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Kuba Die alten Männer am Meer

31.12.2008 ·  Vor zweieinhalb Jahren übergab Fidel Castro die Macht an seinen Bruder Raúl. Viele Kubaner hofften, das Leben würde etwas leichter. Jetzt, kurz vor dem 50. Jahrestag der Revolution, sind sie enttäuscht.

Von Matthias Rüb, Havanna
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Der alte Mann kommt fast jeden Morgen ans Meer und wirft sein kleines Netz aus. Sein Fang am Strand von Matanzas ist nicht groß, eine Handvoll Fische, die er in seinen weißen Eimer wirft. Er ist trotzdem damit zufrieden, denn mehr als das Mögliche erwartet er nicht. Wenn er die Fische, die gerade einmal so groß sind wie seine Hand, abgeschuppt und ausgenommen hat, kann er sie in der Pfanne braten oder für eine Suppe kochen.

Das Fischen am Morgen ist für Lázaro, der vor seiner Pensionierung viele Jahre in der Raffinerie von Matanzas gearbeitet hat, ebenso sehr Zeitvertreib wie Nahrungserwerb. Manchmal findet er in den Straßen von Matanzas auch Abnehmer für einen außergewöhnlich großen Fisch, der morgens in seinem Netz und dann in dem weißen Farbeimer gelandet ist. Lázaro klagt nicht über sein Leben und seine Rente von 200 Pesos – umgerechnet kaum sieben Euro –, die er zudem durch Gelegenheitsarbeiten wie den Verkauf von Bonbons und Nüssen aufzubessern versucht.

Symbolische Preise

Schließlich bekommt er, wie jeder der etwa 11,3 Millionen Kubaner, seine monatliche Lebensmittelration zu stark subventionierten Preisen, zehn Eier, ein Pfund Huhn und ein Pfund Fisch, dazu Reis und Speiseöl – alles zusammen für einen allenfalls symbolischen Preis von weniger als zehn Pesos, umgerechnet kaum 35 Cent. Dazu ist die Gesundheitsversorgung theoretisch umsonst, auch wenn man für eine Verkürzung der Wartezeit beim Arzt oder einen größeren Eingriff im Krankenhaus den Ärzten und Schwestern Geld geben muss – nach einem ausgetüftelten Tarifsystem, das jeder kennt.

Matanzas ist eine unansehnliche Industriestadt etwa 100 Kilometer östlich von Havanna mit gut 100.000 Einwohnern. Über der Stadt liegen der Gestank und der Qualm der Raffinerie, der Fabriken und des neuen Erdgas-Elektrizitätswerkes, das vor gut drei Jahren mit kanadischem Kapital gebaut wurde. Doch Matanzas profitiert von der Touristenstadt Varadero, etwa 40 Kilometer weiter östlich gelegen. Varadero ist das größte Fremdenverkehrszentrum in Kuba, und wo immer es Touristen gibt, gibt es überdurchschnittlich bezahlte Arbeitsplätze und vor allem die praktisch für jeden Kubaner überlebenswichtigen Konvertiblen Pesos.

Tauschhandel: Öl gegen Ärzte

Der „Peso Convertible“, abgekürzt CUC, gesprochen „Kuck“ und im Wert von eins zu eins an den amerikanischen Dollar gekoppelt, wurde 1995 eingeführt, nachdem die kubanische Führung im August 1993 zunächst den amerikanischen Dollar selbst als Zweitwährung zugelassen hatte. Der Schritt zur Zulassung des Dollars war eine Reaktion auf den rapiden Wertverlust des Kubanischen Pesos, der binnen weniger Wochen auf einen Umtauschkurs von 120 zu eins zum Dollar gefallen war. Die Dollar-Überweisungen der Exil-Kubaner aus Miami für ihre Familien auf Kuba drohten sich zu verzögern oder gar auszubleiben, weil alle Welt mit dem bevorstehenden Zusammenbruch des kommunistischen Systems rechnete. Der kubanische Staat brauchte dringend Devisen.

