http://www.faz.net/-gpf-998bf

Das Ende der Ära Castro : Ein Kind der Revolution

Kronprinz und Herrscher: Kubas Vizepräsident Miguel Diaz-Canel neben Präsident neben Präsident Raul Castro in Havanna. Bild: AP

In Kuba dürfte am Mittwoch Miguel Díaz-Canel an die Spitze des Staates aufrücken. Er zählte einmal zu den jungen Wilden. Aber das ist lange her. Wer ist Kubas neuer starker Mann?

          Er heißt nicht Castro. Und er wurde erst 1960 geboren, also nach der kubanischen Revolution. Auf diese beiden Feststellungen können sich Kubaner aller Couleur einigen, wenn es um Miguel Díaz-Canel geht – den Mann, der nach aller Erwartung diese Woche Präsident des Landes wird. Nachdem die entscheidende Sitzung der Nationalversammlung jetzt rätselhafterweise um einen Tag vorgezogen wurde, könnten die Abgeordneten den Schritt schon an diesem Mittwoch vollziehen. Er wird als Zäsur in die Geschichtsbücher eingehen. Schließlich liegt der Sieg der Revolutionäre unter Führung von Fidel und Raúl Castro beinahe 60 Jahre zurück. Vor 42 Jahren wurde die Verfassung verabschiedet, die dem Machthaber Fidel Castro auch das Präsidentenamt einbrachte. Vor zwölf Jahren übergab der Revolutionsführer seine Ämter an seinen Bruder Raúl. Vor knapp anderthalb Jahren starb Fidel. Und nun deutet alles darauf hin, dass der 86 Jahre alte Raúl sein Versprechen eines Generationswechsels erfüllt und seinem ersten Stellvertreter kurz vor dessen 58. Geburtstag am Freitag die Führung von Staats- und Ministerrat überlässt.

          Andreas Ross

          Redakteur in der Politik.

          Ob die meisten Kubaner diese Zäsur in ihrem Alltag spüren werden, ist weit weniger sicher. Aus Díaz-Canels Frühzeit als Politiker, als er tatsächlich ein forscher Jungspund unter den kommunistischen Funktionären war, werden gern Geschichten erzählt, die seine Offenheit und Volksverbundenheit hervorheben. In der Provinz Villa Clara, wo er schon mit 33 Jahren als Erster Sekretär der Kommunistischen Partei von 1994 an das Sagen hatte, fiel der damalige Beatles-Liebhaber Anhängern amerikanischer Rockmusik ebenso als Verbündeter auf wie Homosexuellen. Außerdem soll Miguel Díaz-Canel damals oft mit dem Fahrrad und nicht mit dem Dienstwagen herumgekurvt sein. Doch im folgenden Vierteljahrhundert seiner Karriere erschien der „junge Wilde“ aus den neunziger Jahren immer mehr als angepasster Apparatschik. Ende des vorigen Jahres schließlich tauchte im Internet das Video einer Rede auf, in der Díaz-Canel vor Parteifunktionären gegen die „Subversion“ durch gewisse Medien, ausländische Regierungen und „verhätschelte“ Kleinunternehmer wetterte.

          Nicht ganz bis in die Ewigkeit: Kubas Präsident Raúl Castro und sein Bruder Fidel singen auf dem Kongress der kommunistischen Partei Kubas Bilderstrecke

          Das war vielleicht bloß eine kubanische Form von Wahlkampf. Fidel Castro mag tot sein, aber viele seiner Kameraden aus der Revolutionsarmee sind noch da, und in ihren Händen laufen nach wie vor viele Strippen zusammen. Selbst wenn Díaz-Canel im Innersten beabsichtigen sollte, beherzter als Raúl Castro auf eine wirtschaftliche, diplomatische oder sogar politische Öffnung hinzuarbeiten, könnte er die Väter des kubanischen Sozialismus nicht als Gegner gebrauchen. Sogar Raúl Castro, der Gründer des kubanischen Repressionsapparats, war den „Fidelistas“ immer wieder entgegengekommen, wenn ihnen schon seine zaghaften Wirtschaftsreformen zu weit gingen. Politisch ist Díaz-Canel sein Geschöpf. Und Raúl Castro dürfte mindestens für drei weitere Jahre die höchste Instanz im Land bleiben: als Erster Sekretär der Kommunistischen Partei. Er hat bisher keine Absicht erkennen lassen, auch dieses Amt vor dem nächsten regulären Parteitag im Jahr 2021 abgeben zu wollen.

