10.03.2005 · Großbritannien und der Fall des flüchtigen kroatischen Generals Gotovina: Die Regierung will den ehemaligen Soldaten nicht nur wegen seiner Menschenrechtsverletzungen vor dem Gerichtshof in Den Haag sehen. Eine neue Spur führt ausgerechnet nach Irland.
Von Bernhard Heimrich, LondonDie britische Regierung denkt beileibe nicht nur an die Menschenrechte, wenn sie sich in der EU zum Vorreiter der Strafverfolgung des flüchtigen kroatischen Generals Gotovina macht. Auf dem Balkan mag Ante Gotovina Greuel verübt haben, für die der Gerichtshof in Den Haag ihn sucht. Doch London hat noch ganz andere Hühnchen mit ihm zu rupfen. Das gilt vor allem für den Geheimdienst Ihrer Majestät. Der hätte Gründe genug, die Sache geradezu persönlich zu nehmen.
Dabei könnte ein Fahndungserfolg gleich zur nächsten Verlegenheit führen. Denn nach der jüngsten Latrinenparole soll Gotovina sich nicht etwa in den Schluchten des Balkans verstecken, sondern gleich um die Ecke in Irland. Sein Schutzherr soll eine Fabelgestalt des nordirischen Untergrunds sein, die der britischen Polizei so ausdauernd eine Nase dreht wie „Scarlet Pimpernel“ der französischen zur Zeit der Revolution. Nur das Aroma ist etwas herber, denn heute hat der Schatten nicht den Namen einer Blume, sondern eines Fußballspielers: „Striker“, Mittelstürmer.
Greueltaten eines Verbrechers
Von Kroatien aus gesehen, hat die Affäre ihre Wurzel im Bürgerkrieg des auseinanderbrechenden Jugoslawien. Ante Gotovina, ein früherer Soldat der französischen Fremdenlegion, hat maßgeblich daran mitgewirkt, daß die Kroaten 1995 den von Serben besetzten Teil ihres Landes zurückerobert haben. Greueltaten, die ihm zur Last gelegt werden, haben ihm aber auch eine unerwünschte andere Beförderung eingetragen. Er ist heute der dritthöchste Name auf der internationalen Fahndungsliste nach seinen serbischen Todfeinden Karadzi und Mladi, eine Art Herzbube des Haager Gerichtshofs.
Auf dem britischen Radarschirm aber ist der General eigentlich erst aufgetaucht, als er untertauchte. Er verschwand 2001 am letzten Tag der Frist, die der Gerichtshof Zagreb für die Auslieferung gegeben hatte. Seither will man ihn an allen möglichen Orten Europas gesehen haben. Deshalb versuchen die Kroaten den Spieß umzudrehen und bitten die Polizeibehörden der EU eindringlich, den Flüchtigen endlich zu stellen und rechtzeitig Den Haag zu übergeben, damit die Verhandlungen über einen Beitritt zur EU bald doch noch beginnen könnten.
Wer ist der „Striker“?
In der europäischen Runde ist die britische Regierung besonders unnachgiebig. Man kann hier die Auffassung hören, Premierminister Blair mache sich auch diesmal wieder den Standpunkt Präsident Bushs besonders eifrig zu eigen. Washington hatte den europäischen Regierungen im vergangenen Jahr mitgeteilt, Beitrittsgespräche seien aus amerikanischer Sicht unerwünscht, bis Kroatien Gotovina ausgeliefert habe. Andere glauben, die traditionelle Zuneigung britischer Politiker zu den Serben trage bei. Wieder eine andere Kalkulation lautet, die britische Kroatien Politik denke um die Ecke, und es gehe schon um ein Vorspiel der Beitrittsgespräche mit der Türkei.
Doch das ist große Politik, und deshalb waren die „Special Branch“ von Scotland Yard und der Geheimdienst MI6 nicht über die Maßen interessiert. Das hat sich mit einem Ruck geändert, als das Gerücht des Weges kam, bei Gotovinas Verschwinden habe der verdammte „Striker“ seine Hände im Spiel gehabt. Denn den wünschen sich die Kartenspieler Ihrer Majestät inbrünstiger als alle anderen Herzbuben der Welt.
Der Name des „Strikers“ ist nicht bekannt. Das gehört natürlich zu den Spiegelfechtereien des Handwerks, denn alles andere scheint man zu wissen. Er sei ein Mann in den Dreißigern, geboren in England, sogar ein früherer englischer Soldat, doch mit einem irischen Großvater, dessen Name in die Geschichte des Dubliner Osteraufstands von 1916 eingetragen sei.