Die Zulassung des Dollars, der Währung gerade jenes „Imperiums“, das wegen des seit 47 Jahren bestehenden amerikanischen Wirtschaftsembargos von der politischen Führung in Havanna für alle Übel und Schwierigkeiten auf Kuba verantwortlich gemacht wird, trug wesentlich zur Überwindung der akuten kubanischen Währungskrise bei. In den drei Jahren nach dem Ende der Sowjetunion von 1991, mit der Kuba Ende der achtziger Jahre 87 Prozent des Außenhandels abgewickelt hatte, war die Wirtschaftskraft der Karibik-Insel um mehr als ein Drittel eingebrochen. Die Lieferung von sowjetischem Erdöl zu Vorzugspreisen sowie die garantierte Abnahme von Zucker und Rum durch den Verbündeten in Moskau zu Weltmarktpreisen war einer Subvention der kubanischen Wirtschaft mit jährlich fünf Milliarden Dollar gleichgekommen.

Heute liefert der venezolanische Präsident Hugo Chávez das Öl zu Vorzugspreisen nach Kuba, und in einer neuen Form der Tauschwirtschaft schickt Kuba im Gegenzug Ärzte nach Venezuela. Die neuen chinesischen Busse, die seit einiger Zeit in Havanna und auch in der Touristenmetropole Varadero verkehren, sind ein Zeichen, welches Land seit vielleicht zehn Jahren die Rolle des großen Bruderstaates übernommen hat.

Das doppelte Währungs- und Wirtschaftssystem

Bis heute, da in Kuba mit großem propagandistischem Aufwand und einem Festakt in Santiago de Cuba im Südosten des Landes des 50. Jahrestages des Sieges der Revolution vom Neujahrstag 1959 gedacht wird, gibt es das doppelte Währungs- und Wirtschaftssystem: Alles, was über den Minimalbedarf an Lebensmitteln und Kleidung hinausgeht, muss in den staatlichen Geschäften, auf den privaten Bauernmärkten und natürlich auch auf dem Schwarzmarkt mit Konvertiblen Pesos bezahlt werden. Der CUC wird zum Kubanischen Peso zum offiziell festgelegten Wechselkurs von eins zu 24 gehandelt.

Im November 2004 setzte das Regime in Havanna der parallelen Dollarwirtschaft nach elf Jahren Dauer während der euphemistisch „período especial“ (Sonderperiode) genannten wirtschaftlichen Existenzkrise Kubas nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ein Ende. Zwar bleibt der Besitz von amerikanischen Banknoten erlaubt. Man kann aber seither nicht mehr mit Dollar bezahlen, sondern muss diesen in einer Wechselstube oder Bank in CUC umtauschen – wobei der chronisch an Devisenmangel leidende Staat eine Gebühr von zehn Prozent einbehält. In den vergangenen Jahren hat der Euro den Dollar als wichtigste Auslandswährung verdrängt, denn bei dessen Umtausch an den staatlichen Umtauschstellen wird kein zehnprozentiger Abschlag einbehalten.

Zwei Eingänge, zwei Preise

Wenn es in Varadero ein Konzert einer bekannten kubanischen Disko-Salsa-Gruppe gibt, das die kanadischen und europäischen Touristen aus den All-Inclusive-Hotels ebenso vergnügen soll wie die einheimische Jugend, die sich zu dem Anlass in ihre neuesten Turnschuhe, Jeans und T-Shirts aus dem Westen gewandet hat, dann gibt es zwei Zugänge: An der einen Kasse zahlen die Touristen stattliche 20 CUC (16 Euro), an der anderen müssen die Einheimischen immerhin 80 Kubanische Pesos berappen (knapp 2,70 Euro), was für die kubanische Jugend freilich noch viel teurer ist.

Vom politischen Parolenhagel, mit dem sie seit Menschengedenken traktiert wird, ist die junge Generation Kubas gründlich entzaubert. Es wächst in Kuba eine weitere „verlorene Generation“ heran, die zwar ein kostenloses Schul- und Hochschulwesen von ordentlicher Qualität genießen mag, aber keine Aussicht auf eine Arbeitsstelle hat, wo man selbst in einem akademischen Beruf kaum mehr als nur einen Hungerlohn verdient. Niemand kann in Kuba offiziell CUC verdienen – es sei denn durch die grassierende Prostitution, die zwar formal verboten, aber vom Staat geduldet ist, sowie durch Trinkgelder und Zuwendungen der Touristen aus dem Ausland. Alle Löhne werden in Kubanischen Pesos bezahlt, aber jeder braucht den Konvertiblen Peso faktisch zum Überleben. Wer ihn aber nicht hat, gehört in der durch die zwei Währungen bestimmten kubanischen Kastengesellschaft, an deren schmaler Spitze die höchsten Funktionäre und Offiziere mit den meisten CUC stehen, zu den Unberührbaren.

