Home
http://www.faz.net/-gq5-6ya76
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Leben in Fukushima Nicht zu lange draußen spielen

 ·  Auch ein Jahr nach der Atomkatastrophe sind die Leute in Fukushima über die japanische Regierung verärgert. Sie fühlen sich von Tokio im Stich gelassen.

Artikel Bilder (4) Audio (1) Lesermeinungen (3)
© Carsten Germis 1,300 Mikrosievert pro Stunde: „Das ist so hoch wie schon lange nicht mehr“

Komm jetzt endlich rein, Takashi!“ Yoko Koyamas Stimme ist energisch. Mit mürrischem Gesicht stapft ihr Sohn, der jetzt in die zweite Klasse kommt, die Holzstufen aus dem kleinen Garten auf die Veranda hoch und legt seinen Fußball in die Ecke. „Länger als eine Stunde soll er nicht an der frischen Luft spielen“, erklärt die Mutter. Das seien die Empfehlungen, an die sich die Eltern in Fukushima halten sollten.

Rund 70 Kilometer liegt Fukushima, die Hauptstadt der gleichnamigen japanischen Präfektur, von den havarierten Atomreaktoren des Kraftwerks Daiichi entfernt. Es gibt Fachleute, die sagen, das Risiko außerhalb der Sperrzone von 30 Kilometern um die Reaktoren sei gering. Eine jährliche Strahlenbelastung von 20 Millisievert wurde hier gemessen.

Eine Strahlendosis von maximal 100 Millisievert sei vertretbar, sagte jüngst ein Berater der Präfekturregierung. In der EU wird ein Millisievert pro Jahr als normal für Menschen angesehen, die nicht wie Röntgenärzte oder Piloten höheren radioaktiven Belastungen ausgesetzt sind. Ein Millisievert war vor dem Unglück auch die durchschnittliche Strahlenbelastung hier in Fukushima.

„So hoch wie schon lange nicht mehr“

Yoko Koyamas Mann Hiroyuke traut den offiziellen Angaben nicht. Hier rächt sich die Verschleierungs- und Verharmlosungstaktik der Regierung in Tokio und von Tepco, der Betreibergesellschaft des zerstörten Atomkraftwerks. Bis heute warten viele Menschen wie die Familie Koyama darauf, dass ihnen verlässliche Daten vorgelegt werden. Stattdessen versichern Regierungssprecher ihnen immer wieder, es gebe keine unmittelbaren Auswirkungen der Strahlung auf die Gesundheit. Eine junge Frau, die auf die Anzeigetafel für radioaktive Belastung am Hauptbahnhof von Fukushima schaut, winkt ab und lacht. „Die in Tokio müssen die Menschen hier für Dummköpfe halten“, sagt sie. „Wieso sagen sie nichts darüber, was in zehn oder 20 Jahren sein kann?“ Das Messgerät zeigt an diesem Tag 1,308 Mikrosievert pro Stunde. „Das ist so hoch wie schon lange nicht mehr“, sagt die Frau und geht kopfschüttelnd weiter.

Die Angst vor radioaktiver Strahlung ist groß in Fukushima, und sie verhindert auch ein Jahr nach der Katastrophe, dass die Menschen zu einem normalen Leben zurückfinden. Yoko und Hiroyuke Koyama haben ihre Wohnung erst kurz vor der Atomkatastrophe bezogen. Ihr ganzer Stolz ist der kleine Garten, in dem ihr Sohn spielen sollte. Wie viele Jungen in seinem Alter träumt der Kleine davon, einmal ein Fußballstar zu werden. „Wie Shinji Kagawa bei Borussia Dortmund“, sagt sein Vater.

Er hat sich selbst einen Geigerzähler gekauft und gemessen. 50000 Yen hat ihn das Gerät gekostet. „Es gibt bessere“, sagt er. 2,5 Mikrosievert pro Stunde zeigte das Gerät an, als er den Rasen in seinem Garten überprüfte. Koyama erschien das zu hoch. Er trug Rasen und Erde ab, bis die Anzeige bei 0,3 Mikrosievert verharrte. Aber wohin mit dem belasteten Erdreich? In Fukushima gab es keine Plätze, wohin er es bringen konnte. Koyama hat die Erde in den vom Haus entfernten Ecken des Gartens angehäuft und - wie zum Trotz - zwei kleine Büsche darauf angepflanzt.

