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Krise in Griechenland : Der Traum von Tomaten für Chalki

Objekt der Begierde auf Chalki - Tomaten Bild: dpa

Die Schiffe liegen im Hafen fest, es gibt kein Geld für Benzin oder Diesel. Den Menschen auf Chalki geht es nicht gut. Die kleine griechische Insel braucht den Euro, weil sie kein eigenes Wasser hat.

          Morgen wird ein harter Tag. „Morgen habe ich hundert Russen“, sagt Tamazi. Hundert Russen, da muss man fit sein. Tamazi ist ein Grieche, wie er im Bilderbuch steht, wenn man davon absieht, dass er Georgier ist. Er ist aus Tiflis nach Griechenland gekommen. Anfang 1993 besorgte er sich ein Visum, fuhr mit seiner Frau im Bus von Tiflis nach Istanbul, von dort weiter nach Athen und noch weiter nach Rhodos, bis er sich schließlich auf Chalki niederließ. Chalki ist eine kleine Insel des Dodekanes, zehn Kilometer lang, drei breit. Der einzige bewohnte Ort auf Chalki heißt Imporios. Außerdem liegen landeinwärts noch die Ruine einer Johanniterfestung und ein verlassenes Dorf. Das hieß Chorio, was sich jeder leicht merken konnte, denn „Chorio“ heißt „Dorf“.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Athen.

          Viele Herrscher hat die Insel erlebt, Griechen, Römer, Byzantiner, Johanniter, Osmanen und zwischendurch Kreuzzügler oder Piraten. Es war ein wildes Kommen und Gehen. In den vergangenen Jahrzehnten war es allerdings eher ein Gehen. Auf Chalki ist es nicht anders als auf den anderen kleinen griechischen Mittelmeerinseln. Die meisten jungen Menschen sind fortgezogen, um in Athen ihr Glück zu suchen oder wenigstens auf Rhodos. Chalki hat noch 436 Einwohner, von denen etwa 80 eingewandert sind, Albaner vor allem, aber auch Bulgaren und Georgier. Wie überall in der griechischen Provinz bilden sie das Rückgrat der Wirtschaft, sind fleißig und von einem Aufstiegswillen getrieben, der den meisten Westeuropäern abhandengekommen ist.

          Russenboote landen erst am Vormittag

          Tamazi Tenoschwili und seine Frau betreiben auf Chalki die Taverne „Tschornoje Morje“. Das ist Russisch und heißt „Schwarzes Meer“. Hier, mitten in der Ägäis, klingt das zwar ein wenig sonderbar, aber die Tenoschwilis haben den Namen mit Bedacht gewählt. Es kommen nämlich immer mehr Russen mit Ausflugsschiffen von Rhodos zu einer Halbtagestour nach Chalki, und sie steuern gern die Taverne mit den vertrauten kyrillischen Schriftzeichen an.

          Aber noch ist es früh am Morgen, die Russenboote landen erst am Vormittag. Herr Tenoschwili und sein Gehilfe, ein muskulöser junger Ukrainer aus Lemberg, hacken am Kai Eisblöcke klein, um damit die Kühltruhen für den Fisch zu füllen, der gleich geliefert wird. Vier Familien der Insel leben noch vom Fischfang, alle anderen vom Tourismus. Es gibt zwar nur ein Hotel auf der Insel, dafür aber viele Häuser, die vermietet werden. Im Sommer seien die Arbeitstage lang, doch als Ausgleich dafür sei der Winter sehr ruhig, sagt der freundliche Besitzer der ägäischen Schwarzmeertaverne. Abends wird er in einem Anflug von Sentimentalität bekennen, dass er Georgien manchmal vermisse. Aber die Tochter ist schon 17 und in Griechenland aufgewachsen, und auch der Sohn, zehn Jahre alt, kennt nichts anderes. „Deshalb bleiben wir hier, auch in der Krise.“

          Giannis war schon vor der Krise da. Er wurde auf Chalki geboren und betreibt die Taverne „Apostolos“, am anderen Ende von Imporios. Die Gäste nennen ihn beim Vornamen, anders will er das nicht haben. Im Moment ist nur ein britisches Rentnerehepaar im „Apostolos“,, krebsrot wie alle Briten, die ihre dafür nicht vorgesehene Haut länger als fünf Minuten der südlichen Sonne aussetzen. Er löst Sudoku, sie liest eine Aristokratenklatschzeitschrift, während Herr Giannis ein kleines Gedankenspiel anstellt: Bestünde Griechenland nur aus Chalki, sagt er, wäre es durchaus zu begrüßen, wenn die Drachme zurückkäme. Dann werde nämlich alles billiger, und es kämen mehr Touristen. Aber Griechenland besteht eben nicht nur aus Chalki, sondern vor allem aus Athen, wo die Frau von Herrn Giannis mit den beiden Kindern lebt. „Dort würde das Leben sehr schwierig werden, wenn wir wieder die Drachme hätten.“ Von seinem Vater weiß er, wie schwer das Leben auf Chalki war, als die Europäer noch nicht massenhaft verreisten. Chalki gehörte damals noch zu Italien, wie alle Inseln des Dodekanes. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg fiel es an Griechenland, nachdem es zuvor für kurze Zeit auch von den Deutschen besetzt worden war.

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