Drei große Probleme: Frühstück, Mittag- und Abendessen

Jugendliche blicken ernüchtert auf die zweieinhalb Jahre seit der faktischen Übernahme der Macht durch Raúl Castro von seinem Bruder Fidel zurück. „Wir hatten uns schon ein bisschen mehr erwartet“, sagt Ernesto, der in Havanna als Vertreter eines Tourismusunternehmens Besucher aus Kanada betreut. Auf die Frage, was er von der jüngst beschlossenen Erhöhung des Rentenalters um fünf auf jetzt 65 Jahre hält, antwortet er mit der politisch unverfänglichen Formel, es sei eben nicht leicht. „No es fácil“ heißt es seit Jahr und Tag über das Leben in Kuba. Daran hat sich wenig geändert, seit die gleichgeschalteten kubanischen Staatsmedien statt über Fidel nun unablässig über Raúl Castro berichten.

Dieser Tage ist der kommunistische Jurassic Park mit besonders vielen kubanischen Flaggen geschmückt, und an den Fassaden der Parteibüros, der Polizeiwachen, der staatlichen Geschäfte und Betriebe hängen noch mehr Fahnen mit den ikonischen Konterfeis Fidel Castros und Che Guevaras oder mit Aufschriften, die das Fortschreiten und den Sieg der Revolution verkünden. Im Volksmund lautet die Bilanz von einem halben Jahrhundert kommunistischer Herrschaft unter Fidel und nun Raúl Castro, die Revolution habe zwar drei große Errungenschaften hervorgebracht: das kostenlose Bildungswesen, die gleichfalls staatlich vollfinanzierte Gesundheitsversorgung für alle sowie die Bewahrung der nationalen Souveränität. Drei weitere große Probleme hätten aber noch nicht gelöst werden können: Frühstück, Mittag- und Abendessen.

Das Mekka der Revolutionsgläubigen

Tatsächlich ist es eine von Havanna seit den frühen Tagen der Revolution verbreitete und von vielen linken Intellektuellen im Westen begierig aufgesaugte Geschichtslegende, wonach die kubanische Revolution gleichsam bei Null begonnen und im revolutionären Geschwindschritt sein unterentwickeltes Land aus der katastrophalen Armut geführt habe. Havana war in den sechziger Jahren und darüber hinaus, was Paris im Jahrzehnt nach 1790 und Moskau in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts war: das Mekka der Revolutionsgläubigen.

Wahr ist, dass es ein deutliches Wohlstandsgefälle von den für lateinamerikanische Standards relativ hoch entwickelten Städten – zumal der Hauptstadt Havanna im Westen – zu den armen Landstrichen im Osten gab. Deswegen ist es kein Zufall, dass die nach einem ersten gescheiterten Anlauf von 1953 beim Überfall auf die Feste Moncada in Santiago de Cuba sechs Jahre später dort schließlich doch erfolgreiche Revolution Castros ihren Erfolgszug in der Ostprovinz „Oriente“ begann.

Eine gleichgeschaltete Orwell-Maschine

Doch insgesamt war Kuba in den fünfziger Jahren im Vergleich zu anderen lateinamerikanischen Staaten, zumal zu den Staaten Haiti und Dominikanische Republik auf der Nachbarinsel Hispaniola, ein entwickeltes Land, wo es mehr Telefon- und Stromanschlüsse und auch mehr Autos pro Einwohner gab als vielerorts. Die vielen amerikanischen Autos aus den fünfziger Jahren, von denen sich die Touristen in nostalgische Verzückung versetzen lassen, gibt es nur deshalb heute noch, weil die Autodichte damals vergleichsweise hoch war. Die Zahl der Telefonanschlüsse pro Einwohner ist in Kuba heute nicht höher als 1958, während fast alle anderen Staaten in der Region seither hohe Wachstumsraten verzeichnet haben. Sogar in Haiti, dem ärmsten Land der westlichen Hemisphäre, gibt es mehr Internetanschlüsse pro Einwohner als in Kuba.