          Castro hat noch nicht einmal ausdrücklich bestätigt, dass Díaz-Canel diese Woche an die Spitze der Regierung aufrücken soll. Doch Raúl ist nicht Fidel: Unter dem impulsiven Revolutionsführer hatten eine Reihe jüngerer Politiker kometenhafte Aufstiege erlebt, nur um dann zu verglühen, wenn sie zu eigenständig wurden und der alten Garde die Schau stahlen. Raúl Castro ist dagegen ein Institutionalist, der nicht zu abrupten Manövern neigt. Insofern dürfte das Machtwort gelten, mit dem er Díaz-Canel vor fünf Jahren als seinen ersten Stellvertreter präsentierte: „Er ist kein Emporkömmling und kein Provisorium.“ Angeblich hatte sich Raúl Castro den großgewachsenen Elektroingenieur schon in den neunziger Jahren als zentrale Figur eines Generationswechsels ausgeguckt. Das war die Zeit, als Díaz-Canel lange Haare trug und in der Provinz Villa Clara ein kontroverses Kulturzentrum unterstützte, wo Transvestiten auftraten und Künstler sich geborgen fühlten. Die Punkte, die der Funktionär damit in Teilen der Bevölkerung sammelte, waren umso mehr wert, als die schwere Wirtschaftskrise jener Jahre ihren Tribut forderte. Nach dem Kollaps des sowjetischen Regimes fehlte den Kubanern ein Gönner, und Raúl Castro überredete seinen Bruder zu ersten Schritten in Richtung Marktwirtschaft. Díaz-Canel bewies in der Krise Geschick. General Raúl Castro sorgte dafür, dass er für seine „ideologische Festigkeit“ 2003 mit einem Sitz im Politbüro der Partei belohnt wurde. Díaz-Canel übernahm nun das Amt des Ersten Parteisekretärs in der Provinz Holguin im Osten der Insel. 2009 holte Rául Castro, inzwischen auch amtlich Präsident, Díaz-Canel als Bildungsminister nach Havanna. Wenige Jahre später schien er sich festgelegt zu haben, dass Kuba bei ihm in guten Händen liegen werde.

          Ein einstiger Schulfreund von Díaz-Canel hat ihn jetzt im Gespräch mit dem amerikanischen Sender NBC als „neugierig, impulsiv, aggressiv und mutig“ beschrieben. Freilich heißt dieser Schulfreund Guillermo Fariñas, ist heute einer der bekanntesten Dissidenten in Kuba und hatte seine Meinung über den Kommunisten schon während des Studiums geändert. Denn damals, 1983 in Santa Clara, habe sein Kommilitone Díaz-Canel sich auf die Seite derer gestellt, die Fariñas und andere Studenten von der Universität werfen wollten, weil sie Sigmund Freud gelesen hätten, anstatt sich einzig mit „den Russen“ zu befassen. Wie fast alle Dissidenten macht sich Fariñas denn auch keine Hoffnungen, dass Díaz-Canel Kuba in eine Demokratie verwandeln will. Trotzdem berichtete er auch noch von einem positiven Erlebnis mit dem Regimevertreter. Nach einem Hungerstreik lag Fariñas voriges Jahr in einer Klinik in Havanna, wo die Stromversorgung ausfiel. Díaz-Canel besuchte das Krankenhaus und scheute sich nicht, den abgemagerten Regimegegner in seinem Zimmer zu besuchen.

          Zudem erkundigte er sich offenbar bei den Ärzten, was für Fariñas’ Genesung benötigt würde. Sie fragten nach Kondensmilch – und der Politiker besorgte sie. Dass ein Krankenhaus in einem Land, das immerzu sein Gesundheitswesen preist, die Hilfe eines stellvertretenden Staatsratspräsidenten braucht, um Kondensmilch aufzutreiben, wirft ein Licht auf die Herausforderungen, die Castro seinem Nachfolger hinterlässt. Nachdem auch Venezuela weitgehend als Gönner ausgefallen ist, spitzt sich die Mangelwirtschaft abermals zu. Ungelöst bleibt das Problem der doppelten Währung: eine ist an den Dollar gekoppelt; in der anderen werden Staatsbedienstete bezahlt. Die Ungleichheit ist nicht mehr zu übersehen. Auch deshalb schreckte Castro davor zurück, durch Aufhebung von teils grotesken Beschränkungen den Privatsektor zu stärken, in dem Hunderttausende Kubaner ihren Unternehmergeist unter Beweis stellen.