Nur noch makrobiotisches Essen

„Seit September dürfen die Kinder wieder draußen spielen“, berichtet Yoko Koyama. Am Wochenende fahren die Eltern, so oft es möglich ist, mit Takashi weg. Nicht nur, damit er der radioaktiven Strahlung entkommt. Fernab der havarierten Reaktoren lässt sich das Leben endlich wieder entspannt genießen. Auf einer dieser Wochenendfreizeiten, unterstützt durch Spenden des Arbeiter-Samariter-Bundes aus Deutschland, hat Yoko auch ihre Freundinnen Ikuko und Ai kennengelernt.

Beide haben zwei Kinder, beide sorgen sich wie Yoko um deren Sicherheit. „Mir macht vor allem das Essen Sorgen“, sagt Ai. Sie hat eine sieben Jahre alte Tochter und einen drei Jahre alten Sohn. Beide bekommen nur noch makrobiotisches Essen. „Ich bin extra zu einem Kochkurs gegangen“, erzählt die junge Frau.

Sie ist in manchem noch strenger als Yoko. „Eine Viertelstunde dürfen die Kinder draußen spielen“, sagt sie. Das lässt sich nicht immer leicht durchsetzen, vor allem im Sommer, wenn draußen die Sonne scheint. Auch Ikuko, die eine zehn Jahre alte Tochter und einen sieben Jahre alten Sohn hat, achtet seit der Atomkatastrophe sehr darauf, dass ihre Kinder nicht zu lange draußen spielen. Die Kinder gehen morgens früh in die Schule und vor halb vier am Nachmittag kommen sie selten nach Hause. „Dann müssen erst noch Schularbeiten gemacht werden“, sagt Ikuko. So extrem seien die Einschränkungen also gar nicht.

Die Gerüchte blühen

Ikuko gehört zu denen, die überlegt haben, Fukushima wegen der Atomkatastrophe zu verlassen. Die Mütter berichten, dass aus jeder Schulklasse im Schnitt zwei Familien weggezogen sind. „Ich wollte das auch machen“, sagt Ikuko. Aber alle Freunde und die gesamte Familie leben in Fukushima. Lange hat sie überlegt - und sich am Ende doch dafür entschieden, trotz aller Risiken in Fukushima auszuharren. Viele haben die Stadt verlassen, in der heute noch 280.000 Menschen leben. Aber es gibt in Fukushima auch Zuwanderung. Denn 100.000 Menschen mussten aus der Evakuierungszone um die havarierten Reaktoren flüchten, und viele haben sich in der Hoffnung, doch in ihre Heimatorte zurückkehren zu können, in der Präfekturhauptstadt oder deren Umland niedergelassen.

Die Angst der Koyamas und anderer Familien in Fukushima wächst. Kaum noch jemand in der Stadt glaubt öffentlichen Verlautbarungen. Die auch kulturell bedingte Tendenz, unangenehme Nachrichten zu verdrängen und zu verschweigen, hat das Vertrauen in die Regierenden schwer erschüttert. Denn lange Zeit betrieb die Regierung in Tokio Schönfärberei. So behauptete der Regierungssprecher noch, dass der Verzehr von Gemüse oder Fleisch aus Fukushima unbedenklich sei, als die Presse schon über radioaktiv belastete Produkte berichtete. Und wo es keine transparenten Informationen gibt, da blühen die Gerüchte.

Harmoniesüchtiges Japan

Kunhiko Takeda, ein Strahlenfachmann und Atomkraftkritiker, bestätigt das. Die Menschen hätten weniger Angst, wenn man sie ernst nehme und informiere, sagt er. „Sie werden von ihrer Unwissenheit befreit.“ Die Koyamas und ihre Freunde erwarten nicht mehr, als dass sie glaubwürdig über die Risiken in Fukushima informiert werden und erfahren, wie sie sich und ihre Kinder schützen können. „Sie wissen dann, was sie tun müssen, und können selbst Entscheidungen treffen“, sagt Takeda.

Hirohike Koyama nickt zustimmend, wenn er solche Vorschläge hört. „Das Schlimmste ist, dass wir keine zuverlässigen Informationen bekommen“, sagt er. Seit einiger Zeit kann zwar jedermann in den DVD-Verleihgeschäften auch Geigerzähler entleihen. Doch um wirklich verantwortliche Entscheidungen für die Familie zu treffen, müsse es auch zuverlässige Informationen der Behörden geben. Und daran fehlt es im harmoniesüchtigen Japan, das Probleme gern verdrängt, noch immer - auch ein Jahr nach der Katastrophe in Daiichi.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1959, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

Jüngste Beiträge

Lammert muss protestieren

Von Eckart Lohse

Bundestagspräsident Lammert will dem Endlagergesetz nicht zustimmen. Mit Recht. Es droht eine Selbstentmachtung des obersten deutschen Parlaments. Mehr 2 11