Vor Castros Machtübernahme gab es auf Kuba 58 Tageszeitungen unterschiedlichster Prägungen, nach der Zahl der Rundfunkstationen pro Einwohner rangierte Kuba weltweit auf dem achten Platz. Heute sind die staatlichen Medien Kubas eine gleichgeschaltete Orwell-Maschine. Gemäß Statistischem Jahrbuch der UN von 1960 belegte Kuba damals den dritten Rang von elf lateinamerikanischen Staaten bei der durchschnittlichen täglichen Kalorienkonsumption, heute haben die Kubaner weniger Zugang zu Getreide, Gemüse und zumal Fleisch als 1940. Bei der Reduzierung der Säuglingssterblichkeit und des Analphabetismus sowie bei der Erhöhung der Lebenserwartung und der Ärztedichte hat Kuba bemerkenswerte Fortschritte gemacht – aber jeweils von einem guten Niveau vor Castros Revolution aus. Und wenn es während 50 Jahren Alleinherrschaft der Castros gelungen ist, die deutlichen Entwicklungsunterschiede zwischen Westen und Osten, zwischen Stadt und Land zu verringern, dann auf dem Wege der allgemeinen Verarmung weiter Bevölkerungsteile.

Kuba ist heute eine geteilte Nation

Bis zu zwei Millionen Kubaner haben seit 1959 ihre Heimat verlassen, die meisten in Richtung Vereinigte Staaten und zumal Florida. Die größten Wellen der Auswanderungen gab es 1965, 1980 und 1994. Kuba ist heute eine geteilte Nation, und die Straße von Florida ist die Demarkationslinie. Wenn man die Geschichte der Revolution Castros als Tragödie für das kubanische Volk beschreibt, dann war der charismatisch-genialische und immens intelligente Fidel deren Regisseur, während der steife Bürokrat Raúl deren Produzent war. Fidels höchster Glaube war und ist der machiavellistische an sich selbst, Raúl war und ist seit 1951 ein ideologischer Kommunist – zunächst nach sowjetischer, heute nach chinesischer Spielart. Der eigensinnige und starrköpfige Fidel war unübertroffen in der Propaganda. Raúl, der den Rat anderer suchte und ihn befolgte, war unübertroffen im Organisieren. Fidel sprach zum Volk und zur Welt, Raúl organisierte und führte die Streitkräfte, machte sie zur Stütze des Regimes. Heute sind die kubanischen Streitkräfte und ihre an kapitalistischen Marktgesetzen ausgerichteten Betriebe der größte Arbeitgeber Kubas.

Eines der wichtigsten Unternehmen im Konglomerat der vom Militär direkt oder mittelbar kontrollierten Betriebe ist das Tourismusunternehmen Gaviota, das nach Schätzungen die Kontrolle über fast ein Viertel der inzwischen 46.500 Hotelbetten Kubas hat. Internationale Hotelketten müssen „Joint Ventures“ mit Gaviota oder anderen vom Militär kontrollierten Firmen gründen, um in den kubanischen Ferienmarkt investieren zu können.

„Ich habe uns beide ruiniert“

Spätestens seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 sind die kubanischen Streitkräfte im Inneren zur Rettung der kubanischen Wirtschaft im Einsatz, doch bis Ende der siebziger Jahre waren sie vor allem das Instrument der internationalistischen Ambitionen Fidels in Afrika und in Lateinamerika. Bis zu 10.000 kubanische Soldaten sind nach Schätzungen des im Mai 1987 nach Amerika geflohenen kubanischen Luftwaffengenerals Rafael del Pino im Ausland gestorben. Ihre Gräber und Gedenksteine findet man auf den Friedhöfen fast aller Städte Kubas.

Etwa 15 Kilometer südöstlich von Havanna liegt die Finca Vigía, in der Ernest Hemingway von 1939 bis 1960 lebte. Dort schrieb er auch sein nobelpreisgekröntes Buch „Der alte Mann und das Meer“. Das Haus ist heute ein liebevoll erhaltenes Museum. Der im Titel genannte alte Mann am Meer ist der glücklose Fischer Santiago. Der fährt mit seinem kleinen Boot weit ins Meer hinaus und erwischt den Fang seines Lebens. Doch die Haie fressen ihm den riesigen Fisch, den er nach stundenlangem Kampf endlich an sein kleines Boot festgemacht, vollständig auf, bis er wieder im Hafen ist. „Es tut mir leid“, sagt er zu dem Fischskelett, an dem nur noch ein paar Fleischfetzen hängen, „ich bin zu weit hinausgefahren und habe uns beide ruiniert.“

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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

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