Schulsystem in einer Krise steckt, ist seit langem Konsens. Die Leistungen der Schüler vor allem in innerstädtischen Schulen sind nicht ausreichend und liegen weit unter jenen in anderen westlichen Industriestaaten. Der Republikaner George W. Bush hatte eine Reform zunächst in den Mittelpunkt seiner Präsidentschaft gestellt. Unter maßgeblicher Mitarbeit des demokratischen Senators Ted Kennedy wurde das von Bush vorgeschlagene Gesetz „No Child Left Behind“ (Kein Kind wird zurücklassen) im Mai 2001 verabschiedet.
Eckpunkte dieser von beiden Parteien getragenen Bildungsreform sind regelmäßige Überprüfungen der Leistungen von Schülern und Lehrern, von deren Ergebnis die weitere Förderung aus Steuermitteln abhängig gemacht wird. Hinzu kam die Einführung sogenannter Charter Schools in privater Trägerschaft in Schulbezirken mit notorisch schlechten Leistungen, die anstelle der gescheiterten öffentlichen Schulen den Bildungsauftrag des Staates erfüllen sollen. Der derzeitige Bildungsminister Arne Duncan, der Chef des öffentlichen Schulsystems von Chicago war, bevor ihn Obama in sein Kabinett holte, ist wie Rahm Emanuel ein Verfechter dieser Bildungsreform.
Gewerkschaften sind treueste Unterstützer
Chicagos mächtige Lehrergewerkschaft vertritt dagegen die Auffassung, dass Leistungen der Schüler nicht nur von der Fähigkeit der Lehrer, sondern vor allem von den sozialen Umständen und der Familiensituation der Schüler abhängig sind. Sie werfen Emanuel vor, er wolle das öffentliche Schulwesen privatisieren, Lehrer zu Hungerlöhnen arbeiten lassen und sie der Einstellungs- und Entlassungswillkür privater Bildungsträger preisgeben. Befürworter des Systems der Charter Schools verweisen darauf, dass diese mit weniger Personal und weniger (Steuer-)Geld bessere Leistungen für die Schüler erreichen als die öffentlichen Schulen mit ihrem aufgeblähten Verwaltungsapparat und einem unmotivierten, vollversorgten Kollegium.
Für Obama ist der Lehrerstreik ein Problem, denn er braucht die Unterstützung der Gewerkschaften ebenso wie die der zentristischen Bildungsreformer. Deshalb hat er sich aus dem Schulstreit in Chicago herausgehalten. Obamas republikanischer Herausforderer Mitt Romney hat sich dagegen auf die Seite der ausgesperrten Schüler und ihrer Eltern gestellt.
In der amerikanischen Privatwirtschaft lassen sich nur noch sieben Prozent der Angestellten von einer Gewerkschaft vertreten. Einzig die Gewerkschaften im öffentlichen Dienst trotzen dem Mitgliederschwund: Zwischen 31 und 46 Prozent der Bundes-, Bundesstaats- oder Gemeindeangestellten sind gewerkschaftlich organisiert. Diese Gewerkschaften sind die treuesten Unterstützer und effizientesten Spendensammler der Demokraten - ohne sie hätte Obama die Präsidentenwahl von 2008 kaum gewinnen können.
Die Gewerkschaften hatten schon Anstoß daran genommen, dass die Demokraten Obamas Nominierungsparteitag ausgerechnet im Südstaat North Carolina abhielten, wo die Gewerkschaften kaum mehr Einfluss haben. Als Rahm Emanuel noch Obamas Stabschef war, wusste der Präsident dessen Härte zu schätzen. Jetzt dürfte er sie fürchten.
