25.09.2007 · Ist die Universität ein Raum, in dem auch die extremsten Meinungen öffentlich vertreten werden dürfen? Ja, meint Lee Bollinger. Deshalb überließ der Präsident der New Yorker Columbia-Universität Irans „grausamem Diktator“ Ahmadineschad das Podium.
Von Matthias Rüb, New YorkLee Bollinger ist in aller Munde, und das kann sich der Präsident der New Yorker Columbia-Universität als Sieg anrechnen. Mit der Entscheidung, den iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadineschad als Redner zu der traditionellen Vorlesungsreihe „World Leaders Forum“ einzuladen, die jeden Herbst zur Zeit der Plenumsdebatte der UN-Vollversammlung stattfindet, waren Bollinger und die Dekane der Fakultäten ein Risiko eingegangen. Manche hatten die Einladung heftig mit dem Argument kritisiert, das heilige Recht der freien Rede dürfe jenen nicht gewährt werden, deren Politik auf die Vernichtung ebendieses heiligen Rechts ausgerichtet sei - und auf die Vernichtung Israels und der Vereinigten Staaten dazu.
Dem hielten die Befürworter der Einladung entgegen, gerade die Universität sei jener Raum, in dem auch die extremsten, die aggressivsten Meinungen öffentlich müssten vertreten werden dürfen. Auch Hitler, so die Antwort auf die unvermeidliche geschichtsvergleichende Fangfrage der Gegner der Einladung, hätte man um 1935 bei einem Besuch in New York das Podium überlassen müssen, lautete die Erwiderung der Befürworter.
Glühendes Bekenntnis zur Redefreiheit
In seiner inzwischen berühmten Eingangsansprache vom Montag bezeichnete Bollinger Ahmadineschad nicht nur als „engstirnigen und grausamen Diktator“ und warf ihm vor, mit seiner Leugnung des Holocaust wissenschaftlich unhaltbare und lächerliche Positionen zu vertreten - was Ahmadineschad mit gewissem Recht und sichtlich beleidigt als grobe Verletzung des Gebots der Gastfreundschaft zurückwies. Schließlich kann sich ein Gastgeber seine Gäste aussuchen, und man kann sich fragen, warum man jemanden einlädt, den man zur Begrüßung sogleich mit der Aussage brüskiert, man könne ihn nicht ausstehen.
Bollinger gab aber vor allem ein glühendes Bekenntnis zum Recht der Redefreiheit ab - ein Gegenstand, mit dem sich der 1947 in Santa Rosa in Kalifornien geborene Juraprofessor in seiner wissenschaftlichen und praktischen Laufbahn eingehend befasst hat.
Karriere am Gericht
Bollinger studierte zunächst an der Universität Oregon, seinen Doktor der Rechte erwarb er an der 1754 gegründeten „Columbia“, deren Campus sich heute im Norden Manhattans befindet und zu deren 19. Präsidenten er im Juni 2002 gewählt wurde. 1986 publizierte er das weithin als Grundlagenwerk bezeichnete Buch „Die tolerante Gesellschaft: Die Freiheit der Rede und extremistische Rede in Amerika“, 1991 folgte der Band „Bilder einer freien Presse“. Neben der praktischen Mitarbeit für Richter wichtiger Bundesgerichte und zumal für das Oberste Gericht in Washington prägen Leitungsposten an renommierten Universitäten die Laufbahn Bollingers.
Bollinger leitete von 1994 an das Dartmouth College in Hanover (New Hampshire), zwei Jahre später wurde er Präsident der University of Michigan, ehe er vor fünf Jahren schließlich nach New York zur Columbia-Universität kam. Vor dem Obersten Gericht verteidigte er in zwei wichtigen Fällen die Entscheidung der Universität Michigan, durch das „affirmative action“ genannte Verfahren der positiven Diskriminierung den Anteil von Angehörigen von Minderheiten an der Studentenschaft zu erhöhen. Bollinger ist mit der Malerin Jean Magnano Bollinger verheiratet und Vater zweier Kinder.
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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