Er selbst sei romantisch mit Irland verbunden, was in diesem Fall nicht auf eine Frau deute, sondern auf eine Banditenarmee mit einem Frauennamen. Mittlerweile soll er aber nicht mehr zur regulären IRA gehören, sondern zur „Real IRA“, einer fanatischen Splittergruppe, die sich im Streit abgespalten hatte und weiterbomben will.
Urlaubsreise durch Irland
In der nordirischen Schattenwelt soll „Striker“ sich einen Namen gemacht haben, als er während der Balkan-Wirren Waffen besorgt und zugleich Waffenkäufe des protestantischen Untergrunds hintertrieben habe. Kontakte genug hatte er, denn in den frühen neunziger Jahren war er als ausländischer Freischärler in Kroatien unterwegs. Womöglich hatte er an der Seite Gotovinas gekämpft. So erklärt sich das Gerücht, er habe den alten Kämpfer kunstgerecht aus Zagreb „geliftet“ und ihn auf den Schleichwegen der weltumspannenden irischen Gegenwelt in die trotzigste und abgelegenste Ecke der Grünen Insel geschafft, ins nordwestliche Donegal. Vorher habe er ihm Belfast gezeigt.
Irgend etwas an diesem „Striker“ scheint die Phantasie frustrierter Geheimpolizisten einfach nicht loszulassen. Als 2000 der berüchtigte serbische Bandenhäuptling „Arkan“ erschossen wurde, hieß es gleich, das habe der „Striker“ getan. Zwar wurden mittlerweile drei andere verurteilt, aber das Verfahren wird wieder aufgerollt. Als im selben Jahr nachts vom Themse-Ufer eine schultergestützte Rakete zur Beletage des MI6-Hauptquartiers in London hinaufgefeuert wurde, raunte man, das sei eine typische Steilvorlage des „Strikers“ gewesen.
Die Rakete stammte tatsächlich aus seinen balkanischen Waffengeschäften. Es gab aber nur ein paar Glasschäden und einen rußgeschwärzten Fleck auf der Wand des Gebäudes im spätbabylonischen Stil. Richtig getroffen wurde nur der Stolz der verhuschten Insassen, denn natürlich haben sie den Schützen bis heute nicht gefunden.
Ein freischaffender Spezialist
Jetzt murmelt man in Nordirland sogar, der „Striker“ habe der IRA auch den rätselhaften Belfaster Bankraub vom 20. Dezember letzten Jahres organisiert, die Mutter aller gesamtirischen Bankeinbrüche mit 26,5 Millionen Pfund Beute. Das würde allerdings bedeuten, daß er mittlerweile auch nicht mehr zur „Real IRA“ gehört, denn die lebt in Todfeindschaft mit der IRA. Vielleicht ist er ein freischaffender Spezialist geworden. Jedenfalls soll er das Bankgeschäft vom Dietrich an bei dem sizilianischen Mafioso Valerio Viccei erlernt haben, dessen Truppe 1987 in London noch mehr Beute abgeräumt hatte: 62 Millionen Pfund.
Aber schon im Sommer hatte der „Striker“ es endgültig verdorben mit dem britischen Geheimdienst. Damals war auf dem Parkplatz des „Holiday Inn“ von Jankomir, einem Stadtteil von Zagreb, ein elektronisch hochgerüsteter Lieferwagen im Wert von fast 100.000 Pfund abgebrannt. Das war das leuchtende, aber unrühmliche Ende einer Zusammenarbeit mit dem kroatischen Geheimdienst.
Die Briten sollen zwar angegeben haben, sie forschten nach Gotovina, in Wahrheit aber sei es ihnen um die Verbindungen ihrer kroatischen Freunde mit dem „Striker“ und seinen Waffengeschäften gegangen. Deshalb fing der Abhörlieferwagen Feuer. Bald konnten sich auch alle kroatischen Zivilisten darüber amüsieren, denn die Geschichte kam in die Zeitungen. Daß es schon die dritte Panne desselben Jahres auf dem Balkan war, macht die Stimmung nicht besser.
Erst im Frühjahr hatte ein höherer britischer Spion aus Belgrad abberufen werden müssen, weil eine hilfreiche Zeitung sein Foto, seine Telefonnummer und E-Mail-Adresse veröffentlicht hatte. Der Nachfolger ist auch nicht alt geworden, denn er wurde sogar gleich in mehreren Zeitungen annonciert. Auch daran ist bestimmt der „Striker“ schuld, wenn es ihn gibt.