19. Januar. Sie wissen nicht, was die Nacht bringen wird, wenn sie die Tür sorgfältig hinter sich verschließen und durch die kühle Abendluft zum Sammelpunkt gehen. Gelbes Neonlicht erhellt die verwaisten Straßen. An den Kreuzungen sind behelfsmäßige Barrikaden errichtet worden, aus Plastikfässern, Brettern, Ästen oder abmontierten Stoppschildern. Die jungen Männer aus dem Viertel haben sich mit Knüppeln und Messern bewaffnet, einer trägt einen kurzen Säbel mit sich, der eher in die Zeit des französischen Protektorats passen würde. Sie tragen weiße T-Shirts über ihren Jacken, oder weiße Armbinden. So erkennt jeder sofort, dass sie Teil der Bürgerwehr sind, die in den Stunden der Ausgangssperre das Viertel bewacht.
An der Kreuzung vor der geschlossenen Grundschule hat sich eine größere Gruppe versammelt. "Unsere Kinder sind frei!" ist mit roter Farbe an die sandfarbene Wand gesprüht worden. Dutzende sind sie jetzt, Jugendliche und junge Männer. Hin und wieder stößt einer der Väter dazu, um nach dem Rechten zu sehen. Ein Stück weiter wagen sich die auch drei Frauen auf die Straße. Eine ältere Dame scherzt mit den Jungs und bringt ihnen Tee und etwas zu Essen.
Heckenschützen aus der Leibgarde des Präsidenten
Die vergangenen Nächte war es recht ruhig in Nasr, einem der besseren Wohnviertel im Norden der tunesischen Hauptstadt. Einer der Jüngeren hat sogar einen Fußball mitgebracht. Aber ganz ist die Spannung noch nicht gewichen. In der Nähe, so heißt es, seien am Tag drei Männer mit Waffen gestellt worden, aber einem sei die Flucht gelungen. Außerdem hatten am Nachmittag schwer Bewaffnete Sicherheitskräfte nicht weit weg von hier ein Gebäude umstellt. Zu sehen war lediglich, wie sie an einer Hauswand in Deckung gingen und mit ihren Sturmgewehren das Dach ins Visier nahmen. Ein Heckenschütze, vermutlich aus der alten Leibgarde des Präsidenten, habe sich dort verschanzt gehabt, heißt es später. Genau weiß das niemand, aber die Nachricht macht schnell die Runde. Die Leute vermuten, dass sich in den Hochhäusern der bekannten Einkaufstraße Hedi Nouira, die einige hundert Meter entfernt in den vom Scheinwerferlicht geröteten Himmel ragen, noch ehemalige Gefolgsleute Ben Alis verstecken. Bis in die Nacht kreisen Hubschrauber über der Vorstadt.
Natürlich hat auch Ahmed von der Geschichte mit dem Heckenschützen gehört. Eigentlich arbeitet er in der Tourismusbranche. In diesen Tagen ist er aber vor allem Wächter seines Viertels. "Wir halten zusammen", sagt er. "Auch mit den Leuten aus den Nachbarvierteln." Sie haben Notfallrufnummern vom Militär erhalten, ein Mobilfunkunternehmen erhöht fast täglich das Guthaben auf den Telefonen um einen Dinar. Langsamen Schrittes patrouillieren sie von Barrikade zu Barrikade durch die Straßen. "Das alles hätte ich mir nie im Leben träumen lassen", sagt Ahmed. Ungläubig hatte er vor dem Fernseher gesessen, als am vergangenen Freitag die Nachricht von der Flucht des verhassten Präsidenten Ben Ali verkündet wurde. Danach durchlebte er eine Nacht voller Furcht, als das Chaos in der Stadt ausbrach.
Die Gefahr ist noch nicht gebannt
Inzwischen hat sich die Lage beruhigt, und auch die Nervosität hat sich gelindert. Ein geschäftstüchtiger Kaffeebesitzer nutzt sogar die Gunst der Stunde und öffnet sein Lokal bis spät in die Nacht. Doch die Unsicherheit ist geblieben. Denn so wenig die jungen Männer aus dem Viertel sicher sein können, dass in dieser Nacht nicht doch noch etwas passiert, so wenig ist klar, was die nächsten Tage und Monate Tunesien bringen werden.
Noch ist die Gefahr durch die Schergen des alten Regimes nicht gebannt. Das Militär scheint den Elitekräften des Präsidenten schwer zugesetzt zu haben, aber der Terror, den sie gesät haben, sitzt tief. Auch herrscht Uneinigkeit in der Bevölkerung darüber, wie es weitergehen soll. Die einen sagen, dass man die alte Garde und ihre Gefolgsleute nicht völlig hinwegfegen kann. "Wer soll dann noch in der Lage sein, die Geschäfte der Regierung führen?", fragen sie. Wer solle denn in dem von der Regimepartei RCD dominierten Parlament die Verfassungsänderungen billigen, die notwendig sind, etwa um dem Land ein demokratisches Wahlrecht zu geben? Dass die Getreuen des Diktators das Feld nicht kampflos räumen würden, habe man doch schon schmerzhaft erfahren, sagen sie. Viele sehnen sich nach Ruhe und Normalität.
