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Lech Kaczynski Er war immer zweierlei

Er vertrat das nationalistische Milieu Polens. Aber zugleich führte er die nationale Rechte aus der antieuropäischen, antisemitischen, homophoben Ecke. Zuletzt kämpfte Polens Präsident Lech Kaczynski gegen Moskaus Hegemonialstreben – und starb auf dem Weg nach Katyn.

© AFP Vergrößern Auf dem Weg nach Katyn gestorben: Lech Kaczynski

Es gibt eine Erinnerung an Lech Kaczynski, die ihn ganz anders zeigt, als das von Steifheit und nationaler Erregbarkeit geprägte Bild es haben will, das viele sich von ihm gemacht haben. Die Szene stammt vom Frühjahr 2009. Die Wahl zum Europaparlament steht bevor. Der Präsident steht im Wahlkampf an einem Rednerpult – und hält plötzlich inne. „Europa ist eine schöne Rose . . .“, so hat sein Satz begonnen, doch bevor er ihn im europaskeptischen Duktus seiner Partei mit einem „aber mit Dornen“ zu Ende bringen kann, geht eine Bewegung durch das Publikum.

Konrad Schuller Folgen:    

Kaczynski stutzt, schaut verdutzt in den Saal – und beginnt zu lachen. Die Kamera schwenkt ins Parkett, und während das Gelächter sich ausbreitet, fixiert sie eine Frau, die mitten in der Rede von ihrem Sitz aufgestanden ist und sich jetzt in alle Richtungen verbeugt. Die Frau ist Roza Thun, damals Wahlkandidatin in Krakau, heute Europaabgeordnete der liberalkonservativen „Bürgerplattform“. An sich eine Gegnerin des Präsidenten, hat sie Kaczynskis „schöne Rose“ („piekna roza“) geistesgegenwärtig auf ihren Vornamen umgemünzt und heimst jetzt für das ungewollte Kompliment ihres Widersachers den Applaus ein.

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Nur schwer konnte er sich mit der europäischen Gegenwart anfreunden

Kaczynski reagierte damals ganz anders, als das Bild des humorlosen Eiferers, das oft genug von ihm entstanden ist, es eigentlich zuließ. Er schloss sich dem Lachen nicht nur an, er war einer der Ersten, der lachte. Er ließ – ganz polnischer Kavalier – seiner Gegnerin den Triumph und fügte das erwartete „aber mit Dornen“ dann doch noch hinzu. Die Szene ist kennzeichnend. Lech Kaczynski ist immer zweierlei gewesen – er war zusammen mit seinem Zwillingsbruder Jaroslaw die Führungsfigur jener Milieus in Polen, die sich lange nur schwer mit der neuen, vom europäischen Westen geprägten Gegenwart anfreunden konnten.

Lech und Jaroslaw Kaczynski 1961 © dpa Vergrößern Geboren 1949 in den Ruinen des durch Massenmord entvölkerten und zerstörten Warschau, bestimmte die sowjetische Fremdherrschaft die Kindheit von Lech und seinem Zwillingsbruder Jaroslaw, hier als Jacek und Placek in einem Film von Jan Batory

Die Nation, die katholische Nationalkirche, die traditionelle Familie aus Frau, Mann und Kindern, der generationenlange Kampf dieses so oft geteilten Landes nicht nur gegen Deutschland und Russland, sondern auch gegen die moralische Beliebigkeit Europas, das sind die Leitlinien des Milieus gewesen, das Lech Kaczynski im Herbst 2005 ins Amt des polnischen Staatspräsidenten wählte. Als Präsident hat Kaczynski diese Strömung, die weniger im reichen Warschau als in den grauen Kleinstädten und Dörfern der Provinz ihre Wähler hat, aber nicht nur vertreten und abgebildet. Er hat sie auch in eine Transformation hineingeführt, in der die nationale Rechte innerhalb weniger Jahre den Weg einer ganzen Generation zurückgelegt hat.

Unter seiner Führung sind jene nationalkatholischen Milieus, die, noch aus der Vorkriegszeit stammend, den Kommunismus in Polen überlebt hatten, aus ihrer antieuropäischen, teilweise antisemitischen, homophoben und deutschlandfeindlichen Ecke herausgetreten, um sich dem Bild einer modernen europäisch-konservativen Rechten zu nähern – ohne Begeisterung für die EU, aber auch ohne Aversionen; ohne Liebe zu Deutschland, aber auch ohne permanente Hysterie; voll Patriotismus und Glauben, aber ohne chauvinistische oder gar antisemitische Ausbrüche.

Den ewigen Kampf Polens gegen Eindringlinge gelehrt

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