          Hart hat es Kuba getroffen, dass der amerikanische Präsident Donald Trump so kurz nach der Normalisierung der Beziehungen unter Barack Obama Reisen auf die Insel wieder erschwert hat. Auch die Annäherung an den großen Nachbarn hatte Castro so langsam wie möglich gestalten wollen. Jetzt dürfte er sich ärgern, nicht unter Obama mehr Pflöcke eingeschlagen zu haben. Wegen der rätselhaften Hörprobleme und anderer Symptome, die amerikanische Diplomaten in Havanna erlitten haben, hat Washington den Großteil seines diplomatischen Personals aus Kuba abgezogen. Havanna weist Spekulationen über eine „akustische Geheimwaffe“ zurück. Doch diese Woche entschied auch das traditionell kubafreundliche Kanada, zumindest die Angehörigen seiner Diplomaten heimzuholen.

          Niemand rechnet damit, dass der nächste kubanische Präsident diese Herausforderungen zusammen mit der Opposition im freien politischen Wettstreit lösen will. Díaz-Canel hatte kürzlich in Havanna den Generalsekretär der Kommunistischen Partei Vietnams zu begrüßen. Er war voll des Lobes für den Aufstieg der asiatischen Diktatur. „Ihre wirtschaftliche Entwicklung ist beeindruckend“, sagte Díaz-Canel. Womöglich würde er auch Kuba gern schneller in Richtung Marktwirtschaft entwickeln. Auf dem durchgestochenen Video wiederum ist Díaz-Canel zu hören, wie er den Botschaften der Vereinigten Staaten, Deutschlands, Spaniens und Großbritanniens „Subversion“ vorwirft. Die gängige Werbung selbständiger Kleinunternehmer in Kuba erklärte er ebenso für „subversiv“ wie Barack Obamas Kuba-Besuch vor zwei Jahren. Außerdem kündigte Díaz-Canel an, Internetportale mit Kuba-Nachrichten zu unterdrücken. „Lasst den Skandal nur kommen“, sagte er kämpferisch. „Alle zensieren.“

          Weitere Themen

          Gutes tun und Geld verdienen

          Impact Investing : Gutes tun und Geld verdienen

          Immer mehr Anleger wollen mit „Impact Investing“ soziale und ökologische Wirkung erzielen und dabei auch noch etwas verdienen. Ist das Konzept mehr als nur ein Feigenblatt?

          Kampf um den Thron

          FAZ.NET-Sprinter : Kampf um den Thron

          Für Theresa May steuert die seit Monaten andauernde Zitterpartie um ihr politisches Überleben nach Tag Eins des Brexit-Deals auf eine Entscheidung zu. Und ihrer deutschen Amtskollegin steht ein schwieriger Besuch in einer schwierigen Stadt bevor.

          Regierungskrise wegen des Brexit-Deals Video-Seite öffnen

          Misstrauensvotum gegen May : Regierungskrise wegen des Brexit-Deals

          Der Brexit-Deal mit Brüssel sorgt für innenpolitische Spannungen in Großbritannien. Zwei Minister und zwei Staatssekretäre haben ihren Rücktritt eingereicht. Auch aus den eigenen Reihen erhält May Gegenwind.

          Topmeldungen

          Mensch trifft Maschine: Kanzlerin Merkel schüttelte auf der Hannover Messe einem Roboter die Hand.

          Zukunft der Bundesrepublik : Die Schwächen der deutschen KI-Strategie

          Milliarden vom Staat und ein hoher Anspruch: Deutschland hat jetzt einen Plan für Künstliche Intelligenz. Experten fragen, ob es wirklich gelingt, mehr als 100 hochkarätige neue Professuren zu besetzen. Und nicht nur das.
          Nach mehrmaligen Androhungen gibt Horst Seehofer nun doch den CSU-Parteivorsitz ab.

          Sonderparteitag : Seehofer gibt CSU-Vorsitz Mitte Januar ab

          Horst Seehofer möchte den Posten als Parteivorsitzender noch zwei Monate behalten. Zu seiner Zukunft als Bundesinnenminister macht er keine Angaben und erhält darin Rückendeckung von einem Vorgänger.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.