Anderen ist das alles egal. Sie scheren sich nicht um Verfahrensfragen oder politische Kompromisse. Sie wollen, dass die Revolution weitergeht. Sie wollen die alte Machtelite, die sie so lange gequält und ausgebeutet hat, ein für alle Mal vertreiben, und sie gehen dafür Tag für Tag auf die Straße.
Hitzige ebatten nach Jahren des Flüsterns
Es wirkt schon eher routiniert als ängstlich, wenn die Kellner der Cafés auf der Avenue Bourguiba, dem Boulevard in der Innenstadt, nach draußen eilen und hastig die Tische in Sicherheit bringen, wenn die Sicherheitskräfte ausrücken. Am Dienstag schmeckte schon nach kurzer Zeit die Luft nach dem Tränengas, mit dem diese die Demonstranten vertrieben. Das Versammlungsverbot setzten sie auch mit Schlagstöcken durch. Dagegen blieb es am Mittwoch weitgehend ruhig.
Dass an den Cafétischen, in den Restaurants oder auf der Straße hitzige und manchmal lautstarke politische Debatten geführt werden können, grenzt für viele immer noch immer an in Wunder. Nach Jahren des Flüsterns und Schweigens sind die Schleusen aufgedrückt worden, und stolzes Sendungsbewusstsein hat die Angst fortgespült. Im Internet tauchen Beweise für die unfassbare Gier und Dreistigkeit auf, mit der die Familienmafia um die zweite Ehefrau des Präsidenten, Leila Trabelsi, das Land ausgeplündert hat. Es gibt private Bilder des alten Diktators zu sehen, etwa wie er mit der Gattin, einer früheren Friseurin, vergnügt Cocktails schlürft. Es kursieren Fotos von Rechnungen, mit denen die Leute erfahren, dass Mitglieder des milliardenschweren Clans weniger als einen Euro im Monat an die Wasserwerke gezahlt haben. Aber die Tunesier haben es geschafft, diese Mafia zu vertreiben, und das werden sie so schnell nicht vergessen - auch Ahmed nicht.
Freude über die neue Freiheit
"Wir haben uns Jahre nicht für Politik interessiert", sagt er. Wenn, dann habe es im Kreis der Familie oder enger Freunde ein paar kritische Worte gegeben. "Das alte Regime hat uns Angst eingepflanzt." Damit sei es jetzt vorbei. Gerade hat Ahmed erklärt, dass es auch Funktionäre im Regime und dessen Einheitspartei RCD gegeben habe, die "zum Wohle des Landes" beigetragen hätten und dass man solche Leute jetzt brauche, da tritt ein Freund dazu und sagt: "Unsere letzte Schlacht ist die gegen den RCD." Ahmed zieht skeptisch eine Augenbraue hoch und schaut seinen Freund vielsagend an. Aber es herrscht schnell einhellige Freude über die neue Freiheit. "Wir kannten doch die ausländische Politik besser als unsere eigene", sagt Ahmeds Freund.
Gemeinsam gehen sie weiter zur nächsten Absperrung. Dort treffen sie auf eine weitere Gruppe junger Leute. Eine Wasserpfeife wird herbeigeschafft, und bald erzählen sie sich Geschichten aus einer Zeit, die sie nie wieder erleben wollen. Sie berichten einander, wie sie von Polizisten schikaniert wurden, die unverhohlen Bestechungsgelder erpressten, erzählen von Diskriminierung an der Universität - und auch von den Schrecken der Folterkeller im Innenministerium.
Immer wieder Alarm
Plötzlich schlägt jemand ein paar Meter die Straße hoch Alarm. Sofort ist die Gruppe aufgesprungen, eilt an die Kreuzung. Einer hat ein Fahrzeug bemerkt. Einmal hatten sie einen Mietwagen angehalten - Mietwagen sind besonders verdächtig, weil diese oft von den bewaffneten Marodeuren benutzt werden, welche die Stadt noch immer in Atem halten. Aber es waren nur zwei betrunkene und verängstigte Ausländer, die sie aufgegriffen haben. Auch diese Nacht wird Entwarnung gegeben. Es handelt sich um ein Militärfahrzeug, das in der Gegend patrouilliert. Wenig später er schallt ein neuer Warnruf. Drei Männer, die nicht aus dem Viertel sind, nähern sich der Barrikade. Aber auch dieser Fall ist rasch geklärt. Es sind Leute aus dem Nachbarviertel, einer von ihnen wird erkannt: Er arbeitet bei der Tankstelle ganz in der Nähe.
Viele der jungen Männer werden müde sein, wenn sie den nächsten Tag beginnen. Doch alle werden am Abend wieder hinausgehen. Weil das Land endlich erwacht ist.
