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Veröffentlicht: 08.03.2012, 17:45 Uhr

Leben in Fukushima Nicht zu lange draußen spielen

Auch ein Jahr nach der Atomkatastrophe sind die Leute in Fukushima über die japanische Regierung verärgert. Sie fühlen sich von Tokio im Stich gelassen.

von , Fukushima
© Carsten Germis 1,300 Mikrosievert pro Stunde: „Das ist so hoch wie schon lange nicht mehr“

Komm jetzt endlich rein, Takashi!“ Yoko Koyamas Stimme ist energisch. Mit mürrischem Gesicht stapft ihr Sohn, der jetzt in die zweite Klasse kommt, die Holzstufen aus dem kleinen Garten auf die Veranda hoch und legt seinen Fußball in die Ecke. „Länger als eine Stunde soll er nicht an der frischen Luft spielen“, erklärt die Mutter. Das seien die Empfehlungen, an die sich die Eltern in Fukushima halten sollten.

Carsten Germis Folgen:

Rund 70 Kilometer liegt Fukushima, die Hauptstadt der gleichnamigen japanischen Präfektur, von den havarierten Atomreaktoren des Kraftwerks Daiichi entfernt. Es gibt Fachleute, die sagen, das Risiko außerhalb der Sperrzone von 30 Kilometern um die Reaktoren sei gering. Eine jährliche Strahlenbelastung von 20 Millisievert wurde hier gemessen.

Eine Strahlendosis von maximal 100 Millisievert sei vertretbar, sagte jüngst ein Berater der Präfekturregierung. In der EU wird ein Millisievert pro Jahr als normal für Menschen angesehen, die nicht wie Röntgenärzte oder Piloten höheren radioaktiven Belastungen ausgesetzt sind. Ein Millisievert war vor dem Unglück auch die durchschnittliche Strahlenbelastung hier in Fukushima.

„So hoch wie schon lange nicht mehr“

Yoko Koyamas Mann Hiroyuke traut den offiziellen Angaben nicht. Hier rächt sich die Verschleierungs- und Verharmlosungstaktik der Regierung in Tokio und von Tepco, der Betreibergesellschaft des zerstörten Atomkraftwerks. Bis heute warten viele Menschen wie die Familie Koyama darauf, dass ihnen verlässliche Daten vorgelegt werden. Stattdessen versichern Regierungssprecher ihnen immer wieder, es gebe keine unmittelbaren Auswirkungen der Strahlung auf die Gesundheit. Eine junge Frau, die auf die Anzeigetafel für radioaktive Belastung am Hauptbahnhof von Fukushima schaut, winkt ab und lacht. „Die in Tokio müssen die Menschen hier für Dummköpfe halten“, sagt sie. „Wieso sagen sie nichts darüber, was in zehn oder 20 Jahren sein kann?“ Das Messgerät zeigt an diesem Tag 1,308 Mikrosievert pro Stunde. „Das ist so hoch wie schon lange nicht mehr“, sagt die Frau und geht kopfschüttelnd weiter.

18874267 © Carsten Germis Vergrößern Familie Koyama

Die Angst vor radioaktiver Strahlung ist groß in Fukushima, und sie verhindert auch ein Jahr nach der Katastrophe, dass die Menschen zu einem normalen Leben zurückfinden. Yoko und Hiroyuke Koyama haben ihre Wohnung erst kurz vor der Atomkatastrophe bezogen. Ihr ganzer Stolz ist der kleine Garten, in dem ihr Sohn spielen sollte. Wie viele Jungen in seinem Alter träumt der Kleine davon, einmal ein Fußballstar zu werden. „Wie Shinji Kagawa bei Borussia Dortmund“, sagt sein Vater.

Er hat sich selbst einen Geigerzähler gekauft und gemessen. 50000 Yen hat ihn das Gerät gekostet. „Es gibt bessere“, sagt er. 2,5 Mikrosievert pro Stunde zeigte das Gerät an, als er den Rasen in seinem Garten überprüfte. Koyama erschien das zu hoch. Er trug Rasen und Erde ab, bis die Anzeige bei 0,3 Mikrosievert verharrte. Aber wohin mit dem belasteten Erdreich? In Fukushima gab es keine Plätze, wohin er es bringen konnte. Koyama hat die Erde in den vom Haus entfernten Ecken des Gartens angehäuft und - wie zum Trotz - zwei kleine Büsche darauf angepflanzt.

Nur noch makrobiotisches Essen

„Seit September dürfen die Kinder wieder draußen spielen“, berichtet Yoko Koyama. Am Wochenende fahren die Eltern, so oft es möglich ist, mit Takashi weg. Nicht nur, damit er der radioaktiven Strahlung entkommt. Fernab der havarierten Reaktoren lässt sich das Leben endlich wieder entspannt genießen. Auf einer dieser Wochenendfreizeiten, unterstützt durch Spenden des Arbeiter-Samariter-Bundes aus Deutschland, hat Yoko auch ihre Freundinnen Ikuko und Ai kennengelernt.

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