http://www.faz.net/-gpf-6kdci
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 08.08.2010, 11:00 Uhr

Kuba Fidel Castro will die Welt retten

Kubas Revolutionsführer tritt zum ersten Mal seit vier Jahren wieder im Parlament auf - und wirkt geistig frisch. In seiner Rede warnte Fidel Castro vor einem Atomkrieg gegen Iran. „Für die Menschheit gäbe es dann keine Rettung“, sagte er.

von , Washington
© AP Castro warnt vor einem Atomkrieg: „Der Präsident der Vereinigten Staaten muss die Entscheidung alleine treffen”

Um kurz vor elf Uhr vormittags hielten die 600 Delegierten der kubanischen Nationalversammlung kollektiv den Atem an. Dann brachen sie in Jubel aus, skandierten „Viva Fidel!“ und klatschten wie von Sinnen. Es war tatsächlich geschehen: Am Samstag trat Fidel Castro, der in dieser Woche seinen 84. Geburtstag feiern wird, zum ersten Mal seit mehr als vier Jahren wieder öffentlich bei einer Regierungsangelegenheit auf.

Matthias Rüb Folgen:

Castro, der sich im Juli 2006 wegen einer lebensbedrohlichen Darmerkrankung einer schweren Operation unterziehen musste und die Regierungsgeschäfte an seinen jüngeren Bruder Raúl übergeben hatte, hielt eine zwölfminütige Rede und stellte sich anschließend fast eine Stunde lang den vorsortierten Fragen ausgewählter Abgeordneter. Er trug eine olivgrüne Militäruniform, jedoch ohne Abzeichen, die ihn als „Maximo Líder“ ausgewiesen hätten.

Mehr zum Thema

Nach seiner Rede nahm er nicht an seinem üblichen Tisch gleich hinter dem Rednerpult Platz, der seit seinem Rückzug aus der Öffentlichkeit symbolisch leer geblieben ist, sondern auf einem anderen Sessel gleich neben Parlamentspräsident Ricardo Alarcón. Raúl Castro, der auf seinem angestammten Sessel neben Fidels leerem Platz saß, ergriff in der Sitzung nicht das Wort. Parlamentspräsident Alarcón hatte auf Geheiß Fidel Castros die Sondersitzung zur Debatte drängender internationaler Probleme einberufen, und Alarcón beendete die Sitzung einfühlsam und unverzüglich, als der greise Revolutionsführer bei der direkt im kubanischen Fernsehen übertragenen Sitzung sichtbare Zeichen von Müdigkeit zeigte.

© reuters Video: Kubaner dürfen Kleinunternehmen gründen

Kein Wort über Innenpolitik

Die Symbolik der Parlamentsrede, die einen Monat zahlreicher öffentlicher Auftritt Fidels krönte, gibt eben soviel Anlass zu Spekulationen wie deren Inhalt. In seiner entgegen früherer Gewohnheit von einem vorformulierten Manuskript abgelesenen Rede bekräftigte Fidel Castro die Warnung vor einem Atomkrieg. Dazu könne es kommen, wenn Iran trotz internationaler Sanktionen an seinem Nuklearprogramm festhalte und der amerikanische Präsident Barack Obama den Befehl zum Angriff auf die Islamische Republik gebe. Ähnliches könne geschehen, wenn der Streit mit Nordkorea eskaliere. Ein nuklearer Waffengang würde Millionen Menschen im Nahen Osten und auch in den Vereinigten Staaten das Leben kosten, die Konsequenzen für den Planeten seien unabsehbar: „Für die Menschheit gäbe es dann keine Rettung“, warnte Castro, der agil, geistig frisch und körperlich stabil wirkte. Noch aber sei es nicht zu spät, zumal sich auch die kubanische Führung „an der Überzeugungsarbeit beteiligt“, um Obama vom Drücken des Roten Knopfes abzubringen. Es sei zudem ein glücklicher Umstand, dass Obamas Vater ein Muslim und seine Mutter ein Christin gewesen sei.

Über innenpolitische Fragen, über die Wirtschaftskrise und die von Bruder Raúl angestoßenen zaghaften Reformen, verlor Fidel kein Wort. Dafür bekräftigte er seine Kritik, Kapitalismus und Imperialismus führten unter anderem zur globalen Klimaerwärmung und zur Verelendung allenthalben. In der Fragestunde sprach Fidel von Russland als der „Sowjetunion“ und der „UdSSR“. Den Urknall datierte er auf einen Tag „vor 18 000 Jahren“, dem amerikanischen Nachrichtensender bringe die Direktübertragung seiner Rede „100 Millionen Dollar Werbeeinahmen“ ein, behauptet Fidel. Fidel Castro ist wieder da, und er ist fast ganz der alte. Und keiner weiß, was es zu bedeuten hat - für Kuba und die Welt.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Kuba Fidel Castro: Vielleicht eines der letzten Male, dass ich hier spreche

Sein Auftritt rührte viele Delegierte zu Tränen: Wie zu früheren Zeiten ist Fidel Castro auf dem kubanischen Parteitag aufgetreten – doch eine stundenlange Rede hielt er nicht. Stattdessen schien der Máximo Líder Abschied nehmen zu wollen. Mehr

20.04.2016, 08:18 Uhr | Politik
Kuba Fidel Castro zeigt sich bei seltenem öffentlichen Auftritt

Fidel Castro hat sich bei einem Schulbesuch der Öffentlichkeit gezeigt. Vor rund 10 Jahren hat Castro gesundheitsbedingt schrittweise die Staatsgeschäfte an seinen Bruder Raul übergeben. Im August wird der Revolutionsführer Kubas und ehemaliger Staatspräsident 90 Jahre alt. Mehr

08.04.2016, 14:19 Uhr | Politik
Kuba Raúl Castro plädiert für Wirtschaftsöffnung

Der kubanische Machthaber kritisiert vor kommunistischen Kadern eine veraltete Mentalität aus früheren Sowjetzeiten. Bestimmte politische Reformen lehnt er aber ganz entschieden ab. Mehr

17.04.2016, 05:40 Uhr | Politik
Video Fidel Castro deutet nahenden Tod an

Zum Abschluss des Parteitags der Kommunistischen Partei Kubas ist Revolutionsführer Fidel Castro von den Delegierten mit Fidel, Fidel!-Rufen gefeiert worden. Bei seinem Auftritt sagte der ehemalige Staatschef, dies sei möglicherweise sein letzter Auftritt auf einem Parteitag gewesen. Mehr

20.04.2016, 13:14 Uhr | Politik
Stillstand auf Kuba Die Angst vor dem nächsten Schritt

Kubas alte Garde bleibt am Ruder. Raúl Castro setzt zwar auf marktwirtschaftliche Reformen, doch viele Parteimitglieder fürchten die wirtschaftliche Öffnung. Findige Kleinunternehmer lassen sich davon aber nicht entmutigen. Mehr Von Andreas Ross, Havanna

21.04.2016, 11:24 Uhr | Politik

Wiener Hausaufgaben

Von Reinhard Müller

Österreich hat durch sein Verhalten die Schließung der Balkan-Route herbeigeführt. Ist die Wiener Asylpraxis europarechtswidrig, ein Verstoß gegen Völkerrecht? Mehr 355