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Labour-Parteitag Auf der Suche nach dem verlorenen Profil

 ·  Die britische Labour Party ringt mit sich selbst. Es fehlt an innerer Geschlossenheit, einem klaren politischen Kurs und einem Anführer. Labour-Chef Miliband bemüht sich auf dem Parteitag in Manchester um einen klaren Kurs.

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© dapd „Faszination für Ideen“? Ed Miliband in Manchester

Zum Auftakt des Parteitages ließ Labour-Chef Ed Miliband einen leibhaftigen Philosophen auftreten. Der Amerikaner Michael Sandel, dessen digital übertragene Harvard-Vorlesungen selbst in China Kultstatus besitzen, dozierte über das Thema, das ihn mit der Labour Party verbindet: die moralischen Grenzen des Marktes. „Brillant, brillant“, schwärmte Miliband, als er dem Professor nach der Vorlesung auf die Schulter klopfte. Nicht alle entdeckten die Ironie des nachfolgenden Moments, als die moralisch erbauten Delegierten Schlange standen, um die handsignierten Ausgaben des Sandel-Bestsellers „What money can‘t buy“ zu kaufen.

Ed Miliband versucht seinen Stil zu finden, und eines der Markenzeichen, das er gerade entwickelt, nennen seine Berater „Eds Faszination für Ideen“. Miliband will sich als intellektuelle Alternative zu Premierminister David Cameron in Szene setzen, als Mann der tiefer schürft als andere Politiker, der aus dem Denken Prinzipien entwickelt und diesen aus innerer Überzeugung folgt. In seiner Grundsatzrede am Dienstag, so versprechen seine Berater, werde Miliband als unverwechselbarer Charakter sichtbar werden.

Zweieinhalb Jahre nach dem Machtverlust befindet sich die britische Labour Party in einem sonderbaren Zustand. Sie liegt in Umfragen komfortable zehn Prozent vor den regierenden Konservativen, strahlt aber kein Selbstbewusstsein aus. Die Partei spürt, dass sie ihre Popularität der Schwäche der Regierung, auch der deprimierenden Wirtschaftslage, nicht aber eigenen Stärken verdankt. Es fehlt an vielem: an innerer Geschlossenheit, an einem klaren politischen Kurs und an einem Anführer mit Premierministerqualitäten.

Blairs Erbe

Die lange Amtszeit des Tony Blair (und die kurze des Gordon Brown) liegen wie ein Schatten über der Partei. Viele, vor allem vom linken Flügel, wünschen sich eine deutlichere Abgrenzung zur Vergangenheit. Sie sehen die Beteiligung am Irak-Krieg als Fehler, ebenso die allzu marktfreundliche Wirtschaftspolitik von „New Labour“. Andererseits war die Ära Blair aus machtpolitischer Sicht eine der erfolgreichsten in der Parteigeschichte und brachte all jene Nachwuchstalente hervor, die nun die Partei führen. Weder Ed Miliband noch Ed Balls, der Schatzkanzler in Schattenkabinett, können und wollen sich von ihren politischen Anfängen distanzieren. Dass viele glauben, Eds älterer Bruder David – Labours letzter Außenminister – wäre der bessere Parteichef gewesen, schafft zusätzliche Unruhe in der Partei. Genüsslich veröffentlichten die Tories am Wochenende eine Umfrage, derzufolge 65 Prozent der Briten glauben, dass die Labour Party in der Kampfabstimmung vor zwei Jahren den falschen Bruder gewählt hat.

Inhaltlich steht die Labour Party vor dem Dilemma, den Sparkurs der Koalitionsregierung kritisieren zu müssen, ohne dabei finanzpolitisch verantwortungslos wirken zu wollen. Weit wagen sich die Parteioberen deshalb nicht vor. Miliband sagte am Wochenende den Banken den Kampf an und drohte, im Falle eines Wahlsieges deren Filial- und Investmentzweige per Gesetz auseinanderzubrechen, wenn sie dies nicht selbst tun. Balls warb in Manchester dafür, die Erlöse aus dem Verkauf von Mobilfunklizenzen in ein soziales Wohnungsbauprogramm zu investieren. Verbindliche Zusagen vermied er ausdrücklich, weil die Partei nur versprechen wolle, was sie auch halten könne. Als große Gegenentwürfe werden solche Ankündigungen nicht wahrgenommen, aber die Delegierten zeigen Verständnis. „Wir wären ziemlich dumm, würden wir uns zur Halbzeit auf irgendetwas festlegen“, sagt Kevin Coyne, der in Manchester die Gewerkschaft Unite vertritt.

Für die Labour Party wäre schon einiges gewonnen, würde sie am Donnerstag das Konferenz-Zentrum als eine Partei mit erkennbarem Spitzenkandidaten verlassen. Leerformeln wie die von einem „verantwortungsbewussteren Kapitalismus“ werden nicht ausreichen, um dem 42 Jahre alten Miliband Profil und Authentizität zu verpassen. Sein Umfeld riet ihm deshalb, mehr Einblick in seine Familiengeschichte zu gewähren, in die Flucht seiner polnisch-jüdischen Eltern vor den Nazis und dem Aufwachsen in einem intellektuellen Emigrantenhaushalt. Sollte all dies nicht helfen, verweisen manche auf die Hoffnung, die der frühere Premierminister Clement Attlee hinterlassen hat. Verspottet von Winston Churchill – „Ein leeres Taxi fährt vor, und Attlee steigt aus“ – war es dem blassen Labour-Mann im Sommer 1945 gelungen, die Wahl gegen den überlebensgroßen Kriegsveteran zu gewinnen.

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Jahrgang 1965, politischer Korrespondent in London.

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