17.01.2010 · Bei ihren Hilfsaktionen für das Katastrophengebiet berufen sich die lateinamerikanischen Staaten auf das gemeinsame Erbe. Der Senegal bietet den Haitianern sogar die Rückkehr in die alte Heimat an. Allein Venezuelas Präsident Chávez hält sich zurück.
Von Josef Oehrlein, Buenos Aires und Thomas Scheen, JohannesburgHaiti war von jeher trotz der geographischen Nähe für die meisten lateinamerikanischen Länder unbekanntes Terrain – schon wegen der großen ethnischen, sprachlichen und kulturellen Unterschiede. Das hat sich geändert, seit dort UN-Soldaten stationiert sind, von denen das größte Kontingent lateinamerikanische Staaten stellen. So kam es, dass sich auch Staatsbürger aus diesen Ländern unter den Opfern des verheerenden Erdbebens befinden.
Eines der prominentesten ist der Brasilianer Luiz Carlo da Costa, der Stellvertreter des tunesischen UN-Repräsentanten Hedi Annabi, der ebenfalls ums Leben kam. Der chilenische General Ricardo Toro hat inzwischen das Kommando über die UN-Mission übernommen. Je nach ihren Möglichkeiten schicken die Länder Lateinamerikas Rettungsmannschaften, Lazarette, Medikamente, Wasseraufbereitungsanlagen, Lebensmittel und Hilfsgüter jeder Art nach Haiti, Regierungen entsenden ranghohe Vertreter, doch eine koordinierende Hand ist nicht zu erkennen.
Venezuela hat seine eigene Krise
Auch die Mitglieder der UN-Friedensmission, die sich in Haiti befanden und die Katastrophe überlebt haben, sind auf sich gestellt. Der 33 Jahre alte argentinische Chirurg Juan Boari, der zusammen mit den 500 Blauhelmsoldaten aus seinem Land im Juli nach Haiti gekommen war, operierte schon kurz nach dem Beben, noch immer versorgt er rund um die Uhr verletzte Erdbebenopfer. Ein in Containern untergebrachtes argentinisches Hospital war das einzige Krankenhaus, das die Erdstöße unbeschadet überstanden hatte. Der kolumbianische Präsident Alvaro Uribe, der selbst nach Haiti reisen wollte, erinnerte daran, dass Kolumbien und andere Andenstaaten gegenüber Haiti eine historische Pflicht hätten, weil der Befreier Simón Bolívar seinerzeit bei den Unabhängkeitskämpfen von dem haitianischen Anführer Alexandre Pétion unterstützt worden sei. Haiti hatte Bolívar zeitweise auch Asyl gewährt.
Ein lateinamerikanisches Staatsoberhaupt, das sich gerne selbst als Nachfolger Bolívars darstellt, blieb in den Tagen nach der Erdbebenkatastrophe indes erstaunlich zurückhaltend. Der venezolanische Präsident Hugo Chávez äußerte sich während seiner jüngsten stundenlangen Medienauftritte allenfalls am Rande über Haiti. Er hat derzeit ganz andere Sorgen. Seine Entscheidung, die venezolanische Währung, den „starken Bolívar“ (Bolívar fuerte), drastisch abzuwerten, und die in ihren Auswirkungen immer dramatischere Energiekrise erfordern derzeit seine volle Energie, um von dem ihm drohenden Popularitätsverlust abzulenken. Dass bei den Rettungsarbeiten und dem Wiederaufbau staatlicher Strukturen in Haiti die Vereinigten Staaten praktisch das Kommando übernommen haben, hat Chávez indes nicht eigens kritisiert. Dafür griff er zu seinen mittlerweile rituellen rhetorischen Angriffen auf das „Imperium“ der Vereinigten Staaten, das eine „Medienkampagne“ führe gegen die „Völker, die sich erheben“.
Senegal ruft zu Rückkehr in die alte Heimat auf
Auch der Senegal bietet den Haitianern Hilfe in Form von Land an. Präsident Aboulaye Wade will das Angebot als „Repatriierung“ verstanden wissen. Schließlich, so sagte das senegalesische Staatsoberhaupt, sei Haiti einst von afrikanischen Sklaven und ihren Nachkommen urbar gemacht worden und damit sehr wahrscheinlich auch von vielen Menschen aus dem heutigen Senegal. Jeder Haitianer, der nach dem verheerenden Erdbeben einen Neuanfang sucht, ist nach den Worten Wades eingeladen, nach Senegal auszuwandern.
Das Land, von dem aus einst Hunderttausende schwarzer Sklaven über die Ile de Gorée in die „Neue Welt“ verschifft worden waren, ruft angesichts des verheerenden Erdbebens in Haiti zur Rückkehr in die alte Heimat, nämlich Afrika, auf. Die Regierung will den Neuankömmlingen unentgeltlich ein kleines Stück Land und Unterkunft zur Verfügung stellen, versprach Wades Sprecher, Mamadou Bemba Ndiaye. Und wenn der Ansturm ganz groß werde, könnten die Haitianer auch „eine ganze Region“ haben, so Ndiaye.
Also, nun schlägst's doch 13,
Dieter Erkelenz (d.erkelenz)
- 18.01.2010, 19:16 Uhr
Josef Oehrlein Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in Buenos Aires.
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Thomas Scheen Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Johannesburg.
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