30.01.2009 · Der wegen seiner Holocaust-Leugnung umstrittene Bischof Richard Williamson hat sich bei Papst Benedikt XVI. entschuldigt für „das Leid“, das er mit seiner Äußerung verursacht habe. Zuletzt leitete er ein Priesterseminar der Lefebvre-Bruderschaft nahe Buenos Aires.
Von Josef Oehrlein, Buenos AiresLa Reja ist ein ruhiger Flecken bei der Stadt Moreno, 50 Kilometer westlich der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires gelegen. In La Reja steht, in respektvoller Entfernung zu jeglicher Behausung, ein stattliches Kirchengebäude, weitab vom Lärm der Welt. Es ist die rechte Idylle für eine religiöse Gemeinschaft, um ungestört ihre Rituale zu pflegen. In der Abgeschiedenheit von La Reja hatte sich deshalb auch eine der wunderlichsten religiösen Bewegungen eingenistet, von der bis vor wenigen Tagen vielen Argentiniern nicht einmal bewusst war, dass sie in ihrem Land heimisch ist.
Das in malerischem Kolonialstil erbaute Haus birgt eines von sechs Seminaren der von Erzbischof Marcel Lefebvre gegründeten traditionalistischen Priesterbruderschaft St. Pius X. Der aus Großbritannien stammende, bis vor kurzem exkommunizierte Bischof Richard Williamson, der durch die Leugnung des Holocaust für Aufsehen sorgte, seit er vom Papst rehabilitiert wurde, ist seit sieben Jahren Leiter dieser Ausbildungsstätte im Geist Lefebvres für junge Kleriker.
Schweigegebot für den umstrittenen Padre
In den Sommerferien ruht auch der Unterrichtsbetrieb in dem Seminar „Nuestra Señora Corredentora“ (Maria Mittlerin) in La Reja, und deshalb war es zunächst nicht sicher, als die argentinische Öffentlichkeit auf den umstrittenen Gottesmann aufmerksam wurde, ob er sich überhaupt gerade in La Reja aufhält. Der Padre erhole sich gerade, weil ja Ferien seien, lautete die nicht ganz eindeutige Auskunft eines Priesters der Gemeinschaft. Aber selbst wenn er da wäre, würde er auf keinen Fall etwas sagen, fügte der Kleriker hinzu.
Am Freitag haben nun Geistliche, die dem Seminar angehören und Williamson nahestehen, der argentinischen Presse gegenüber bestätigt. Williamson werde entweder auf Grund einer freiwilligen Entscheidung oder auf Anordnung von oben zurücktreten. Der Nachfolger Lefebvres in der Führung der Priesterbruderschaft, Bischof Bernard Fellay, untersagte Williamson untersagt, sich bis auf weiteres öffentlich zu politischen oder historischen Fragen zu äußern.
Am Freitagabend aber meldete die Nachrichtenagentur AP Bischof Williamson habe sich bei Papst Benedikt XVI. entschuldigt.für „das Leid“, das er mit seiner Äußerung verursacht habe, erklärte Williamson am Freitag.
Eine unnahbare Autorität
Mitglieder des Seminars in La Reja bemerkten, innerhalb der traditionalistischen Klerikergemeinschaft sei die Meinung verbreitet, dass die polemischen Äußerungen Williamsons im vergangenen November von Kreisen im Vatikan publik gemacht worden seien, die gegen die Zurücknahme der Exkommunikation des aus England stammenden und seit Jahren in Argentinien lebenden Geistlichen durch Papst Benedikt XVI. gewesen seien.
In der argentinischen Öffentlichkeit wird Williamson inzwischen als „el cura nazi“, als „Nazipriester“, tituliert. Die Bewohner von La Reja haben zu dem Seminar und ihrem Chef ein eher pragmatisches Verhältnis. Einige verdanken dem geistlichen Zentrum ihre Einkünfte, weil sie für das Seminar Dienstleistungen erbringen oder Waren dorthin verkaufen. Andere, vor allem ältere Bedürftige, erhalten an manchen Tagen in der Woche an einem Hintereingang, der zur Küche führt, etwas zu essen. Der Padre Williamson gilt in dem Ort als unnahbare Autorität. Er empfange grundsätzlich keine Außenstehenden.
Warum er „das“ gesagt hat, ist den meisten Bewohnern von La Reja egal. Er werde einen Grund gehabt haben, meinen sie, und: „Die Engländer sind halt so.“ Nur wenige Bewohner wissen genau, was im Inneren des Komplexes vor sich geht. „Das ist eine andere Welt“, sagt eine Frau von La Reja. „Dort leben sie in der Vergangenheit. Sie pflegen ihre Traditionen und kultivieren sehr sorgfältig ihre Rituale.“
Mit großem Pomp
Bei den großen Kirchenfesten und Zeremonien legt die Bruderschaft Wert auf die korrekte Gewandung nach den vorkonziliaren Bestimmungen. Mit großem Pomp werden verstorbene Mitbrüder zu Grabe getragen. Dann legen die Kleriker schwarze Messgewänder an, die für Totenfeiern seit dem Konzil nicht mehr in Gebrauch sind. Neun Geistliche liegen auf dem kleinen Friedhof der Bruderschaft begraben
Das Seminar ist in das weltweite Netz der Einrichtungen des traditionalistischen Priesterbundes integriert. Auch der Generalobere Bischof Fellay hat La Reja schon besucht. Das Seminar ist sogar vom Gründer der Bruderschaft, dem Erzbischof Lefebvre, persönlich ins Leben gerufen worden. Das war noch lange vor der Exkommunikation durch den Vatikan 1988. Am ersten Spatenstich hat Williamson persönlich teilgenommen: „Ich erinnere mich an die schweigende Entschlossenheit, mit der der Erzbischof (Lefebvre) die Schaufel in den von Gras bedeckten Morast stieß auf einem offenen Feld, die nächsten Gebäude Hunderte von Yards entfernt“, wird der heutige Leiter des Seminars zitiert.
Die Kirche und die Diktatur
Dass sich Lefebvre seinerzeit darum bemühte, in Argentinien eine Bastion für seine Bewegung aufzubauen, die für traditionalistischen Priesternachwuchs in seinem Sinn sorgen sollte, hatte vor allem einen Grund. Er fand in der von 1976 bis 1983 herrschenden Militärdiktatur großen politischen Rückhalt für sein Projekt. Die katholische Kirche war in Argentinien damals gespalten. Ein Teil der Geistlichkeit schloss sich dem Widerstand gegen das Militärregime an und wandte sich öffentlich gegen die von den Unterdrückern begangenen Menschenrechtsverletzungen. Eine Reihe kritischer Kleriker erlitt deshalb das gleiche Schicksal wie die Regimegegner, sie wurden ermordet oder zählen zu den Verschwundenen. Die Amtskirche vertrat überwiegend eine autoritäre Linie mit einer strengen hierarchischen Ordnung, ganz nach dem Geschmack der Militärs.
Lefebvre konnte in diesem Milieu sein Vorhaben ohne großes Aufsehen und wohl auch mit Unterstützung anpacken. Die Willfährigkeit der Kirche gegenüber der Diktatur ging seinerzeit so weit, dass Geistliche öffentlich die Verfolgung von Regimegegnern rechtfertigten und in den Gottesdiensten den Führern der Junta die Kommunion spenden. Militärseelsorger „segneten“ von den Sicherheitskräften entführte Personen, bevor sie betäubt und aus Flugzeugen über dem Río de la Plata oder dem Atlantik abgeworfen wurden.
Josef Oehrlein Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in Buenos Aires.
Jüngste Beiträge